„Es ist ein Abenteuer, das zu Herzen geht“

Vater sein ist aufreibend und oft enorm schwierig.
Doch „die Beziehung zwischen Vater und Kind ist in ihrer Tiefe einzigartig“ sagt Familientherapeut Clemens Schermann. Und das sollte sie auch bleiben – über die Trennung der Eltern hinaus.
Nicole Mühl
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Wenn sich Eltern trennen, bedeutet das für alle Familienmitglieder eine immense Herausforderung. Frauen werden oftmals zu Alleinerzieherinnen und haben einen Alltag zu bewältigen, der sie an die Grenzen der Belastbarkeit bringt. Doch es gibt auch eine andere Seite. Die des Vaters.

Familientherapeut Clemens Schermann aus Oberpullendorf hat viele Jahre in der Männerberatung gearbeitet und weiß, dass die Rolle der Väter in der Öffentlichkeit weniger beachtet wird. In der Regel bedeutet die Scheidung der Eltern, dass Väter ein Stück weit ihre Kinder verlieren. „Oder besser gesagt – den Alltag mit den Kindern“, sagt Schermann. Der Kontakt wird nämlich meist erheblich eingeschränkt, oftmals auch von der Mutter direkt oder subtil verboten bzw. reguliert – und Väter leiden still unter dem Verlust der Kinder.
prima! hat mit dem Familientherapeuten Clemens Schermann über zerbrochene Familien, getrennte Väter und über eine neue Chance in der Beziehung zwischen Vater und Kind gesprochen.

Wenn Sie die Vater-Kind Beziehung in Worte fassen – wie würden Sie sie formulieren?

Schermann: Die Beziehung zwischen einem Vater und seinem Kind ist eine ganz besondere, die eine eigene Intimität hat. Aber natürlich auf einer völlig anderen Ebene als zum Partner. Emotional ist sie derart stark, dass sie mit nichts vergleichbar ist. Diese Verbindung in Worte zu fassen, ist schwer. Aber in einem Bild würde ich sie so beschreiben: Im günstigsten Fall stellen Mutter und Vater jeweils ein Ufer dar und das Kind ist wie ein Fluss, der sich dazwischen bewegen kann – wie es ihm gefällt. Das ist der Optimalfall.

Worin liegt in der Beziehung von Vater und Kind eine der größten Herausforderungen?

Schermann: Vater sein geht ein Stück weit von allein. Genauso wie Mutter sein. Intuitiv macht man oft das Richtige in der Situation. Der Sprung vom Kind zum Jugendlichen ist aber sicher eine Herausforderung, weil sich beim Kind viel verändert. Auch in der Kommunikation. Da ist es oft wichtig, dass man sich als Vater auf sein Gespür verlässt und einfach dem Bauchgefühl vertraut. Ein Vater hat mir das einmal ganz simpel erklärt: „Man wächst zum Glück mit dieser Herausforderung mit.“

Was sagen Sie Paaren, die der Kinder wegen zusammenbleiben?

Schermann: Wenn es Eltern gelingt, sich von den Idealen als Paar zu verabschieden und ein Zusammenleben zu arrangieren, in dem sie hauptsächlich für die Familie sorgen, dann ist das in einem gemeinsamen Haushalt auch weiterhin gut möglich. Das ist ein ganz pragmatischer Ansatz. Tatsächlich schaffen es Eltern oft – trotz der verzweifelten Situationen und Krisen, die sie durchgemacht haben – sich gemeinsam um die Kinder zu kümmern und den Alltag zu managen. Das setzt aber voraus, dass man sich gegenseitig in der Elternrolle akzeptiert und respektiert. Wenn Eltern nur streiten und die Kinder instrumentalisieren, ist das schwierig.

Was ist der größte Fehler, den Eltern bei einer Trennung machen können?

Schermann: Die Kinder gegen den Partner auszuspielen. Kinder haben sowieso einen Loyalitätskonflikt den Eltern gegenüber. Sie sollen auf der Kinderebene bleiben und nicht für Konflikte auf der Elternebene missbraucht werden. Die Mutter bleibt die Mutter – egal, was passiert ist. Und der Papa bleibt der Papa, auch wenn er noch so einen großen Blödsinn gemacht hat. Das ist ein Leben lang so. Loyalität kann man von seinem Kind nicht einfordern. Egal, wie alt es ist.

Was wäre also die wichtigste Botschaft an Väter?

Schermann: Das gilt für beide Elternteile: Man soll sich immer wieder darauf besinnen, dass man der erwachsene Part in dieser Beziehung ist. Das Alter des Kindes spielt dabei keine Rolle. Man wird immer Vater oder Mutter sein. Die Herausforderung ist, dass man sich bewusst ist, dass Eltern und Kinder auf zwei verschiedenen Ebenen stehen. Das ist ein Leben lang so. Eltern werden durch ihre Kinder oft an ihre eigene Kindheit erinnert und rutschen dann selbst auf die Kinderebene. Sie müssen sich immer wieder bewusst machen, dass sie die Eltern und die Erwachsenen sind.

Wie können Väter, die die Familie verlassen, den Kontakt zu ihren Kindern halten?

Schermann: Es ist generell wichtig, den Ärger, den man auf den Partner bzw. die Partnerin hat, nicht auf das Kind zu übertragen. Keine versteckten Botschaften gegen den anderen Elternteil richten! Kinder spüren das. Man sollte lieber die Zeit mit dem Kind nutzen und bewusst verbringen. Der Rolle der Mutter wird dabei immer noch zu wenig Beachtung geschenkt. Wenn diese den Kontakt des Kindes zum Vater nicht möchte – oft passiert das sehr subtil – ist das Kind in einem Konflikt. Da muss auch die Mutter an sich arbeiten, um das Kind nicht als Druckmittel gegen den Vater zu missbrauchen.

Was raten Sie Vätern, die ihre Kinder emotional verloren haben? Gibt es ein Zurück?
Schermann: Sicher! Ich ermutige Väter in den meisten Fällen (außer das Kind möchte das nicht), den Kontakt zum Kind herzustellen, denn – es ist nie zu spät, Vater zu sein. Der Vater muss aber natürlich auch seine eigenen Verletzungen bemerken. Diese sind durch missglückte Erfahrungen passiert. Weil die Beziehung und der Kontakt nicht so sind, wie er es sich gewünscht hat. Diese Enttäuschungen über die eigene Rolle als Vater, diesen Schmerz muss man spüren können und sich dessen bewusst sein. Dann kann man auch in der Begegnung mit dem Kind klarer sein. Kinder merken alles. Kinder können ihren Eltern ins Herz blicken. Die Beziehung wird mit Sicherheit eine andere, als sie es früher war. Aber es ist nie zu spät.

Termin: „Väter unter Spannung“ am 14. Juni 2018, um 19.00 Uhr, Cafe Stromberger (Oberwart, Schulgasse 2)

 

Beitrag aus Ausgabe 06/2018


Clemens Schermann
Psychotherapeut und Lebens- und Sozialberater Clemens Schermann hat viele Jahre in der Männerberatung gearbeitet und den Verein „Männer- und Burschenkompetenz“ mitgegründet (https://maennerleben.at)

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