„Das Schlimmste ist die Ignoranz“

„Krebs durch Armut, Armut durch Krebs“ - wie dramatisch das Überleben Betroffener vom sozialen Umfeld abhängt, darüber berichtete Prof. Dr. Alexander Gaiger, Spezialist für Hämatoonkologie und onkologische Rehabilitation am AKH Wien, im Rahmen seines Vortrags beim „Forum Palliativ“ in Oberwart.
Eric Sebach
Foto: Sebach

Dr. Klaus-Peter Schuh und Eva Marlovits vom Mobilen Palliativteam, Vortragende Bettina Pußwald und Univ.-Prof. Dr. Alexander Gaiger und Moderatorin Christine Marold

 

Dass es die sogenannte „Zweiklassen-Medizin“ in unserem Lande längst gibt, ist nicht neu. Dass sich eine schwere Erkrankung im Erste-Klasse-Bett wahrscheinlich psychisch leichter ertragen lässt als im Vierbett-Zimmer, wird auch niemanden überraschen. Wie sehr allerdings soziale Ungleichheit, niedriges Einkommen und geringes Bildungsniveau die Überlebenschancen krebskranker Menschen drastisch vermindern – damit hat Univ.-Prof. Dr. Alexander Gaiger die Besucher der 13. Auflage des „Forum Palliativ“ in Oberwart regelrecht aufgerüttelt. Und dass das Thema interessiert, konnte Veranstalter Dr. Klaus-Peter Schuh an den 220 Besuchern in der Aula der NMS Oberwart feststellen.
Krebs muss kein Todesurteil mehr sein, das ist die erfreuliche, bemerkenswerte Botschaft der Medizin anno 2018 – „dank zahlreicher neuer Therapien schaffen wir es, viele Patienten mit Tumorerkrankungen vor einem raschen Tod zu bewahren und sie in den Status der Chronifizierung zu begleiten“, so Gaiger. „Menschen sterben seltener am Krebs, sie sterben eines Tages mit dieser chronischen Krebserkrankung.“

„Einen Tumor zu besiegen, ist so hart, wie den Everest zu bezwingen“
Zahlen machen freilich betroffen: „Über 300.000 Menschen leiden in Österreich an einem Tumor, in zehn Jahren werden es über eine halbe Million sein“, zeichnet Prof. Gaiger ein düsteres Bild. „Und: Wir kennen in der Medizin zur Zeit über 1.000 verschiedene Tumorarten. Kein Krankheitsverlauf ist ähnlich – dafür begehen viele Patienten denselben Fehler, nämlich für jede Erkrankung eine Begründung zu suchen. Hauptsache, jemand hat Schuld, das ist in unseren Köpfen offenbar fest verankert!“

Dabei sei es viel wichtiger, keine Gründe für den Krebs zu suchen, sondern alle Kräfte zu sammeln, um zu überleben. „Seit 30 Jahren habe ich es jeden Tag mit Krebspatienten zu tun – und ich bewundere sie von Tag zu Tag mehr“, so Gaiger. „Einen Tumor zu besiegen, ist so anstrengend, wie den Everest zu besteigen. Es erfordert dieselben Strapazen, die sich ein Marcel Hirscher in einer ganzen Weltcup-Saison antut. Jeder dieser Patienten hat das Recht, von der Therapie müde zu sein.“

„Geld hilft, wenn man krank wird“
Und jetzt, so Gaiger, sollte sich jeder den Unterschied zwischen der 1-Million-Dollar teuren Rehabilitation eines Michael Douglas auf Hawaii und jener eines Langzeitarbeitslosen oder einer Mindestrentnerin vorstellen.

Wie unterschiedlich die Überlebenschance aufgrund seelischer und sozialer Faktoren sei, belegen laut Gaiger europaweit anerkannte Studien. „Bei gleichem Tumorstadium, gleichem Risiko und gleicher Behandlung ist die Sterblichkeitsrate bei Menschen mit geringem Einkommen und niedrigem Bildungsstandard zwischen 40 und 60 Prozent höher. Egal, ob bei Brust-, Darm- oder Prostatakrebs.“ Gaiger im Original: „Geld macht nicht glücklich, aber es hilft, wenn man krank wird. Weniger sozialer Standard bedeutet meist auch den vermehrten Hang zur Depressivität. Und das Schlimmste ist die Ignoranz der Gesellschaft. Arm und krank zu sein, darüber redet man doch nicht.“

Patientin kann Unterstützung gut brauchen
Und sie redet doch: Pamela Sitter-Trollmann, dreifache Mama (3, 6, 22), Ehefrau, seit zwei Jahren Krebspatientin. Zwei Jahre lebt die Burgenländerin zwischen Hoffen und Bangen. Und in Nöten. „Ohne die finanzielle Unterstützung der Krebshilfe wär‘s kaum gegangen. Ich bin der Geschäftsführerin, Andrea Konrath, unendlich dankbar.“
Trotz Chemotherapie, drei Operationen und Strahlentherapie ist es für die Lehr-Hebamme (noch) nicht möglich, in den Berufsalltag zurückzukehren. „Man hat ein schlechtes Gewissen gegenüber dem Partner, den Berufskolleginnen – andererseits will ich in erster Linie gesund werden!“

Dass Rezeptgebühren, Honorarnoten für Ärzte sowie Kosten für Medikamente und Heilbehelfe das Familienbudget belasten, liegt auf der Hand. „Dazu müssen mein Mann und ich auch für die teilweise unumgängliche Kinderbetreuung bezahlen. Das belastet zusätzlich.“
Zwischendurch musste sich Pamela Sitter-Trollman Geld von der besten Freundin borgen. „Aber wir schaffen das, meine Familie und ich – auch wenn es nicht leicht ist.“

Beitrag aus Ausgabe 05/2018


So hilft die Krebshilfe
Krebs durch Armut, Armut durch Krebs – die Krebshilfe Burgenland ist bereit, Betroffenen - wie Pamela Sitter-Trollmann (45) - aus dem Soforthilfe-Fonds finanziell unter die Arme zu greifen. „Je nach Bedarf sind das maximal 5.000 Euro“, erklärt Geschäftsführerin Andrea Konrath. „600 Euro davon werden in zwei Raten ausdrücklich für Lebensmittel ausbezahlt. Die finanzielle Last ist aufgrund der Einkommenseinbußen im Krankheitsfall oft enorm.“
Übrigens: das Krebshilfe-Budget setzt sich zur Gänze aus Spendengeldern zusammen. 2017 wurde an 40 Personen im Burgenland ein Betrag von 87.192 Euro ausbezahlt. Wer spenden möchte, kann das etwa mit dem Kauf von Eintrittskarten für das Krebshilfe-Konzert am 17. Juni in Güssing tun.
Genauso wertvoll wie die Arbeit der Krebshilfe ist die Tätigkeit der mobilen Palliativ-Teams. Bettina Pußwald, diplomierte Sozialarbeiterin in Feldbach-Fürstenfeld, hat es tagtäglich mit Patienten zu tun, die von sozialer Ausgrenzung und Isolation betroffen sind. „Mit dem Krankenstand bzw. dem Jobverlust gerät eine regelrechte Abwärtsspirale in Bewegung. Zur schweren Erkrankung kommen auch noch Existenzängste dazu.“ Zuzuhören und zu kommunizieren sei besonders wichtig, so Bettina Pußwald. „Und mir ist es stets ein Anliegen, den Angehörigen Applaus zu spenden und ihnen den Rücken zu stärken. Das baut auf.“
www.krebshilfe-bgld.at

Einen Kommentar hinterlassen: