„Wenn sich in der Tierhaltung etwas verändern soll, muss uns die Landwirtschaft etwas wert sein“

Das Tierschutzvolksbegehren geht in die finale Phase. Noch bis Ende Juni kann man es auf den Gemeindeämtern oder mittels Handysignatur unterschreiben. Im Herbst wird es dann im Zuge der Eintragungswoche eine letzte Möglichkeit geben, seine Stimme für mehr Tierschutz in Österreich abzugeben. Initiator Sebastian Bohrn Mena hat dieses Volksbegehren vor einem Jahr ins Leben gerufen. Es geht dabei um eine tierleidfreie Haltung und die Abschaffung der Tiertransporte, um die Förderung der Bio-Bauern und auch um eine genaue Kennzeichnung der Herkunft unserer Lebensmittel. prima! hat den Wirtschaftsökonom und Tierschützer zum Interview getroffen – aufgrund des Coronavirus natürlich per Videochat.
Nicole MÜHL / 4. Mai 2020 / Podcast am Seitenende

Gegen Tiertransporte und für die Kennzeichnung von Lebensmitteln: Das österreichische überparteiliche Tierschutzvolksbegehren kann jetzt noch unterschrieben werden

 

Herr Bohrn Mena, Sie haben im Mai 2019 das überparteiliche Tierschutzvolksbegehren ins Leben gerufen. Damit es im Parlament behandelt wird, sind 100.000 Unterschriften notwendig, derzeit sind 75.000 erreicht. Wie lange kann man noch unterschreiben?

Sebastian Bohrn Mena: Bis Ende Juni kann man es noch auf den Gemeindeämtern oder mittels Handysignatur bzw. Bürgerkarte unterschreiben. Ende Juni werden wir eine Eintragungswoche beantragen, und es wird dann in Abhängigkeit vom Innenminister nochmals acht Tage geben, in denen man das Tierschutzvolksbegehren unterschreiben kann. Das wird wahrscheinlich Ende September oder im Oktober sein. Das ist eine enorm wichtige Zeit. Insgesamt müssen wir dann die 100.000 Unterschriften erreichen, damit das Tierschutzvolksbegehren im Parlament behandelt wird. Das ist unser Ziel.

Wenn man sich die Fotos Ihrer Kampagne ansieht, sieht man keine Schreckensbilder aus den Schlachthöfen oder von Tiertransporten. Warum nicht?

Sebastian Bohrn Mena: Ich habe das Tierschutzvolksbegehren niemals als eine Stimmenmaximierungsgeschichte konzipiert. Natürlich könnte man viel mehr Menschen dafür begeistern, wenn man ihnen die wirklich schrecklichen Bilder aus der Massentierhaltung zeigen würde. Das tun wir nicht, weil wir nicht auf den Konflikt setzen wollen. Wir wollen nicht den Kampf mit den Landwirten aufnehmen, die noch nicht reformbereit sind. Wir wollen nicht gegen die Handelskonzerne kämpfen, die Rabattschlachten von Billigfleisch durchführen. Damit hätten wir sicherlich mehr mediale Aufmerksamkeit, und wir würden mehr zur Polarisierung beitragen. Aber wir hätten unseren zentralen Anspruch des Tierschutzvolksbegehrens – nämlich das Brückenbauen – verloren. Wir wollen den Dialog fördern. Ich bin nicht bereit, diese Ziele zu opfern, damit wir jetzt statt 75.000 Unterschriften vielleicht 150.000 haben.

Wir wollen nachhaltig etwas ändern. Und das geht nur durch den Dialog. Wichtig ist, dass die Menschen nicht nur eine Unterschrift abgeben, sondern dass sie tatsächlich nachdenken, welchen Beitrag der Veränderung sie in ihrer eigenen Lebenswelt leisten können. Vor diesem Hintergrund sind 75.000 MultiplikatorInnen in Wirklichkeit schon sehr viel.

Dennoch würde eine große Anzahl an Unterschriften den Druck auf die Regierung erhöhen. Wie stehen die Chancen, etwas zu bewirken, wenn gerade einmal die Mindestanforderung an Unterschriften erfüllt ist?

