Vergiss’ mein nicht!

Das Leben in einer Gemeinschaft und spezielle Trainings sollen in der Senioren-WG PLUS in Oberwart das Fortschreiten von Demenz verzögern. Oberwart ist damit Vorreiter einer neuen Behandlung jener gefürchteten Krankheit, die den Verstand raubt.
Nicole Mühl
Foto: View / J. Vass

Die Senioren-WG PLUS in Oberwart verfolgt ein neues Konzept bei der Behandlung von Demenz. Die Gemeinschaft soll durch viele Angebote gefördert werden.

 

Theresia G. hat ihr Leben lang gerne gestrickt. „Socken“, sagt sie. „Und Hauben“. Dabei lächelt sie und greift zu der Wolle vor ihr auf dem Tisch. Einen kurzen Augenblick hält sie inne und wickelt dann den langen Faden ein paarmal um ihre linken knochigen Finger. Mit der rechten Hand nimmt sie die beiden Stricknadeln und verharrt plötzlich mitten in der Bewegung. Ihr Augen blicken ratlos auf ihre Hände. Theresia G. hat vergessen, was sie zu tun hat und wie der Vorgang abläuft. Sie legt die Stricknadeln wieder auf den Tisch und rollt die Wolle zurück auf das Knäuel. Dann startet sie den Versuch von Neuem – mit demselben Ergebnis. Immer wieder zuckt sie dabei mit den Schultern, schüttelt den Kopf und schimpft leise mit sich selbst wegen ihrer Vergesslichkeit.

Theresia G. ist eine von 600 Menschen im Bezirk Oberwart, die an Demenz erkrankt sind. Eine Diagnose, die den Betroffenen und ihren Angehörigen Angst macht, denn Demenz verändert langsam die Persönlichkeit des Menschen und raubt ihm nach und nach seine mentalen Fähigkeiten. Meist führt sie auch in die Isolation. „Demenz geht uns an den Verstand und an die Vernunft. Sie trifft uns an der Stelle, auf die wir besonders stolz sind“, erklärt der Oberwarter Allgemein- und Palliativmediziner Klaus Peter Schuh. Seit Jahrzehnten beschäftigt er sich intensiv mit dieser Erkrankung. Vor zehn Jahren hat er mit dem Neurologen Hans Kirisits den Seniorengarten in Oberwart ins Leben gerufen – eine Tagesbetreuungsstätte für Menschen mit Demenz. Nun ist er einen Schritt weitergegangen und hat die Vision von einer Wohngemeinschaft für Senioren mit Demenz realisiert.

Reden statt fernsehen
„Meine Mutter ist die meiste Zeit nur gelegen. Ihre sozialen Kontakte waren eingeschränkt und den Tag hat sie hauptsächlich mit Fernsehen verbracht“, erzählt Klaus Peter Schuh. Er kennt die Erkrankung nicht nur als Mediziner, sondern auch als betroffener Angehöriger. Im Verlauf der Demenz-Erkrankung kommt es zum Verlust der praktischen Alltagsfähigkeiten. „Die Sprache verändert sich. Der Wortschatz nimmt merklich ab. Beinahe alle Angehörigen berichten von Orientierungslosigkeit und Herumgeistern der Betroffenen“, so Schuh. Die Vereinsamung seiner Mutter sei für ihn besonders belastend gewesen.
Heute sitzt sie mit einer Dame am Tisch der Gemeinschaftsküche der Senioren-WG in Oberwart. Zeitungen liegen vor ihr. Sie nimmt teil am Leben in einer Gemeinschaft, die einen völlig neuen Ansatz verfolgt.

Eine Gemeinschaft entsteht
Der Leitgedanke ist im Grunde genauso einfach, wie logisch. Durch die Integration in eine WG wird der Vereinsamung entgegengewirkt. Im besten Fall hilft man sich gegenseitig und es entsteht das Gefühl, dass man Teil eines Verbandes, einer Art Familie, ist. In Oberwart sind es zwei Wohngruppen mit je zwölf Senioren, die in der WG betreut werden. „Das Angebot richtet sich an Menschen mit der Diagnose leichte bis mittelschwere Demenz“, erklärt Klaus Peter Schuh.

