Harmonikabauer aus Berufung – Gustav Auer

Um die nächstgelegene ehemalige Fertigungsstätte der Steirischen Harmonika zu besichtigen, verschlägt es einen ausgerechnet ins Burgenland, nach Trulitsch bei Markt Allhau. Doch dazu muss gesagt werden, dass die Steirische, auch „Knopferlharmonika“ genannt, eigentlich in Wien erfunden wurde. „Steirisch“ wurde sie von den Wienern genannt als Synonym für „ländlich“. Wer hat nun aber die Steirische in dem kleinen burgenländischen Örtchen gebaut?
Olga SEUS / 29. April 2019
Foto: Olga Seus

Die Brüder Engelbert und Johann Goger in der Werkstatt ihres Großvaters.

 

 

Kommt man ans Ende von Trulitsch, fällt einem sofort der weite Blick auf. „Ja, wir sagen immer, der Opa hatte beim Arbeiten die schönste Aussicht“ so begrüßen einen Johann und Engelbert Goger, die Enkel von Gustav Auer und selbst schon in rüstigem Alter. Immerhin ist Gustav Auer bereits 1966 gestorben, da waren die beiden 19 und 9 Jahre alt.

Instrumentenbauer aus Leidenschaft

In dieser wunderschönen Aussicht scheint teilweise das Geheimnis des Charakters von Gustav Auer begründet zu liegen: Ein Tüftler mit Weitblick fürs ästhetische Detail muss er gewesen sein, der „Großvater“, dessen Werkstatt seit seinem Tod nahezu unberührt geblieben ist. Selbst begnadeter Harmonikaspieler, fand er seine Leidenschaft im Instrumentenbau – bis 1956, also 10 Jahre vor seinem Tod, ohne Strom oder fließend Wasser und als reiner Autodidakt. Er kaufte sich ein altes Instrument, schraubte es auf und baute es nach. Dabei verfolgte der gelernte Zimmerer den Grundsatz, alles, was aus Holz war, selbst zu machen, der Rest wurde zugekauft: Karton, Papier, Ziegenleder, Metallbesätze, nicht zuletzt die Stimmblätter. „Immer war es behaglich in der Werkstatt beim Opa“ erinnert sich Johann liebevoll, denn immer habe der Ofen gebrannt, dessen Glut nicht zuletzt für den Lötkolben gebraucht wurde. So viel Präzisionsarbeit und so viele Handgriffe, alles manuell betrieben, ohne Strom, heutzutage nur sehr schwer vorstellbar.

Leben für die Steirische

Gustav Auer verbrachte so viel Zeit, wie er neben der Landwirtschaft hatte, in seiner Werkstatt. Er machte seine Leidenschaft zur Berufung und fabrizierte bis zu vier Harmonikas im Jahr. Er baute die Kästen, befestigte die Holzklappen mit Drähten und lötete sie, faltete selbst den Balg akribisch genau und klebte ihn mit Ziegenleder und Edelweißpapier ab. Mit ruhiger Hand, so betont Johann Goger. Nie habe er gezittert, nie eine Falte ins Papier gemacht. Gearbeitet hat er bis zum Schluss und dann, wie er selbst immer wollte, ist er mitten in der Arbeit gestorben. Wollte eine Steirische stimmen, der Lötkolben lag schon in der Glut und Gustav Auer fiel einfach um.

Der Bastler

Beliebt waren seine Quetschn in der ganzen Gegend, da wussten die Leute auch, wo sie hingehen sollten, wenn sie mal eine repariert haben wollten. Denn Reparieren konnte er auch. Ziehharmonikas genauso wie Uhren. Nichts war zu kleinteilig, nichts war unnütz, alles wurde aufgehoben, weiter verwendet. Alte Konservendosen voller Nägel und Nägelchen in verschiedensten Größen kann man heute noch in der Werkstatt finden. Ein ruhiger, eher nachdenklicher Mensch sei er gewesen, mit einem genauen Blick. Sein Grundsatz, festgehalten in einem Bild, hängt heute noch in der Werkstatt: „Ist Gott für uns, wer mag wider uns sein?“

Gustav Auer ist tot – doch die Tradition lebt

Fast taub wurde er zum Schluss seines Lebens, doch Musik, die konnte er immer noch hören, zum Glück, schließlich stimmte er seine Harmonikas alle selbst und das perfekt. Das kann nicht jeder, der Großvater konnte es aber. Sein Sohn Josef übernahm schließlich die Werkstatt, aber nur für Reparaturen. Auch Bälge stellte er noch her, jedoch keine vollständigen Quetschn. Stimmen, das konnte Josef aber auch. Die Anlage dazu steht noch in der Werkstatt, kleine Feilen, um die Stimmblätter entsprechend abzufeilen, inklusive.

Heute gibt es nur noch einen Cousin, der Instrumentenbauer ist, beim Musikhaus Fleck in Hartberg arbeitet er. Doch Josef und Engelbert – letzterer erbte den Hof und auch die Werkstatt – ist es wichtig, das Andenken an Gustav Auer hochzuhalten, seine bewundernswerte Akribie.

Josef hat sogar mit 57 Jahren noch das Spielen der Steirischen gelernt und spielt nun auf der alten vierreihigen von Gustav Auer. Sein Bruder Engelbert hat sie ihm geschenkt, denn „wenn der Großvater sehen könnte, dass wieder einer spielt, das würde ihn so sehr freuen“.


Johann Goger
Die Brüder Engelbert und Johann Goger in der Werkstatt ihres Großvaters.

Engelbert Goger
Die Brüder Engelbert und Johann Goger in der Werkstatt ihres Großvaters.

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