Sebastian Bohrn Mena: Ich glaube, mit dem Tierschutzvolksbegehren ist uns in den letzten eineinhalb Jahren schon viel gelungen. Wir brauchen nur ins neue Regierungsprogramm reinschauen. Da sieht man für die ÖVP fast undenkbare Bekenntnisse zu einer Weiterentwicklung der ökologischen tier- und klimafreundlichen Landwirtschaft. Man hat dort eine Initiative zum Thema Tiertransporte, die ganz aktuell bereits erste Schritte zum Thema Kontrolle und Dokumentation bei Auslandsexporten von Tieren gesetzt hat.

Das wurde verschärft. Wir haben im Bereich der Herkunftskennzeichnung ganz klare Bekenntnisse von Schwarz und Grün, dass es hier zu einer Weiterentwicklung kommen muss. Also ich glaube, wenn es um die politische Effektivität unseres Volksbegehrens geht, brauchen wir uns nicht verstecken. Wichtig ist aber vor allem die Frage: Was machen wir nach der Eintragungswoche im September, wenn das Tierschutzvolksbegehren im Parlament landet? Für uns war von Anfang an klar, dass wir dann den Druck und das Interesse in der Öffentlichkeit aufrecht erhalten müssen. Wir müssen also Strukturen aufbauen, um sicherzustellen, dass wir auch die nächsten Monate und Jahre dafür kämpfen können, dass das umgesetzt wird, was wir vorhaben.

Was ist dafür notwendig?

Sebastian Bohrn Mena: Wir müssen einerseits Möglichkeiten schaffen, wie die Leute in ihrem eigenen Bereich aktiv werden können – aber als Teil einer Gemeinschaft. Das Zweite ist die Frage der Finanzierung über die Kampagnenphase hinaus. Wir müssen eine Finanzierung sicherstellen, die den gleichen Unabhängigkeitskriterien entspricht, die wir jetzt haben. Wir lassen uns nicht von Konzernen kaufen, wir lassen uns nicht von Parteipolitik bestimmen, und wir wollen uns nicht zu stark vom öffentlichen Geld abhängig machen. Die Frage ist: Wie kann man eine Finanzierung sicherstellen, die es ermöglicht, dass wir dauerhaft Teil eines öffentlichen Diskurses sind? Wie kann man mit ökologischen oder ökosozialen unternehmerischen Modellen zivilgesellschaftliche Initiativen finanzieren?

Und ich lade alle dazu ein, die sich dafür interessieren, Teil einer Verbesserung der Welt zu sein, mich zu kontaktieren. Wir sind sehr daran interessiert, zu kooperieren.

Sind Sie nicht auch von den Grünen enttäuscht, von denen man sich ja eigentlich mehr Interesse für das Thema erwartet hätte?

Sebastian Bohrn Mena: Wir haben mit den Grünen vier Regierungsmitglieder, die das Volksbegehren unterschrieben haben. Ein bisschen was sieht man im Regierungsprogramm. Aber es wurde noch viel zu wenig umgesetzt. Das hat zum einen mit der Corona-Krise zu tun. Aber auch, weil es in der Regierungskonstellation mit der ÖVP sicher nicht einfach ist. Aber auch in der Volkspartei gibt es den ökosozialen Flügel. Also solche, die verstanden haben, dass grenzenloses profitmaximiertes Wachstum der Landwirtschaft nicht in Einklang zu bringen ist mit Klimagerechtigkeit oder Tierwohl. Aber es gibt eben die Wirtschaftskammer, die sich gegen jede Form der Weiterentwicklung sperrt. Ein gutes Beispiel ist die Herkunftskennzeichnung von Lebensmitteln. Diese steht im Regierungsprogramm. Der Bauernbund, die Landwirtschaftskammer, Ministerin Köstinger, die Grünen, die SPÖ auch die FPÖ und die NEOS sind dafür. Der einzige Widerstand kommt von der Wirtschaftskammer.

