Eine Frage der Zeit

Zeit ist der objektivste Rhythmus, den es gibt. Wir wissen was eine Minute, eine Stunde oder ein Jahr bedeutet. Und doch gibt es nichts Subjektiveres. Nur fünf Sekunden auf der Herdplatte fühlen sich wie eine Ewigkeit an, hingegen steht Weihnachten in wenigen Wochen vor der Tür, obwohl wir doch erst vor Kurzem die Kugeln weggepackt haben. Der Faktor Zeit hat viele Gesichter, und mit einigen Mythen räumen wir auf: die Zeitumstellung spart Energie, die besinnlichste Zeit des Jahres steht uns bevor und die Tage vergehen schneller, wenn man alt ist.
Nora SCHLEICH / 31. Oktober 2018

Unser System verlangt von uns den permanenten Blick auf die Uhr: Arbeit und private Termine tackten unser Leben. Kaum jemand wird noch von ersten Sonnenstrahlen geweckt. Vorgegeben wird uns auch, ob wir die Uhren umstellen müssen oder nicht. Erst vor kurzem wurde bei uns (vielleicht zum letzten Mal) an der Uhr gedreht. Laut einer EU-weiten Umfrage scheint die europäische Bevölkerung eine durchgehende Sommerzeit zu bevorzugen. Eine Stunde „gewinnt“ man dadurch natürlich nicht und auch ewigen Sommer darf man unter „Sommerzeit“ nicht verstehen.

Schafft man die Zeitumstellung ab …

…. muss man sich für Sommer- oder Winterzeit entscheiden. Bei durchgehender Sommerzeit ist es im Winter abends länger hell, dafür müsste man in den kalten Monaten lange vor den ersten Sonnenstrahlen aufstehen. In Oberwart und Hartberg würde die Sonne Ende November erst um 8.20 Uhr (statt 7.20 bei Winterzeit) aufgehen, was das „Munterwerden“ erschwert. „Vor allem für Schulkinder kann das zu einem echten Problem werden“, befürchtet Lebensberaterin Gerlinde Wieser-Zengerer aus Hartberg. Behält man umgekehrt nur die Winterzeit – auch „Normalzeit“ genannt – dann bleibt in den kalten Monaten alles wie es jetzt ist. Im Sommer würde aber die Sonne bereits gegen 4 Uhr früh aufgehen und laue Sommerabende wären dafür lichttechnisch eine Stunde früher als bisher vorüber.

Behält man die Zeitumstellung ….

… hat der, der will, also im Sommer mehr Zeit bevor es dunkel wird und im Winter wird es eine Stunde früher hell. Schlafforscher warnen aber vor Müdigkeit und Stimmungstiefs in der Zeit der Umstellung. Der Wechsel der Zeit hat nämlich Einfluss auf die Psyche des Menschen. Stellt man die Uhr um, wird der Biorhythmus gestört und der Körper reagiert bei sensiblen Menschen mit einem Jetlag, bestätigt auch Gerlinde Wieser-Zengerer. Die Stunde, die vor allem bei der Zeitumstellung im Frühling „fehlt“, kann in so manchem Körper kurzfristiges Chaos anrichten. „Es ist und bleibt ein Eingriff in die Natur“, gibt die Therapeutin zu bedenken. Energieersparnis ist übrigens durch die Umstellung nicht messbar.

Moment mal!

Zeitumstellung oder nicht, wir werden im Allgemeinen nicht mehr ausgeschlafen mit dem Krähen des Hahnes geweckt, sondern unsere Gesellschaft bestimmt unseren Takt. Umso wichtiger ist es, auf den eigenen Körper zu hören. Erster Schritt: sogenannten „Zeitfressern“ den Garaus machen, seien es „anstrengende“ Freunde oder die exzessive Nutzung sozialer Medien. Diverse Handysucht-Apps (Moment, Offtime, Screen Time, QualityTime oder Checky) können helfen, indem sie aufzeichnen, wie intensiv wir das Handy nutzen – mit oft erschreckendem Ergebnis. „Wir leben im digitalen Wonneland, aber die Frage ist, wieviel wir davon nehmen. Eigenverantwortung ist ein wichtiges Thema“, so Gerlinde Wieser-Zengerer. „Bin ich zufrieden? Das sollten wir uns grundsätzlich am Ende des Tages fragen, dann beugt man Erschöpfung vor.“

„Jeder hausgemachte Keks wurde in einem Haus gemacht“

Die Erwartungshaltung spielt eine große Rolle. Die anstehende Vorweihnachtszeit wird oft als „besinnlich“ dargestellt, scheitert aber oft an ihrem nach Zimt und Orangen duftenden Idealbild. „Man(n) muss nicht perfekt sein, und Frau schon gar nicht“, lacht sie. Gerlinde Wieser-Zengerer zitiert auch Flower Newhouse, eine spirituelle Lehrerin: „Ab Novemberbeginn steigt die kosmische Kraft, zu Weihnachten gipfelt sie und zu Silvester flaut sie wieder ab. Das wühlt uns auch auf“. Aber was tun? Besinnen auf das Fest des Friedens, die Latte nicht zu hoch setzen, zufrieden sein und in die Natur gehen. „Denn das Grün der Natur gibt Entscheidungskraft und wir nehmen die innere Stimme besser wahr“, erklärt die Farbtherapeutin.

Eines ist klar: auch im Alter vergeht die Zeit nicht schneller. Wir empfinden es dennoch so, hauptsächlich weil uns immer weniger Lebenszeit bevorsteht. Aber auch weil die Gesellschaft darauf ausgerichtet ist, alles rascher geschehen zu lassen, um Zeit zu sparen. Hinterlistig, denn wir erreichen das Gegenteil. Wir verfallen in Routinen, erleben wenig Neues und sind trotzdem gestresst. Kinder hingegen leben intensiver, genießen, probieren aus und schaffen so Erinnerungen. Egal ob alt oder jung, Gerlinde Wieser-Zengerer gibt uns folgenden Rat für ein Leben, das nach Zimt und frischen Orangen duftet: „Maß halten, Dinge abschließen und auch mal still sein.“


Und jetzt ist es an der Zeit, zu entspannen und die Gedanken schweifen zu lassen. Als kleinen „Startpunkt“ für ihre Gedankenreise haben wir für sie ein Gedicht von Rainer Maria Rilke gewählt.

„Herbsttag“

Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren laß die Winde los.

Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
gieb ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

(Herbsttag, Rainer Maria Rilke)


Gerlinde Wieser-Zengerer, Blütenberaterin, Reiki Lehrerin, Lebensbegleiterin, ayurvedische Beraterin, Aura-Soma Beraterin uvm. (Club Human, Hartberg)

Einen Kommentar hinterlassen: