O selige Nacht

„Stille Nacht, heilige Nacht!“ ertönt es am 24. Dezember unter so manch stimmungsvoll beleuchteten Tannenbaum. So stellen wir uns die Weihnacht vor - die Luft geschwängert mit Vanillekipferl- und Tannenduft. Definitiv anders sieht dieser Tag aber bei Menschen aus, die an Weihnachten arbeiten. prima! war am Schauplatz einer Tankstelle in Oberwart. Zwischen Diesel- und Benzinverkauf ist hier für viele eine Anlaufstelle gegen die Einsamkeit.
Nora SCHLEICH / 29. November 2018
Foto: Fotolia / beeboys

Ein bisschen riecht es nach kaltem Rauch und bei aller Liebe zum Detail stellt man sich diese Umgebung nicht gerade besonders besinnlich vor. Und dennoch: hier kommen die unterschiedlichsten Menschen seit über einem Jahrzehnt in der stillsten Nacht des Jahres zusammen, um Weihnachten zu feiern, bei gratis Würstel und gerne auch der einen oder anderen Flasche Bier. Stefan Schermann ist Inhaber des „Treffpunkt Schermann“ und betreut die Tankstellenautomaten der Turmöl in Oberwart. Sein Vater ist bereits seit drei Jahrzehnten im Tankstellengeschäft. Diese geballte Ladung Erfahrung verzichtet auf einen entspannten Heiligen Abend, um den Gästen ein Weihnachten im Treffpunkt zu ermöglichen. Stefan hat selbst zwei Kinder, aber die Familie ist erst nach Dienstschluss dran. „Für so manchen Gast ist der 24. Dezember ein harter Tag und da sind wir gerne Anlaufstelle.“

Natürlich ist nicht jeder Kunde am Heiligen Abend alleine und traurig. Es kommen die unterschiedlichsten Menschen. Alte, junge, Alleinstehende und Familienväter, Frauen und Männer, leise und laute. Die Schermanns haben immer ein offenes Ohr für Gespräche jeglicher Art. „Auch zu Weihnachten geht es wie immer um Fußball, aber auch darum, was man den Enkeln schenkt.“ Trostlos? Nein, ganz und gar nicht. „Die Stammgäste sind froh, dass wir offen haben. Die Stimmung ist schon besonders“, so der Inhaber. „Last-Minute-Geschenke verkaufen wir auch jedes Jahr“, lächelt er. „Aber ja, viele kommen gerade zu Weihnachten, um nicht so alleine zu sein“. Hinter den blinkenden Lichterketten sehen wir auf den zweiten Blick den weihnachtlichen Gedanken dieses Ortes.

Was Stefan Schermann andeutet, ist statistisch bewiesen. Es scheint die Stille in der Heiligen Nacht zu sein, die auch dunkle Gedanken beflügelt. Denn diese Energie, die für die einen das Herz erwärmt, lässt die anderen in ein tiefes Loch der Traurigkeit fallen.

Man kann zu Weihnachten stehen wie man will, dieser eine Abend im Jahr ist zweifelsfrei einzigartig. Es wäre schön, wenn wir es wie in der letzten Strophe des Liedes halten könnten: „O tröstliche Zeit, die alle erfreut. Sie hebet die Schmerzen, sie weitet die Herzen zum Danken, zur Liebe, zur himmlischen Freud“.


Stefan Schermann betreibt die Tankstelle Turmöl in Oberwart

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Stille Nacht

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