Die sind dagegen, dass auf den Lebensmitteln draufstehen muss, was drinnensteckt. Die Wirtschaftskammer blockiert hier den Fortschritt. Und da muss ich schon sagen, dass sich innerhalb der ÖVP irgendwann einmal der ökosoziale Flügel und die Landwirtschaft durchsetzen und der Wirtschaftskammer vermitteln müssen, dass es im Jahr 2020 absolut unzeitgemäß und anachronistisch ist, den Konsumenten im Unklaren zu lassen und ihm nicht die Möglichkeit zu geben, herauszufinden, was bei ihm am Teller landet. Damit sind Tür und Tor geöffnet für beispielsweise sechshundert Millionen Eier aus Käfighaltung, die jedes Jahr konsumiert werden. Denn auch wenn die Käfighaltung bei uns verboten ist, so werden Eier aus dem Ausland in vielen Produkten verarbeitet. Oder denken wir an das Kalbfleisch, das nicht gekennzeichnet ist und aus Holland importiert wird, während gleichzeitig unsere Kälber ins Ausland gekarrt werden. Das alles hat den Hintergrund, dass es in diesem Land Kräfte gibt, denen Profit um jeden Preis immer noch wichtiger ist. Das ist der Grund, warum immer noch zu wenig weitergegangen ist.

Sie haben die Kennzeichnungspflicht genannt. Was muss also draufstehen bei den Lebensmitteln?

Sebastian Bohrn Mena: Derzeit ist nicht gekennzeichnet, wenn in den Lebensmitteln Inhaltsstoffe sind, deren Herstellung in Österreich bereits verboten ist. Der Konsument weiß es nicht. In der Gastronomie erfährt man fast nie, wo das Fleisch herkommt. Man erfährt auch nicht, welche Eier verwendet werden. Wir wollen hier eine Deklarationspflicht wie in der Schweiz. Dieses Modell stellt sicher, dass man erfährt, aus welchem Land es kommt und wenn es unter Bedingungen produziert wurde, die nicht den heimischen Gesetzen entsprechen. Es müsste dann draufstehen: Gugelhupf gemacht mit Eiern aus Käfighaltung. Es muss beim Fleisch gekennzeichnet sein, wo das Tier geboren, aufgezogen und geschlachtet wurde. Nur so macht es Sinn. Es ist noch immer nicht genug, aber es wäre ein großer Fortschritt.

Kann man dem AMA Gütesiegel vertrauen?

Sebastian Bohrn Mena: Wenn es dem Konsumenten reicht zu wissen, dass das Fleisch aus Österreich kommt, dann reicht das. Das heißt aber nicht, dass es dem Tier gut ging. Es heißt auch nicht, dass es kein Gen-Soja als Futter bekommen hat. In der Schweinemast landen jährlich 500.000 Tonnen genmanipuliertes Sojaschrot aus brandgerodetem Regenwald in den Futtertrögen. Das AMA Gütesiegel sagt nichts über das Tierwohl aus. Wenn schon, dann sollte man auf Produkte greifen, die das AMA BIO-Siegel tragen. Es ist noch nicht perfekt, aber besser.

Viele Konsumenten kaufen zwar regional, aber das bedeutet ja nicht, dass es dem Tier auch gut ging. Können Sie die Tierhaltung etwas genauer beschreiben.

Sebastian Bohrn Mena: Gerade bei Schweinen sind die Zustände horrend. Artgerecht werden die wenigsten gehalten. Es sind zum Teil verheerende Zustände. Von der betäubungslosen Ferkelkastration bis zum Schleifen der Zähne, dem Kupieren der Schwänze bei vollem Bewusstsein, den Vollspaltenböden, Tiertransporten bis hin zu einer Schlachtung, die maximal stressgeladen ist. Die Kontrollenquote der konventionellen Landwirtschaft liegt in Österreich bei zwei Prozent. Also im Schnitt wird ein Betrieb alle 50 Jahre überprüft. Wie gesagt, ist die Rede hier von der konventionellen Landwirtschaft. Die Situation ist bei einem AMA Gütesiegelbetrieb anders: Hier ist die Kontrolle größer, und im Bio-Bereich ist sie noch strenger.

Aber wir haben die groteske Situation, dass man als Konsument und auch als Landwirt für das, was gut ist, mehr zahlen muss als für das, was schlecht ist. Der Landwirt wird belohnt, wenn er konventionell produziert, weil er weniger oft kontrolliert wird und weniger strenge Kontrollvorschriften hat. Er kann in Masse unter Bedingungen produzieren, die für das Tier, die Umwelt und für uns Menschen desaströs sind. Das ist ein falsches System.

