Lehre statt Leere

Die Wirtschaft sucht dringend Fachkräfte und Lehrlinge. Eine Chance, die auch viele Asylwerber ergreifen. Trotz Lehrvertrag droht ihnen die Abschiebung. Unternehmer fordern ein Umdenken. Für einen Asylwerber im Bezirk Oberwart kommen diese Bemühungen zu spät. Ihm drohte die Abschiebung, er brach die Ausbildung ab und flüchtete.
Peter SITAR / 28. März 2019
Foto: Shutterstock | sigiuz

Trotz Fachkräftemangel werden arbeitswillige Asylwerber abgeschoben. Wirtschaftstreibende fordern daher „Ausbildung statt Abschiebung“.

 

 

Das ist keine schöne Geschichte. Es geht um verpasste Chancen, zerstörte Hoffnungen und ein Abtauchen in die Anonymität. Dabei handelt es sich um kein Einzelschicksal, sondern um Tragödien, wie sie täglich in Österreich vorkommen.

Die Wirtschaft sucht dringend Fachkräfte und Lehrlinge. Deshalb veranstaltet das AMS auch regelmäßig sogenannte Lehrlings-Castings, wo junge Menschen und Betriebe leichter zusammenkommen sollen. So auch im Februar 2018 in Oberwart. Eines der teilnehmenden Unternehmen war das bekannte Reiters Reserve Südburgenland. Dabei kam die Leiterin des Supreme 5* Hauses, Sonja Fassl, ins Gespräch mit einem jungen Mann, der sehr an einer Tätigkeit in der Gastronomie interessiert war. Es handelte sich um den damals 19-jährigen Amir Z. (Name von der Redaktion geändert), einen afghanischen Asylwerber. Man einigte sich sehr rasch, und Amir begann eine Ausbildung als Restaurantfachmann-Lehrling. Natürlich wurde er bei den zuständigen Behörden angemeldet und die Ämter informiert. Diese erteilten auch die notwendige Bewilligung, ein Lehrvertrag wurde erstellt.

Der junge Mann fand im hauseigenen Mitarbeiterwohnhaus Unterkunft und schmiss sich mit voller Energie in die Ausbildung. Er lernte nicht nur die deutsche Sprache, sondern auch die für den Beruf nötigen Fachausdrücke. Aus den Arbeitskollegen wurden Freunde. Dann brach für den jungen Mann die Welt zusammen. Sein Asylantrag wurde abgelehnt, er aufgefordert, sich „abreisebereit zu halten.“

Seitens des Dienstgebers und von Unterstützern wurde versucht, alle Hebel in Bewegung zu setzen – vergeblich. Sogar Eigentümer Karl Reiter wandte sich mit einem Schreiben an den damaligen Sozial-Landesrat Norbert Darabos, um ein Umdenken zu erreichen: „Die Abschiebung von Asylwerbern in Lehre schadet nicht nur den Unternehmerinnen und Unternehmern, sie verhindert auch eine der erfolgreichsten Integrationsmöglichkeiten. Eine der größten Chancen auf Integration ist die Eingliederung von geflüchteten Menschen in den Arbeitsmarkt. Schließlich bringt eine Lehrstelle Fachausbildung, Sprachkompetenz, Freundschaften und Einbindung in die österreichische Gesellschaft.“

Auf dieses Schreiben gab es nicht einmal eine Antwort. Da Amir nicht darauf warten wollte, bis er abgeschoben wird, brach er die Ausbildung ab und tauchte unter. Dem Vernehmen nach soll er sich in Südeuropa aufhalten.

Ausbildung statt Abschiebung

Karl Reiter ist nicht der einzige Unternehmer, der das Vorgehen der Behörden in Sachen Abschiebung von Asylsuchenden in Lehre nicht verstehen kann. Oberösterreichs Grüner Landesrat, Rudi Anschober, kämpft schon seit geraumer Zeit gegen diese Praxis. Er wünscht sich ein Modell, wie es in Deutschland erfolgreich praktiziert wird, das 3-plus-2 Modell. Drei Jahre Lehre plus zwei Jahre Bleiberecht für die Betroffenen. Dabei bekommt Anschober Unterstützung von den Chefs von so großen Betrieben wie Spar und Rewe (Merkur, Billa, etc.).

Diese Initiative „Ausbildung statt Abschiebung“ wird von so prominenten Persönlichkeiten wie Voest-Chef Wolfgang Eder und anderen Industriellen unterstützt. Aber auch Alt-Landeshauptmann Erwin Pröll rät in dieser Frage der Politik zum Nachdenken. Allesamt sicher keine „Linken Träumer“. So wie der Industrielle Hans Peter Haselsteiner, der Humanismus und Menschenrechte einfordert und von einer „klassischen Dummheit“ spricht. Derzeit sind in Österreich rund 700 Asylwerber in Lehre von Abschiebung betroffen.


Karl Reiter
Karl Reiter (Hotelier) fordert ein Bleiberecht von Asylwerbern in der Lehre.

Das sagt die Wirtschaftskammer dazu:

Wirtschaftskammer: „Humane Lösung für Asylwerber als Lehrlinge“
Volles Verständnis für persönliche Betroffenheit von Lehrlingen und Betrieben, geltende Gesetze müssen aber eingehalten werden.

Für eine „humane Lösung“ spricht sich Karlheinz Kopf, Generalsekretär der Wirtschaftskammer Österreich (WKÖ), in der laufenden Diskussion über Asylwerber, die als Lehrlinge beschäftigt sind, aus: „Natürlich ist die persönliche Betroffenheit von Lehrlingen und Betrieben zu 100 Prozent nachvollziehbar. Geltende Gesetze müssen aber selbstverständlich eingehalten werden und Recht muss Recht bleiben.“

Gefragt – und im Sinne aller Betroffenen – sei vor allem eine saubere Trennung von Zuwanderungsformen, betont Kopf. „Fachkräfte-Zuwanderung und Asyl sind zwei unterschiedliche Paar Schuhe.“ Ziel müsse sein, „viel früher Klarheit und Sicherheit für die Unternehmen und Auszubildenden zu schaffen, ob jemand hierbleiben darf oder in sein Land zurückkehren muss. Das oberste Ziel sollten daher rasche Asylverfahren sein“.

Dies würde zu rascher Rechtssicherheit für alle Beteiligten führen und auch die Frage des Arbeitsmarktzugangs würde sich dann nicht stellen. Um den Bedürfnissen der Betriebe gerecht zu werden, strebe die Wirtschaftskammer zudem eine humane Lösung an. „Der WKÖ-Präsident Harald Mahrer ist dazu mit der Regierung im Gespräch“, so Kopf.

In der gesamten Diskussion um den Fachkräftemangel sei die Frage Asylwerber als Lehrlinge lediglich ein Teil der Gesamtthematik. Hier arbeite die Wirtschaftskammer an einer umfassenden Strategie, die vor allem auf innerösterreichische Maßnahmen setzt, so der WKÖ-Generalsekretär abschließend.

https://www.wko.at/site/fachkraeftepotenzial/start.html


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