Zeitgeschichte wird mich immer zu journalistischem Handeln anregen

Sie waren Kinder oder Jugendliche, als Adolf Hitler im Jahr 1938 in Österreich einmarschierte. Heute sind sie zwischen 85 und 102 und sie erinnern sich - vor laufender Kamera des Dokumentarfilmers Walter Reiss. Das Resultat ist ein Film mit dem Titel „Es waren schwere Zeiten“, den Walter Reiss selbst als hochgefährlich bezeichnet. Denn es sind die Erinnerungen einer traumatisierten Generation, gefärbt von dem oft hilflosen Versuch, mit einem der größten Verbrechen an der Menschheit umzugehen.
Nicole Mühl
Foto: Bgld. Landesarchiv

Österreich 1938: Die heutigen Zeitzeugen waren damals Kinder. Sie sind in einer Zeit großgeworden, in der eines der größten Verbrechen an der Menschheit geschah

 

Menschen über eine Zeit zu befragen, die zu den dunkelsten Kapiteln der Menschheit gehört, ist doch eine Herausforderung!
Walter Reiss: Natürlich, denn es handelt sich dabei um ein Thema, über das in den meisten Familien nie geredet wurde. In vielen Fällen waren die Zeitzeugen selbst bereit, mit mir zu reden, aber die Verwandtschaft hatte Bedenken, dass der Eltern- oder Großelternteil mit NS-Ideologien in Verbindung gebracht werden könnte. Es gab auch Interviews, wo Wochen später die Zustimmung wieder zurückgezogen wurde.

Gab es unter den Interviewten etwas Verbindendes?
Walter Reiss: Das lässt sich schwer sagen, weil Erinnerungen etwas sehr Ambivalentes sind. Sie sind nicht etwas, das wie ein Schnappschuss zeigt, wie es damals historisch gesehen tatsächlich war. Das heißt nicht, dass die Zeitzeugen lügen. Nur im Laufe der Jahrzehnte bekommt so manche Erzählung eine andere Richtung. Jene, die damals Kinder waren, haben im Lauf der Jahrzehnte erfahren, wie man antwortet, wenn kritische Fragen gestellt werden. Dass man ausweicht oder verdrängt. Es war ja in Österreich nach dem Krieg lange Jahre so, dass man sich als erstes Opfer des Nationalsozialismus verstanden hat. Eine Gemeinsamkeit gibt es aber doch: Wenn man nach den Verbrechen an den Roma und Juden fragt, hört man oft: „Ja, da hat es was gegeben, aber ich sag Ihnen eines – die Russen waren genauso schlimm, wenn nicht schlimmer.“ Und diesen – ich nenne es „Russenreflex“ – den habe ich häufig angetroffen. Es ist so etwas wie ein psychologischer Ausgleich. Man gibt ungern zu, in schwierigen Zeiten nicht moralisch gehandelt zu haben. Es hilft ein wenig, wenn man sagen kann, „ja das mag schlimm gewesen sein, wir haben nichts dagegen unternommen, aber wir waren ja auch Opfer. Uns hat man ja auch bedroht.“

Können Sie nach den zahlreichen Gesprächen erahnen, wie diese Generation diese Zeit verarbeitet hat?
Walter Reiss: Ich glaube gar nicht. Es ist nicht aufgearbeitet. Zum Teil ist es verdrängt worden, zu einem geringen Teil ist es durch kritisches Nachfragen der Nachfolgegenerationen zumindest angerissen worden. Aber Schweigen war meist die Folge. Verdrängen und Vergessen sind eine Art Selbstschutz. Das ist eine chronische Krankheit, an der die Gesellschaft immer noch laboriert.

Und trotzdem waren einige dazu bereit mit Ihnen zu reden.
Walter Reiss: Ja, und je länger so ein Gespräch gedauert hat – und bei manchen waren es Stunden – umso emotionaler sind die Menschen geworden. Manche haben dabei fast geweint. Manchmal auch Männer, die sehr bewegt waren, dass man ihnen einen wichtigen Teil ihres Lebens, die Jugend, gestohlen hat. Dass sie nicht die Entfaltungsmöglichkeiten hatten. Und dass sie wo hineingerutscht sind, wo sie gar nicht hinwollten und dann dagestanden sind mit einem diffusen Gefühl aus möglicher Schuld und Verantwortung.

Der Titel der Dokumentation heißt „Es waren schwere Zeiten“. Ein Zitat, das Sie wohl öfters gehört haben.
Walter Reiss: Ja, das wurde immer wieder gesagt. Aber ich möchte den Titel relativieren. Es waren natürlich schwere Zeiten für die Leute, die ich da befragt habe. Aber diese sind keine Opfer (und auch keine Täter). Die wirklich schweren und traumatischen Zeiten hatte die jüdische Bevölkerung und die Roma, von denen ja nur 10 Prozent das KZ überlebt haben.

Was haben Sie persönlich an Erfahrung aus den Interviews mitgenommen?
Walter Reiss: Also eines der schockierendsten Erlebnisse war die Erinnerung einer Frau aus Mattersburg, die erzählt, dass die Juden heimlich, still und leise aus dem Ort verschwunden sind. „Einfach so.“ Tatsächlich wurden die Juden per Befehl brutal zur Auswanderung gezwungen und ihres Vermögens beraubt. Das zeigt mir, dass Erinnerungen nicht unbedingt Darstellungen von Fakten sind, sondern, dass die Erinnerung etwas sehr Bewegliches, Persönliches, Subjektives ist, das man nicht zu 100 Prozent als authentische Wahrheit eines Zeitzeugen sehen darf. Man muss dazu unbedingt die historischen Fakten kennen.

Sie betonen ja auch, dass der Film nur unter Begleitung eines Historikers gesehen werden soll.
Walter Reiss: Der Film ist wie Gefahrengut. Der braucht eine Gebrauchsanweisung. Daher ist es mir wichtig, dass er als Teil der Landessonderausstellung gezeigt wird, wo man mit den historischen Fakten konfrontiert wird und erst dann diesen persönlichen Erinnerungen begegnet. Es ist wichtig, auch bei Vorträgen immer einen Historiker oder eine Historikerin dabeizuhaben, der die Fakten darstellt. Die Erinnerungen alleine könnten zu einer Fehlinterpretation führen.

Was soll der Film beim Besucher hinterlassen?
Walter Reiss: Die Ausstellung sollte doppelt wirken. Im Kopf und im Bauch. In der Ausstellung soll Zeitgeschichte vermitttelt werden. Die historischen Vorträge sollen den Verstand ansprechen. Der Film soll ans Gemüt gehen. In dieser Kombination soll die Ausstellung nachwirken.

Die Auseinandersetzung mit der NS-Zeit ist immer wieder Thema Ihrer Arbeiten.
Walter Reiss: Zeitgeschichte ist nie vorbei. Das ist etwas, das wird mich immer zu journalistischen Projekten anregen. Weil sie aufregt, bewegt und immer noch ein Tabu ist. Also muss sie auch immer ein Thema bleiben.

Interview aus Ausgabe 05/2018


Walter Reiss
Dokumentarfilmer Walter Reiss hat 25 Zeitzeugen nach ihren Erinnerungen an das NS-Regime gefragt. „Es waren schwere Zeiten...“ Erinnerungen an das Schicksalsjahr 1938 ist Teil der Landessonderausstellung im Landesmuseum Eisenstadt

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