Welche Forderungen stellt das Tierschutzvolksbehren hier konkret?

Sebastian Bohrn Mena: Das Tierschutzvolksbegehren will hier massive Veränderungen. Wir fordern ein Ende der Vollspaltenboden, der stressbeladenen Schlachtung, wir fordern ein Verbot von genmanipuliertem Futter, ein Verbot der betäubungslosen Kastration, der Massentiertransporte und vieles mehr. Aber das alles ist Symptombekämpfung. Wichtig ist uns zu vermitteln, dass die Landwirte nicht unsere Gegner sind. Ich glaube nicht, dass ein Landwirt seine Tiere vorsätzlich quält. Zum Großteil haben die Landwirte vor zehn oder 15 Jahren in Vollspaltenböden investiert, weil ihnen gesagt wurde, dass das modern und fortschrittlich ist.

Die Bauern haben sich zum Teil sogar verschuldet. Und jetzt 15 Jahre später kommen Tierschützer daher und sagen ihnen, dass das eine Tierquälerei ist. Da verstehe ich, dass ein Landwirt im ersten Moment dicht macht. Viele können ihre Landwirtschaft auch nur fortführen, wenn sie einen Nebenerwerbsjob haben. Und bei den meisten herrscht eine enorme Abhängigkeit von Fördergeldern. Zwei Drittel des landwirtschaftlichen Einkommens eines Bauern stammen aus Steuergeld. Das heißt, die Landwirtschaft in der derzeitigen Form ist nicht rentabel. Das liegt daran, dass wir einen Markt haben, der vollkommen willkürliche und realitätsfremde Preise hat. Wenn du heute im Supermarkt ein Kilogramm Schweinefleisch um vier Euro angeboten bekommst, ist das Null Wertschätzung gegenüber dem Tier, der Natur aber auch der bäuerlichen Arbeit. Da brauchen wir uns nicht wundern, dass die Bauern verzweifeln und in dieser Verzweiflung auf Haltungsformen setzen, bei denen nicht das Tierwohl im Vordergrund steht. Wir brauchen einen grundsätzlichen Wandel in der Landwirtschaft hin zu einer tier- und klimafreundlichen Form, die gefördert und nicht bestraft wird, wie es momentan der Fall ist.

Solange wir es nicht schaffen, Landwirten in Österreich eine existenzsichernde Perspektive zu bieten – mit einem Fördermittelsystem, das auch auf europäischer Ebene drastisch reformiert gehört, aber auch mit dem, was wir bereit sind zu zahlen – solange ist es eine Scheinheiligkeit und eine Farce, wenn wir von Landwirten verlangen, dass sie um viel Geld ihre Ställe umbauen, denn für viele würde das den Bankrott bedeuten. Gegen diese Scheinheiligkeit verwehre ich mich, und ich glaube, dass diese Polarisierung in den letzten Jahren dazu beigetragen hat, dass sich so wenig bewegt. Denn wenn auf der einen Seite Tierschützer sagen, dass Bauern Tierquäler sind und auf der anderen Seite Landwirte sagen, dass die Konsumenten nicht bereit sind, mehr für die Qualität zu zahlen – obwohl die Konsumenten gar nicht erfahren, wo das Fleisch herkommt – da merken wir, dass sie aneinander vorbeireden. Weder sind die Tierschützer Menschen, die Bauern zum Spaß verurteilen, noch sind Bauern Tierquäler. Wir haben es hier mit vielen falschen Bildern und mit einem grundsätzlichen systemischen Fehler zu tun. Und das ist der Grund, warum das Tierschutzvolksbegehren so stark auf den Dialog setzt und so stark auf den Einbezug der Landwirte. Und letztlich ist das auch der Grund, warum es uns so wichtig ist, mit heimischen Produzenten zusammenzuarbeiten, um aufzuzeigen, dass es einen Unterschied macht, wenn man ein Bio-Produkt aus Österreich konsumiert. Denn dadurch kann man als Konsument auch tatsächlich eine Entscheidung treffen, wie Tiere gehalten werden.

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Dr. Sebastian Bohrn Mena
Dr. Sebastian Bohrn Mena ist Initiator des österreichischen überparteilichen Tierschutzvolksbegehrens.



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