…und es begann mit einem gläsernen Sarg

Zu einer der stimmungsvollsten Jahreszeiten begleite ich Alexander Freiherr von Kottwitz-
Erdödy und seine Tochter Sarah Keil kilometerweit durch den alten Herrschaftswald in Kohfidisch. Wir finden uns auf einer Lichtung wieder, auf der eine Kapelle steht, umgeben von Grabstätten. Die Sonne glitzert durch die bereits bunt verfärbten Baumkronen, und ich tauche in eine spannende Welt voller Familiengeschichten ein, erzählt von einem humorvollen und durchaus spitzbübischen Baron. Die etwas andere Homestory.
Nora SCHLEICH / 30. Oktober 2019
Foto: Nora Schleich

 

Baron Alexander Freiherr von Kottwitz-Erdödy und seine Tochter Sarah Keil, die das Schloss und das Anwesen in Kohfidisch verwaltet.

 

Ruhig, friedvoll und von hohen Bäumen geschützt liegt die letzte Ruhestätte der Familie. Alexander Freiherr von Kottwitz-Erdödy ist täglich im Wald, kommt immer an der Waldkapelle vorbei und stellt sicher, dass hier die Kerzen brennen. Tag für Tag. Die „Gruft“, wie der Friedhof von den Einheimischen genannt wird, ist ein Kraftort für den Forstwirt, auch dank der besonderen Bäume. „Die Scheinzypressen haben zwölf Stämme, die zu einer Krone zusammenwachsen.

So wirken sie wie ein großer Baum. Wie unser Glaube, der hat auch mehrere Stämme,“ zieht Alexander von Kottwitz-Erdödy den Vergleich. Tief religiös sei die Familie, wenn sie auch nicht an DIE Kirche glaubt. Der Baron zitiert: „Nur weil ich mich über das Bodenpersonal ärgere, trete ich nicht gleich aus!“ „Momentan halten wir es mit den Amazonasindianern“, sagt Sarah und spielt auf eine aktuelle Synode in Rom an, die den „Totalumbau“ der Kirche in den Raum stellt. Dann der plötzliche Einwurf: „Hast du die Kränze für Allerheiligen bestellt?“

Die Gruft

Graf Georg Erdödy, letzter männlicher Spross der Erdödyschen Linie von Kohfidisch, ließ Mitte des neunzehnten Jahrhunderts die neogotische Kapelle für seine erste Ehefrau Charlotte erbauen, die mit achtzehn Jahren im Kindbett starb. „Es wird erzählt, dass Georg seine geliebte tote Gemahlin erst in einem gläsernen Sarg in der Kapelle im Schloss aufgebahrt hatte, bis es seinen Schwestern reichte. Dann wurde der Ort hier ausgependelt, als Kraftort bestimmt und die Waldkapelle mit Charlottes Grab gebaut.“ Heute liegt hier in einer Gruft auch Georg mit seiner zweiten Frau Julia. Die Engländerin hat er angeblich einem Kapitän bei der Überfahrt ausgespannt.

Die Töchter Johanna und Franziska sind hier ebenso begraben wie ein Großneffe des Grafen, dessen Sohn wiederum bei Johannas Tod eigentlich ein leiblicher Erbe gewesen wäre. „Ich aber war Johannas Täufling. Sie kannte meine Eltern aus Berlin. Der blutsverwandte Großneffe sollte sie nicht beerben. Also adoptierte sie mich Mitte der 1960er Jahre, um alles zu vereinfachen,“ so Alexander Kottwitz-Erdödy, der in all den Jahren in Kohfidisch weder seinen deutschen Akzent noch seine Liebe für seine „Heimat“ Hamburg verloren hat. Er hat schließlich auch seine Eltern nach deren Ableben auf diese letzte Ruhestätte in Kohfidisch geholt.

Jimmy

Die Energie und das besondere Flair der Begräbnisstätte lassen den Baron und seine Tochter an die Vergangenheit denken. „Nie habe ich ein stimmungsvolleres Begräbnis erlebt als das von Jimmy,“ erzählt der Freiherr. Seine Adoptivmutter nannte sich „Jimmy“. Eine weltoffene Person war sie, die Gräfin. „Und immer für eine Überraschung gut“, schwelgt der Baron in Erinnerungen. „Der rechte Altarstein in der Kapelle stammt aus einer Kapelle in Deutsch Schützen. Der lag herum, also hat ihn meine Adoptivmutter eingepackt und mitgenommen. Ich würde nicht sagen gestohlen, aber gefragt hat sie auch nicht viel,“ schmunzelt er plötzlich wie ein Teenager und untermauert dieses Bild der Gräfin mit weiteren Anekdoten. „Bei einem Besuch mit meinem Vater in Graz war plötzlich die Windschutzscheibe mit rotem Lippenstift beschmiert – mit der Inschrift: Ich liebe dich, Jimmy.“

Sie war eine schillernde Persönlichkeit, die weit über den Bezirk hinaus bekannt war. Sie war klein und zart, aber mit lauter Stimme. Sie war immer in Hosen gekleidet, rauchend, mit Hang zu schnellen Sportautos – für eine Frau der damaligen Zeit äußerst ungewöhnlich, extravagant und extrovertiert. Auf Gräfin Johanna Erdödys Grabstein steht Johanna Palffy-Daun. „Als sie jung war, war sie für eine Schrecksekunde lang auch verheiratet. Aber sie ist ihn schnell los geworden“, lacht Sarah liebevoll, und sie erklärt somit den Namen und die Inschrift.

Der Besuch der „Gruft“ in Kohfidisch fühlt sich für mich wie ein ganz besonderes Novembererlebnis an. Wir haben der Toten gedacht, Geschichten erzählt, gelacht und gestaunt. Abschließend sagt der Baron: „Der Ort hier ist eine ganz spezielle Nummer. Dieser Friedhof gehört nicht der Kirche, sondern uns. Er wird uns immer bleiben, auch wenn all der andere Besitz irgendwann verkauft werden sollte.“


Die Kapelle der Familie Kottwitz-Erdödy liegt mitten im Wald in Kohfidisch.

Der linke Altarstein ist im romanischen Stil dem originalen, rechten, nachgemacht. Der Christus am Altar wurde von der Familie in Tirol gekauft.

Die Gruft von Georg Erdödy und seiner zweiten Frau Julia.

Das Grab von Charlotte, der ersten Frau von Georg Erdödy, die bereits mit 18 Jahren verstarb.

Die Grabsteine der Eltern von Alexander Freiherr von Kottwitz-Erdödy. Er wurde von Johanna Palffy-Daun adoptiert. Nach dem Tod seiner leiblichen Eltern hat er diese ebenfalls in der „Familiengruft“ hier in Kohfidisch bestatten lassen.

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