Herr Doktor ist sich für den Schutt nicht zu schade

Ein David mit dem Talent zum Goliath: Dr. David Reiter hat neben seiner Tätigkeit als Spenglermeister promoviert. Zugleich macht sich ein Erfolgsmensch wie er Gedanken zur Facharbeiter-Flaute und appelliert leidenschaftlich an die Eltern.
Eric Sebach
Foto: zVg

Mag. Dr. David Reiter MBA, CMC – Die Anzahl der Titel des Spengler- und Schlossermeisters aus Pinkafeld ist beeindruckend.

 

Wenn einer in der dritten Generation eine Spenglerei erfolgreich führt, ist das beachtlich. Wenn jemand aber neben dem knochenharten Unternehmer-Alltag via Privat-Uni und Fernstudium einen Doktor- und Magistertitel macht, ist das unglaublich! Das ist die Story des Dr. Mag. David Reiter, Spengler- und Schlossermeister und gewerblicher Unternehmensberater. Schlicht und einfach David, der Tausendsassa.

Dass Gattin Johanna ein wenig argwöhnt („Warum vergeudet der teuerste Mann in der Firma seine Zeit fürs Schutt wegräumen?“), stört den 47-jährigen Pinkafelder kein bisschen. Seine Mitarbeiter wundern sich auch nicht (mehr) – „im Gegenteil“, lacht der außergewöhnliche Boss, „meine Leute wissen es zu schätzen, dass ich jederzeit anpacke und bei strömendem Regen genauso pitschnass bin wie sie. Am Ende zählt eins: Mir kann keiner was vormachen und meine erfahrenen Facharbeiter sind mir für Helfertätigkeiten zu schade!“ Und noch ein Grundsatz: „Was ich mir selbst nicht zumute, würde ich von meinen Leuten auch nicht verlangen.“

Am Tag Firmenchef, in der Nacht Student
Aber was veranlasst einen umtriebigen Firmenchef, Nächte und wohlverdiente Freizeit auch noch für den Erwerb von akademischen Graden zu „opfern“?
Dr. David Reiter nennt es „Sehnsucht nach Frieden mit sich selbst“. Konkret bedeutet‘s, dass der einstige HTL-Abbrecher (mit 17 Jahren) sich offenbar neben dem Handwerklichen auch noch die akademische Laufbahn „schuldig“ war … „Wer weiß schon, wie man sich als junger Mensch fühlt, wenn man sich mit irgendwelchen Jobs über Wasser halten muss!?“ Eine abgeschlossene Ausbildung zum Textilchemiker hatte dem Junior nämlich keine reelle Jobchance beschert – so blieb ihm nichts anderes übrig, als Lkw zu fahren oder eine Zeit lang im Verkauf zu werken. Ehe David letztlich doch in die Firma des Vaters einstieg und sie mit 30 Jahren übernahm. Wenig später folgten die Prüfungen zum Spengler- und Schlossermeister und erste erfolgreiche Jahre als Firmenchef. „Aber eines Tages siehst du frühere HTL-Kollegen mit Anzug und Aktenkoffer, während du selber bis sechs am Abend im dreckigen Arbeitsgwandl herumdüst. Da denkt man sich dann: ‚Bist a fester Depp!‘“ Gedacht und prompt reagiert!

David büffelte, egal, wie hundemüde er vom Firmenalltag war; er besuchte geblockte Veranstaltungen am Wochenende an einer Wiener Privat-Uni und trat nach drei Jahren zu den Prüfungen an. Und seit knapp fünf Jahren darf er sich „Doktor für Internationales Management“ und „Magister in Wirtschafts-Ethik“ nennen. Bestimmt eine göttliche Genugtuung.

„Wer eine Lehre gut abschließt, hat eine Jobgarantie“
Umso mehr befugt es einen Mann wie Dr. David Reiter dazu, sich Gedanken über den drohenden Facharbeitermangel im Land zu machen. Reiter beschäftigt in seiner Firma aktuell sieben Gesellen und drei Lehrlinge. Er bezahlt über dem Kollektivvertrag – „konkret heißt das, dass ein Facharbeiter bei mir über 2.000 Euro netto verdient und das kann sich im Vergleich zu manchem Akademiker an der FH durchaus sehen lassen. Ich kenne dort Doktoren, die mit 1.800 Euro netto monatlich ganz schön zu kämpfen haben!“
Dennoch ist Reiter davon überzeugt, „dass uns die Facharbeiter-Flaute in den nächsten zwei, drei Jahren voll erwischen wird. Viele Betriebe sind doch bereits jetzt Stammgäste beim AMS, einige probieren ihr Glück mit Info-Veranstaltungen an Schulen oder mittels Zeitungsinseraten.“
Für ihn ist klar: „Wer künftig eine handwerkliche Lehre mit gutem Erfolg abschließt, hat eine 1000prozentige Job-Garantie. Egal, ob als Tischler, Schlosser, Elektriker oder Spengler.“ Und Reiter spielt den Ball direkt zu den Eltern und Erziehungsberechtigten.

Ein Lehrabschluss soll gleich viel wert sein wie eine Matura
„Es muss Schluss sein mit dem Gedanken ‚Gehst in eine Lehre, bist a Depp‘. Die Gesellschaft sollte den Abschluss eines Lehrberufs mit dem Bestehen einer Matura gleichsetzen. Darüber hinaus hilft die ganze staatliche Lehrlingsförderung nichts, wenn die meisten jungen Leut‘ nicht dazu bereit sind, einen Beruf mit Leidenschaft zu erlernen. Entscheidend ist nicht das Zeugnis, wichtig ist, dass die Burschen und Mädels innerlich wollen, regelrecht für die Aufgabe brennen.
Man sieht bereits, wenn jemand ‚schnuppern‘ kommt: Räumt er aus eigenen Stücken Abfälle oder Schutt weg? Wie gewissenhaft geht er mit Werkzeug um? Grüßt er ordentlich beim Erscheinen?
Ich etwa schau‘ mir den Betreffenden selbst einen Tag lang an, bevor ich ihn als Lehrling aufnehme. Und damit bin ich bis jetzt immer gut gefahren.“

Beitrag aus Ausgabe 03/2018


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