Unsere Schüler – der Spiegel der Gesellschaft

Lehrer Lämpel hat es mit Max und Moritz schon nicht leicht gehabt. Weit vorbei an Lausbubenstreichen war vor wenigen Wochen aber der „Spuckvorfall“ an der HTL Ottakring. Das Video offenbart, dass ein neues Niveau an Respektlosigkeit erreicht scheint. Warum das Lehrersein offiziell unter Schwerarbeit fällt und wie sich Schule verändern muss, um zu bestehen, erklärt Alfred Lehner aus Buchschachen, der seit 35 Jahren den Beruf des Lehrers zu seiner Berufung gemacht hat.
Nora SCHLEICH / 4. Juli 2019
Foto: Nora Schleich

Juli/August.

Neun Wochen Ferien. So manch ein Pädagoge atmet auf, sammelt Kraft für das nächste Schuljahr und beginnt, sich die nächste Lehrstoffverteilung vorzunehmen. Eine Stress-Studie zeigt, dass vor allem Lehrer Burnout-gefährdet sind. „Nicht umsonst fällt der Beruf des Lehrers unter die sogenannte „Hacklerregelung“. Wer zweifelt, dass es sich hierbei um psychische Schwerarbeit handelt, muss sich in eine Klasse stellen“, ist Alfred Lehner überzeugt. Eine volle Lehrverpflichtung ist mit rund 1.780 Stunden pro Jahr berechnet. Das ist ein 40-Stunden-Job – mit Administration und Organisation, Vorbereitung, Nachbereitung, verpflichtender Anwesenheit bei Klassen-, Fachgruppen-, Schulstufen- und Schulkonferenzen sowie Schulveranstaltungen und Fortbildungen. Dennoch werden Lehrer und ihre Arbeit hierzulande oft unterschätzt.

Gleichzeitig erwarten sich so manche Eltern, dass ihr Kind in der Schule erzogen wird. Aber das sollte keinesfalls Aufgabe der Lehrperson sein – ist es aber in vielen Fällen. Nicht nur das. Verantwortlich für den Lernerfolg ist nämlich auch nicht der Pädagoge, sondern der Erziehungsberechtigte. „Wir Lehrer begleiten die Kinder beratend, wertschätzend und auf Augenhöhe. Es sollte uns allen klar sein, dass der Pädagoge der Fachexperte ist. Die Erziehungsverpflichteten und Schüler sollten die Empfehlungen dieses Experten annehmen, ähnlich wie bei Ärzten,“ zieht Alfred Lehner einen Vergleich.

Ottakring

Wir sprechen den ehemaligen Lehrer und Direktor auf das Video an. „Auffällige und freche Kinder hat es immer schon gegeben. Lehrer werden sehr wohl dahingehend pädagogisch ausgebildet und sollten schon weit vor so einem Vorfall Maßnahmen ergreifen. Es gibt gesetzliche Paragraphen, die klar regeln, was Schüler dürfen und was nicht. Schimpfwörter zum Beispiel weisen auf sittliche Gefährdung hin.

Der Direktor muss in so einem Fall informiert werden, um bei Selbst- und Fremdgefährdung Maßnahmen zur Deeskalation setzen zu können. Die Erziehungsberechtigten werden informiert, und in sogenannten Helferkonferenzen werden solche Maßnahmen besprochen. Unter Einbindung von Psychologen, der Eltern und gegebenenfalls der Jugendwohlfahrt werden Regeln festgesetzt. Am Ende ist eine Suspendierung nicht ausgeschlossen.“

Die Jugend von heute….

… hat sich verändert, wenn auch nicht nur im negativen Sinn. Die älteren Generationen sind mit Werten wie Höflichkeit, Pünktlichkeit, Verlässlichkeit, Wertschätzung, Hilfsbereitschaft und Empathie aufgewachsen. „Heute herrscht eine gewisse bewusst oder unbewusst anerzogene Egomanie vor. Durchaus positive Werte wie Eigenverantwortung, Selbstbestimmung und Selbstvertrauen prägen unser Leben. Dementsprechend agieren auch die Schüler und Schülerinnen“, ergänzt der Bildungsexperte. Es sei eben nicht modern, besonders höflich zu sein. Früher war es die Großfamilie, die ihre Werte wie selbstverständlich an die junge Generation weitergegeben hat.

