Der unbeachtete Schmerz

Es geht um das Altwerden – und es geht vor allem um Schmerzen im Alter. Meist betrifft es Frauen. Sie sind um die 80 Jahre, leben in einer Pflegeeinrichtung – und sind dement. Doch selbst Ärzte erkennen die Schmerzen nicht, und Betroffene werden meist mit Psychopharmaka ruhig gestellt. Immer noch herrscht der Irrglaube, dass Demenzkranke weniger Schmerzen empfinden. Doch das Gegenteil ist der Fall. Auch wenn sie sie nicht verbalisieren können – es gibt Anzeichen. Ein Experte klärt auf.
Nicole MÜHL / 29. April 2019
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Die Chancen, in absehbarer Zeit die Ursachen für Demenz und somit ein Mittel gegen die Erkrankung zu finden, stehen schlecht. „Sogar der Pharmakonzern Pfizer hat kürzlich seine anfangs hoffnungsvollen Studien eingestellt, da sich seine Forschungen an einem Medikament als nicht zielführend herausstellten“, so Primar Dr. Andreas Winkler, Facharzt für Neurologie und Geriatrie und Ärztlicher Leiter der Klinik Pirawarth. Medizin und Wissenschaft tappen im Dunkeln. Dabei kann bei einem Drittel aller älteren Menschen, die jährlich sterben, Demenz diagnostiziert werden. Und die Zahlen werden in den kommenden Jahren steigen. Umso wichtiger ist deshalb der Umgang mit Demenz, um Betroffene besser verstehen und behandeln zu können.

Der Schmerz, den keiner erkennt

Ein Thema, das bei Demenzpatienten völlig vernachlässigt wird, ist die Behandlung von Schmerzen. Das Forum Palliativ in Oberwart hat das Thema „Demenzerkrankte haben keine Schmerzen – ein schmerzhafter Irrtum“ in den Fokus seines heurigen Fachvortrages gestellt.
Die Aula der NMS Oberwart war an diesem Abend mit Ärzten, Pflegefachkräften und Angehörigen von Demenzerkrankten bis auf den letzten Platz gefüllt, um den Erkenntnissen des Demenz-Experten Andreas Winkler zu folgen.

„Fakt ist: Demenz verändert die Schmerzwahrnehmung“, betont der Facharzt für Neurologie und Geriatrie. Der Patient kann weder zuordnen, woher der Schmerz kommt, noch kann er ihn verarbeiten und schon gar nicht verbal ausdrücken. „Der Demenz-Patient nimmt den Schmerz deshalb als massive Bedrohung wahr“, so Winkler.

Die Crux dabei ist jedoch, dass weder Ärzte noch Pflegefachkräfte noch Angehörige das Verhalten des Demenz-Patienten in dieser Situation richtig deuten. Der Patient ist unruhig, schreit, gestikuliert. Er lässt sich auch nicht trösten oder ablenken. Oftmals geht damit auch ein übermäßiges Schwitzen einher, und es kann sogar zu einer Entgleisung des Blutdrucks kommen. Dies alles sind Anzeichen, die in den meisten Fällen jedoch falsch interpretiert werden. „Meist werden diese heftigen Schmerzreaktionen des Patienten auf eine Verhaltensstörung zurückgeführt, wie sie bei Demenz auftritt. Statt den Schmerz also wahrzunehmen und zu behandeln, werden Psychopharmaka verabreicht, die den Patienten ruhig stellen. Fälschlicherweise wird angenommen, dass Demenzkranke weniger Schmerzen haben. Doch das Gegenteil ist der Fall. Der Schmerz wird viel stärker wahrgenommen.“ Winkler geht sogar davon aus, dass etwa ein Viertel der Demenz-Patienten Psychopharmaka gegen Schmerzen bekommen. „Doch diese sollten nur im Notfall verabreicht werden, denn sie sind bei längerfristiger bzw. dauerhafter Einnahme mit einer Steigerung der Sterblichkeit verbunden

Sichtbar machen

Das Wissen um die erhöhte Schmerzempfindung bei Demenzerkrankten fordert, dass der Schmerz auch erfasst werden muss. „Dies ist mittels des einfachen Messverfahrens BESD möglich, das nur wenige Minuten in Anspruch nimmt“, erklärt Andreas Winkler. Dieser Kurz-Check kann auch von Angehörigen durchgeführt werden und ist eine Hilfe, um demente Schmerzpatienten richtig behandeln zu können. Was aber nie falsch ist im Umgang mit Betroffenen, sagt Andreas
Winkler: „Berührungen tun immer gut.“

 

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Prim. Dr. Andreas Winkler
Prim. Dr. Andreas Winkler (FA für Neurologie und Geriatrie und Ärztl. Direktor der Klinik Pirawarth) hielt in Oberwart einen Vortrag zum Thema „Schmerzen und Demenzerkrankte“. Veranstaltet wurde dieser vom Forum Palliativ – von DGKS Eva Marlovits und Dr. Klaus Peter Schuh

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