Die Sache mit den Blumen und Bienen

Wir alle sind sexuelle Wesen - auch Kinder. Neben der Förderung ihrer sozialen Kompetenzen ist eine Förderung der sexuellen Entwicklung gleichermaßen wichtig - für ein gesundes und erfülltes Leben und auch zum Selbstschutz. Als Sexualpädagogin weiß Silvia Messenlehner aber, wie wenig Kinder dabei unterstützt werden.
Silvia MESSENLEHNER / 29. Jänner 2019
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Wann und wie soll man sein Kind aufklären?

Ab der achten Schwangerschaftswoche entscheidet sich bereits die Geschlechtszugehörigkeit durch das Hormon Testosteron. Der Erregungsreflex ist angeboren und bei allen Menschen vorhanden. Am Ultraschallbild sieht man auch bereits erste vorgeburtliche Erektionen. Sexualität ist also ab dem Zeitpunkt unserer Entstehung vorhanden und ist ab der Geburt ein Entwicklungs- und Lernprozess. Wer meint, das Thema Sexualität erst mit seinem Kind besprechen zu müssen, wenn es in die Pubertät kommt, der irrt.

Als Sexualpädagogin nehme ich aber immer wieder wahr, wie wenig über das Thema bekannt ist. Die Sexualität eines Kindes hat nichts mit der Sexualität eines Erwachsenen zu tun. Das muss man unbedingt trennen. Für Kinder ist es normal, sich am Penis oder an der Scheide zu berühren. Wenn ein Kind explorieren (erkunden) darf und ihm seine Eltern begleitend wichtige Informationen mitgeben, ist ein Aufklärungsgespräch nicht notwendig. Und noch etwas: Wenn Eltern in ihrer Sexualität stabil und gut verankert sind, geben sie bereits ein gutes Vorbild ab und wie wir wissen, orientieren sich Kinder am Verhalten, den Haltungen und Einstellungen der Eltern.

Bis zu welchem Alter darf man mit dem Kind baden?

Ein stabiles Kind, das in seinem Körper sehr gut verankert ist, zeigt im Normalfall selber die Grenzen auf. Und man soll sich da auf sein Gespür verlassen und aufmerksam sein.

Gestern noch war es vielleicht in Ordnung, ins Bad zu kommen, während die Tochter oder der Sohn unter der Dusche steht und am nächsten Tag, steht man plötzlich vor versperrter Tür. Es wichtig, diese Privatsphäre zu achten und sie nicht als lächerlich abzutun.

Achten und respektieren Erwachsene den Wunsch des Rückzuges des Kindes, unterstützen sie es in seiner Selbstsicherheit.

Sollen sich Eltern vor dem Kind überhaupt nackt zeigen?

Ab dem 2. Lebensjahr beginnt beim Kind die Phase der Geschlechtszugehörigkeit. Das Kind entdeckt, dass Mama und Papa anders aussehen. Es ist neugierig und vergleicht sich selber, um sich eben einem Geschlecht zuzuordnen und zugehörig zu fühlen. Die Identitätsbildung (ich bin ein Bub/Mädchen) setzt ein und es muss auch einen Stolz entwickeln dürfen auf sein eigenes Geschlecht.

Eltern, die selbstsicher und stabil in ihrem eigenen Körper verankert sind, zeigen sich auch nackt und zeigen damit dem Kind, dass der Körper in Ordnung ist. Aber auch hier gilt wieder, die Bedürfnisse, Grenzen und die Privatsphäre des Kindes zu respektieren. Wichtig ist auch, das Kind nicht zu überfordern.

Wer soll aufklären – Vater oder Mutter?

Beide sollen begleiten, denn beide prägen das Kind in ihrer Vorbildwirkung.

Wie vermittle ich meinem Kind ein gutes Körperbewusstsein?

Jeder Mensch hat eine Abbildung aller Körperteile im Gehirn – im sensomotorischen Kortex. Es braucht viele Wiederholungen, um diese Abbilder zu speichern.

Mit positiven Reaktionen der Eltern auf das Explorieren, wenn das Kind seinen Körper entdecken will, wird dieses Körperbild gefestigt und gespeichert und es erzeugt eine gute Körpererfahrung. Ich empfehle Eltern, von Anbeginn weg mit dem Kind zu reden. Also, beispielsweise beim Wickeln die Geschlechtsorgane richtig zu benennen. Kosenamen dürfen natürlich auch sein.

Wenn Eltern den Kindern zeigen, wie man sich wäscht, vermitteln sie, dass es wichtig ist, auf seinen Körper zu achten und ihn zu pflegen – denn er ist einzigartig.

Eltern müssen aber auch die Grenzen wahren, wenn ein Kind etwas nicht will (z.B. ein Bussi geben). Es ist wichtig, Kindern zu zeigen, dass sie auch NEIN sagen dürfen. Dadurch werden sie in ihrer Selbstsicherheit gestärkt, können sich schützen und lernen Entscheidungen zu treffen.

Ein NEIN des Kindes soll nicht zu einer Kränkung der Bezugsperson führen. Das Kind soll lernen, seine Grenzen wahren zu dürfen. Die beste Haltung, die Eltern ihren Kindern vermitteln können, ist: Was ich kenne und schätze, kann ich schützen!


Silvia Messenlehner
ist Psychologische Beraterin und Sexologin. In ihrer Praxis arbeitet sie auf zwei Komponenten. Zum einen im psychologischen Bereich und zum anderen als Sexologin. Somit kann sie ihre Klienten ganzheitlich beraten und begleiten. Silvia Messenlehner arbeitet mit psychisch gesunden Menschen, die sich in einer Lebenssituation befinden, in der sie professionelle Beratung und Unterstützung brauchen.

Ihre Kolumne erscheint monatlich in der Printausgabe von prima! Magazin

www.silviamessenlehner.at
beratung@silviamessenlehner.at

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