Im Gefüge dieses Familienverbandes hat es sowohl Ansprechpersonen für die Kinder gegeben als auch genügend Vorbilder und eine gewisse soziale Ordnung. Heute ist auch der ländliche Bereich von alleinerziehenden Elternteilen und Patchwork geprägt. „Das Ergebnis sind Kinder, die ein extrem heterogenes Spiegelbild der Gesellschaft zeichnen. Von überbehüteten Prinzessinnen und Prinzen bis hin zu gesellschaftlich gescheiterten Individuen.“

Globalisierung, Zuzug aus dem Ausland und Urbanisierung haben dazu geführt, dass diese Heterogenität bereits wie selbstverständlich gelebt wird. In Kindergärten und Volksschulen müssen Kinder, egal ob hochbegabt oder eingeschränkt, egal mit welcher Religion oder Herkunft, wahrgenommen und gemeinsam unterrichtet werden. „Und hier kommt der gute Pädagoge ins Spiel. Er muss Verständnis für alle Charaktere zeigen und die soziale Kompetenz fördern. Lediglich so funktioniert Schule.“ „Soft skills“ wie Empathie werden immer wichtiger.

Nur in zweiter Linie sollen Lehrer Faktenvermittler sein, denn heute kann man sich Wissen im fortgeschrittenen Schüleralter jederzeit ganz schnell downloaden und bei Interesse aneignen.

„Die Basis für ein funktionierendes Schulsystem ist es, zusammen Wertvorstellungen zu tragen. Der gemeinsame Nenner aller Religionen und Kulturen ist ein friedliches Miteinander,“ fasst Alfred Lehner seine langjährige Erfahrung als Pädagoge zusammen und fügt an: „Durch Handy und PC lesen Kinder viel mehr als früher. Sie kommunizieren auch mehr. Aber sie müssen auch wieder lernen, das Leben zu spüren. Anders als im Gewalt-Computerspiel tut es im Turnunterricht weh, wenn mich jemand stößt und ich stürze. Aber es fängt schon beim Schulweg an. Viele Kinder wissen gar nicht mehr, wie sich Regen oder Kälte anfühlt, weil sie bis vor die Schule chauffiert werden.“

„Veränderung ist die Konstante, auch im Schulsystem“

Der Genetiker Markus Hengstschläger schreibt von der „Durchschnittsfalle“ und zeigt auf, wie wichtig genetische Voraussetzungen für den individuellen Erfolg sind.

Alfred Lehner setzt hier an: „Ein Fisch kann nicht fliegen, aber super schwimmen. Umgemünzt heißt das, dass kein Kind in allem gut sein muss. Grundkompetenzen wie Lesen und Schreiben muss jedes Kind beherrschen, aber dann muss man Begabungen stärken. Durch die autonome Schule, die regional und selbst über Problemlösungen bestimmen kann, wird dieses Konzept unterstützt.“

Der Bildungsauftrag muss also reflektiert und flexibel sein. „Pädagogen müssen sich mit der Jugend auseinandersetzen. In den Vordergrund muss der Mensch treten. Durch persönliche Bindung können Vorfälle wie in Ottakring vermieden werden“, resümiert der Bildungsexperte. Doch dazu müssen Lehrer, Direktoren und die Elternhäuser zum Wohle der Kinder an einem Strang ziehen.

 

„Die Jobs von morgen gibt es heute noch gar nicht“
Mit dem Wandel der Gesellschaft ändert sich auch der Bildungsauftrag. Schule muss die Jugendlichen auf ihre berufliche Zukunft vorbereiten. Mit zunehmender Digitalisierung wird klar, dass zukünftig vor allem soziale Kompetenzen wichtig sein werden. 2030 werden laut einer Studie 800 Millionen Roboter die Arbeit von Menschen ersetzen. Es wird eine Schicht geben, die die Roboter erfindet, bedient und weiterentwickelt. Die andere Schicht wird empathische Tätigkeiten machen, die von Maschinen nicht übernommen werden können. Pflegeberufe oder auch Lehrer zählen dazu, sagt der Wirtschaftsfachmann Jack Ma. Sport, Musik, Malerei, Kunst und Handwerk gewinnen an Wert, und Begabungen und Sozialkompetenz rücken ins Zentrum eines neuen Schulbildes.
Alfred Lehner


Alfred Lehner
Alfred Lehner ist seit 35 Jahren im Schuldienst, zuerst als Hauptschullehrer, danach war er zwölf Jahre lang Direktor der NMS Markt Allhau und hat bundesweit an den Pädagogischen Hochschulen referiert sowie immer wieder zum Thema der Schulentwicklung an der NMS publiziert. 
Seit fünf Jahren ist er Schulqualitätsmanager (früher: Pflichtschulinspektor) und begleitet 90 Pflichtschulen in den Bezirken Oberwart und Oberpullendorf.
Seit 2017 ist er Autonomiebotschafter für APS (Allgemeinbildende Pflichtschulen) und seit 2018 Clusterbeauftragter für APS des BMBWF und arbeitet derzeit an einem Bildungsnetzwerk, das die Wirtschaft und Schulen als Pilotprojekt hinsichtlich der Berufsorientierung im Sinne der „Schule der Zukunft“ zusammenführt. 

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