Den Wald vor lauter Bäumen sehen

Noch nie stand Klimaschutz so im Zentrum wie in den letzten Wochen und Monaten. Die Bedeutung des Waldes ist damit ebenso in den Fokus gerückt. Die Bilder vom brennenden Regenwald im Amazonas schockieren die Menschen und stellen unsere Lebensgewohnheiten in Frage.
prima! hat sich in unseren Breitengraden umgehört, wie es mit der Waldwirtschaft aussieht und mit einem gesprochen, der es wissen muss: Dipl.-Ing. Karl Reiß. Schließlich ist er Waldmeister vom Stift Vorau und verwaltet damit immerhin rund 3.000 Hektar Wald.
Olga SEUS / 30. September 2019
Foto: Sebastian-Thaller

 

Auf ein Wort mit dem Waldmeister des Chorherrenstiftes Vorau!

Stellt sich die Frage, was ein „Waldmeister“ genau ist? „Der Begriff ist historisch im klösterlichen Umfeld entstanden und bezeichnet die Person, die für die Benutzung des Waldes zuständig ist“, klärt Karl Reiß auf. Landläufig würde man ihn als Forstwirt bezeichnen, doch im Stift hat man den alten Begriff beibehalten, da das Wort „Forst“ vorwiegend auf die wirtschaftliche Nutzung ausgelegt ist. Schließlich legt man in Vorau aber Wert darauf, dass der zum Stift gehörende Wald nachhaltig und mit der Natur bewirtschaftet wird.

Forstwirtschaft heißt 100 Jahre in die Zukunft rechnen

Dazu gibt es zwei einfache Regeln: Die eine ist die 100:1-Regel. Das heißt, es wird bei einem bestehenden altersgemischten Wald pro Jahr höchstens ein Prozent geschlagen und zugleich wieder angesetzt, was einer Umtriebszeit von 100 Jahren entspricht. Geregelt wird die Walderhaltung im österreichischen Forstgesetz aus dem 19. Jahrhundert, denn bereits damals wusste man von der Wichtigkeit der Baumerhaltung. Man spricht von Nachhaltigkeit, also dem Prinzip, dass nicht mehr Holz geschlagen werden darf als nachwachsen kann. In der Regel pflanzt man also für 100 Jahre voraus, „was gerade bei sich so rasch ändernden klimatischen Bedingungen ein Problem darstellt: Ich muss jetzt vorentscheiden, was bis in 100 Jahren gut wächst“ so Karl Reiß nachdenklich.

Und dass sich die klimatischen Bedingungen rapide ändern, das kann man auch anhand des Waldes deutlich erkennen. Die Höhengrenzen, in denen sich Bäume wohl fühlen, verschieben sich nach oben, unten wird es vor allem den Nadelbäumen einfach zu warm! Zudem machen höhere Temperaturen das Holz trockener, die Bäume werden weniger widerstandsfähig, Schädlinge wie etwa der Borkenkäfer können sich leichter ausbreiten.

Natürliche Mischbewaldung statt Monokulturen

Womit die zweite Regel interessant wird: Möglichst angemessene Bäume pflanzen und Monokulturen vermeiden. Angemessen ist eine Baumsorte dann, wenn sie die klimatischen und höhentechnischen Anforderungen gut verträgt. Von Natur aus hätte man in diesen Breiten, den sogenannten „östlichen Randalpen“ einen Fichten-, Tannen-, Buchen-Mischwald, und genau den versucht man in Vorau nachzuforsten. Klar gibt es diesen allgemeinen Trend zur Fichte: Sie ist relativ unkompliziert zu kultivieren, wächst auf vielen verschiedenen Böden und Höhenlagen, und liefert überdies ein breit und gut nutzbares Holz. Doch als artenreiner Wald käme sie von Natur aus erst ab einer Höhe von etwa 1.300 m über Seehöhe vor, als sogenannter „subalpiner Fichtenwald“.

Digitale Forstkarten unterstützen die Arbeit

Festgehalten wird der Baumbestand in Forstkarten, die mittels Querschnittmessungen im Wald – einzelne Bäume werden auf Art, Größe, Wachstum, Holzmasse usw. gemessen und die Ergebnisse hochgerechnet – erstellt und digital beständig erneuert werden. So hat der einzelne Förster und Waldarbeiter den Überblick, wo sich welches Baummaterial befindet. „Der Vorteil digitaler Forstkarten besteht unter anderem darin, dass man relativ leicht Kartendarstellungen nach unterschiedlichen Kriterien erzeugen kann, wie zum Beispiel Gliederungen nach Baumhöhen, Baumarten, Holzmasse, usw.“, so der Waldmeister, der übrigens noch zwei Förster und drei Forstarbeiter im Team hat.

Schließlich noch die Frage, welches Verhältnis er persönlich zum Wald hat. Er sagt nichts, schaut verträumt zum Fenster hinaus auf die Bäume im Innenhof und meint schließlich: „Ja, der Wald hat schon etwas Besonderes für sich.“


DI Karl Reiß
Waldmeister von Vorau

Wenn mehr freigeschnitten werden muss, rückt schon mal der Harvester an.


Forstkarte
Ein Beispiel einer modernen Forstkarte, die Farbgebung erfolgt hier nach Wuchsklassen: von gelb über rot, grün, blau, braun bis grau werden die Bäume immer dicker, landwirtschaftliche Flächen sind hellgrün.

 

Jungwuchs = Bäume bis 1,3 Meter Höhe = gelb
Dickung = a 1,3 m Höhe bis 10 cm Durchmesser in Brusthöhe gemessen (BHD) = rot
Stangenholz = 11 – 20 cm BHD = grün
Schwaches Baumholz = 21 – 35 cm BHD = blau
Mittleres Baumholz = 36 – 50 cm BHD = braun
Starkholz = über 50 cm BHD = grau
Baum/Altholz verjüngt (unter den alten Bäumen kommen bereits junge Bäumchen) = gelbgrün
Plenterbestand (mehrere od. alle Wuchsklassen) – Jungwuchs bis Altholz – sind auf derselben Fläche vertreten = blaugrün
Die landwirtschaftlichen Flächen sind hellgrün eingefärbt.

Der Vorteil digitaler Forstkarten besteht unter anderem darin, dass man relativ leicht Kartendarstellungen nach unterschiedlichen Kriterien erzeugen kann, wie zum Beispiel Gliederungen nach Baumhöhen, Baumarten, Holzmasse, usw.. Voraussetzung ist natürlich, dass man die Daten vorher erhoben und eingegeben hat.

Für den Steirischen Wald sind solche Karten übrigens im GIS_Steiermark unter „Waldatlas“ im Internet abrufbar. >> https://gis.stmk.gv.at/atlas/(S(jazds0qs5mxpbvckc1cjfloa))/init.aspx?cms=da&karte=emptymap&layout=gisstmk&styles=gisstmk&template=gisstmk&gdiservices=hintergr,gel,dopags_tc,opbmgrau,opbm,uctc,opoverlay&sichtbar=_relief&gdiservices=waldatlas,orient_adr


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