Jeder der Senioren hat hier eine eigene Wohnung mit rund 30 m2 mit Badezimmer und WC. Um das Zusammensein zu fördern, gibt es Gemeinschaftsräume mit unterschiedlichen Rückzugsinseln.
Die Mahlzeiten werden miteinander in der Gemeinschaftsküche eingenommen. „Kochen, Wäschewaschen und Aufräumen wird vom Betreuerteam übernommen. Dennoch ist es uns wichtig, dass die Senioren selbständig bleiben. Eigenbestimmung ist ein Grundrecht des Menschen und das nehmen wir sehr ernst“, erklärt Schuh. Das Ziel ist, die Autonomie und Selbständigkeit der Bewohner so lange wie möglich zu erhalten und damit ihre Lebensqualität zu erhöhen.

Einzigartig in Österreich – ein Training gegen Demenz
Das Allheil-Medikament gegen Demenz gibt es nicht. „Doch der Österreichische Demenzbericht 2014 bestätigt eindeutig, dass durch Trainings und Zusatzangebote die Alltagsfähigkeiten länger erhalten werden können“, erklärt Schuh. Wichtig dabei: Es ist nie zu früh, mit Interventionen zu beginnen, aber auch nie zu spät, sie einzuleiten. Es kommt dadurch in jedem Fall zu einer Verbesserung der Lebensqualität. Angeboten werden im Demenzzentrum Oberwart daher Kognitives Training, Logopädie, Ergotherapie und Physiotherapie. Finanziert wird dies zum Teil über die Krankenkasse, der Selbstbehalt wird über die nächsten drei Jahre vom LIONS Club Südburgenland übernommen. Dieses Angebot ist einzigartig in Österreich.

„Erfahrungswerte gibt es in dieser kurzen Zeit noch keine“, sagt Schuh. „Aber wir können zum Beispiel schon feststellen, dass die Bewohner nachts durchschlafen und nicht herumgeistern. Das liegt daran, dass sie tagsüber beschäftigt und gefördert werden.“
Und dann gibt es die kleinen, ganz persönlichen Glücksmomente eines jeden einzelnen Bewohners, die hier durch die Gemeinschaft ganz nebenbei und beinahe unbemerkt passieren. Wenn einst vertraute Abläufe plötzlich wieder da sind, weil jemand von der Gruppe einen kleinen Anstoß gibt und das Erinnern zurückkehrt.
Da lächelt dann auch Theresia G. glücklich, wenn sich eine Strickpartnerin zu ihr gesellt und sie nach kurzer Anleitung wieder wie früher mit den Stricknadeln die Maschen anschlägt.

Beitrag aus Ausgabe 11/2017


Demenz - es gibt Hilfe
Die Senioren-Wohngemeinschaft Plus ist auf dem Areal des ehemaligen Magnet-Marktes in Oberwart entstanden. Bauträger ist die OSG. Geführt wird es von der Diakonie Südburgenland. Ziel der Senioren-WG PLUS in Oberwart ist, dass die Betroffenen am Beginn ihrer Erkrankung zu ihrer Diagnose stehen und selbstbestimmt mitentscheiden. Die WG ist für Menschen mit beginnender und mittelschwerer Demenz vorgesehen. Durch das Konzept (WG, Therapien & Trainings) sollen Vereinsamung verhindert, das Fortschreiten der Erkrankung hinausgezögert und die Familien entlastet werden. Die klare Botschaft an Betroffene und Angehörige: Nehmen Sie Hilfe an!

Betreuungs-Angebote im Bezirk Oberwart:
• Tagesbetreuung Seniorengarten Oberwart
• Tagesbetreuung Haus St. Vinzenz Pinkafeld
• Seniorenwohngemeinschaft PLUS Oberwart

Dr. Klaus Peter Schuh ist Arzt für Allgemein- und Palliativmedizin, FA für Anästhesiologie und ärztl. Leiter des Mobilen Palliativteams Oberwart. Seit Jahrzehnten beschäftigt er sich mit Demenz.

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