Leserbrief – Doskozil auf Kollisionskurs mit Fakten und Klimaschutz

DI Dr. Dietrich Wertz, Energietechniker, parteifreier Gemeindevorstand in Bad Tatzmannsdorf und ehem. Sprecher der NGO „Südburgenland Pro Bahn“.
1. Juli 2020

Eine Vorgehensweise, die in der Wissenschaft verpönt, in der Politik aber leider üblich ist, prägte die Eröffnungsveranstaltung des Verladezentrums Rotenturm: Nämlich das Ausblenden wesentlicher Tatsachen. Doch der Reihe nach: Es ist überaus erfreulich und auch europaweit schon eher ungewöhnlich, dass neue Bahn-Verladestellen errichtet werden. Das Bemühen von Infrastruktur-Landesrat Heinrich Dorner, das aktuelle Projekt zum Abschluss zu bringen, war dementsprechend weitsichtig. Das verdient Anerkennung, selbst wenn einige wichtige Schritte noch offen sind.

Etwas trübt sich das Bild schon ein, wenn das verlautbarte Güterverkehrsziel genauer betrachtet wird: An der neuen Anlage sollen ca. 30.000 Jahrestonnen verladen werden. Ein wenig ambitioniertes Ziel, wenn man bedenkt, dass diese Tonnage alleine für den Bereich Oberwart schon vor der aktuellen Investition um mehr als das Doppelte überschritten und sogar die 100.000er-Marke an der gesamten Pinkatalbahn bereits mehrmals durchbrochen wurde. Deshalb sollte man alleine in Rotenturm nicht 30.000, sondern mindestens 60.000 Jahrestonnen anstreben. Um das zu erreichen, muss das Land jedoch Transportsubstrate, auch abseits der Holzwirtschaft, aktiv aus der Fläche an die Schiene bringen. Umsetzungsreife Containerkonzepte zur kurzfristigen Umsetzung liegen vor – es hängt am Talent der verantwortlichen Politiker, diese erfolgreich auf den Weg zu bringen.

Wenig Anlass zur Hoffnung, dass derartige Impulse von der Landesregierung kommen werden, gab Landeshauptmann Doskozil: Getrieben von einer offen zur Schau gestellten, persönlichen Abneigung gegenüber der Bahn vergriff er sich (wieder einmal) ganz grob hinsichtlich der Investitionssumme zur Wiederherstellung der Infrastrukturtrasse Friedberg-Oberwart-Szombathely. Nach seiner Ansicht würde dieses Projekt „in die Milliarden (!)“ gehen, weshalb eine Umsetzung vollkommen unrealistisch sei.

Zum Glück liegt Herr Doskozil mit seiner Einschätzung um ein Vielfaches daneben. So wäre es hilfreich gewesen, wenn er sich mit der bestehenden Studie „Grenzbahn“ vertraut gemacht hätte: Diese schlüsselt nämlich im Detail auf, dass die viel diskutierte Lücke nach Ungarn schon mit ca. 120 Mio. € geschlossen werden kann. Besonders peinliches Detail am Rande: Das Land Burgenland ist Mit-Auftraggeber dieser Studie.

Bei aller notwendigen Kritik sollte man sich aber den Blick in eine positive Zukunft nicht verstellen lassen. Dafür sind das Weltklima und die Mobilitätswende für das Burgenland viel zu ernst und bedeutsam. Ob in diesem Bereich Erfolge zu verzeichnen sein werden, ist nur eine Frage des politischen Willens. Diesen unter Beweis zu stellen, haben Landesrat Dorner und seine Mannschaft in den nächsten Monaten ausreichend Gelegenheit: Etwa beim Ankauf der Bahntrasse bis zur Staatsgrenze, bei der Sicherung von Oberwart-Oberschützen und bei der aktiven Bewirtschaftung des neuen Güterverkehrsbereichs.

 


Aufgrund des vorliegenden Leserbriefes hat prima! im Büro von Landeshauptmann Hans Peter Doskozil um eine Stellungnahme zu den wesentlichsten Kritikpunkten gebeten.

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