Wenn man jeden Euro zweimal umdreht

Thermentag und Kinobesuch sind nur ein Wunschtraum – Evelyn Kalch, Diplom-Krankenschwester in Diensten der Volkshilfe, kennt auch „das andere Österreich“.
Eric SEBACH / 23. März 2017
Foto: Benrd Kasper/pixelio.com

Bei vielen Österreichern geht sich das Geld bis zum Monatsende nicht aus. Betroffen sind vor allem viele Senioren.

 

In Zeiten weltweiter Aufruhr um einen gewissen Herrn Trump, latenter Terrorgefahr und mehr oder weniger erfolgreicher Integration von Asyl-Berechtigten wird allzu leicht auf unpopuläre Nöte im Lande vergessen. Es gibt nämlich gar nicht so wenige Österreicher, die – häufig unverschuldet – ihr Leben so recht und schlecht verbringen müssen.
Evelyn Kalch, als diplomierte Krankenschwester seit zwei Jahren für die „Volkshilfe“-Station Stegersbach im Einsatz, kann das schweren Herzens bestätigen. Tagtäglich ist sie bei Patienten im Einsatz, für Menschen, die nicht nur wegen erhöhter Heizkosten durch den extrem kalten Winter am Existenzminimum leben. „Viele meiner Patienten brauchen medizinische Hilfe und sehr häufig auch Unterstützung im Haushalt“, erzählt Evelyn Kalch. „Aufgrund der Fixkosten bleibt ihnen allerdings sehr oft nicht genügend Geld für den Lebensunterhalt.“

Elisabeth K. aus Kirchfidisch ist eine der Betroffenen, die nicht erst ab dem 20. eines jeden Monats jeden Euro zweimal umdrehen muss. Mehr als 30 Jahre hat Frau K. als Angestellte bzw. Selbstständige gearbeitet, ehe sie mit ca. 45 Jahren aufgrund einer schweren Erkrankung die Invaliditätsrente zugesprochen bekam. „An Arbeit war leider nicht mehr zu denken“, betont Frau K., die auch jetzt, rund zehn Jahre später, regelmäßige Kontrollen im Krankenhaus über sich ergehen lassen muss. Dass Frau K. nunmehr mit einer monatlichen Pension von 798 Euro zuzüglich 145 Euro Pflegegeld (nach Abzug des Selbstbehalts für die „Volkshilfe“) auszukommen hat, macht den Alltag zur permanenten Herausforderung. „Die finanzielle Misere macht einen auch psychisch fertig“, klagt Frau K., der nach Abzug aller Fixkosten von den 943 Euro gerade einmal 34 zum (Über-)leben bleiben. „Hätte ich nicht Freunde und Bekannte, die mir manchmal Lebensmittel vorbeibringen oder mich mit ein paar Euro unterstützen – keine Ahnung, wie ich das sonst schaffen würde.“

So gerne würde Elisabeth zur Abwechslung einmal eine Therme besuchen oder ins Kino gehen. „Wünschen kann ich mir viel“, zuckt sie bei dem Gedanken mit den Achseln – „aber leisten kann ich es mir halt nicht.“ Kein Wunder, dass sich Frau K. benachteiligt fühlt, wenn sie hört, dass hierzulande viele Asylberechtigte direkt in die Mindestsicherung geleitet werden. „Ich will ja keinem was verleiden – aber wo bleibt die Gerechtigkeit? Wissen Sie, wie lange ich ins System eingezahlt habe? Da läuft doch was falsch in diesem Land!“

Ein anderer „Klient“ von Evelyn Kalch hat es zwar finanziell besser erwischt – aber auch Karl M. (65) könnte sich ein Leben ohne Unterstützung der „Volkshilfe“ nicht mehr vorstellen. Nach jahrzehntelanger Arbeit als Maurer („Ich war oft auf Baustellen in Wien unterwegs, hab wirklich schön verdient“) spürt Herr M. mittlerweile zahllose körperliche Auswirkungen des harten Jobs. „Ich koch‘ zwar selbst, aber bei allen anderen Erledigungen in Haus und Garten bin ich auf Hilfe angewiesen“, betont der Pensionist. „Das beginnt beim Holz-Holen für den Ofen und geht übers Rasenmähen bis zum Besorgen von Lebensmitteln.“

Beitrag aus Ausgabe 03/2017


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