Do it yourself!

Darf das sein? Oder sagt uns unsere „innere Polizei“ mit erhobenem Zeigefinger, dass das verwerflich ist? Als Single akzeptieren wir die Selbstbefriedigung noch eher. Aber was ist in einer Beziehung? Und wie jagen wir unser schlechtes Gewissen zum Teufel?
Silvia Messenlehner
Foto: Jörg Brinckheger/pixelio.de

Mann tut es. Frau tut es auch. Manchmal in Absprache mit dem Partner, aber oftmals im Geheimen. Schnell mal auf dem Klo, vor dem Laptop – Bilder im Kopf treiben die Erregung voran. Es wird gerubbelt und gedrückt. In der Dusche mit dem Wasserstrahl, mit dem Vibrator, Dildo oder einfach mit den Fingern. Aber um eines gleich klarzustellen: Ob man sich selbst befriedigt oder nicht, ist jedem selbst überlassen. Kein Mensch muss das tun – aber jeder darf es. Selbstbefriedigung ist ein Weg, um sich selbst kennenzulernen und lustvoller zu erfahren.

Anna und Kurt sind ein langjähriges Paar. Sie sind im Alltag gut eingespielt und sie lieben sich auch. Geschlechtsverkehr gibt es aber seit Jahren keinen. Sie „bedienen“ sich beide selber und wissen auch darum. Aber Anna wünscht sich Geschlechtsverkehr mit Kurt. Den hohen Druck, den Kurt bei der Selbstbefriedigung mit der Hand aufbaut, kann Annas Scheide nicht bieten. Was passiert: Er hat Angst, die Erektion zu verlieren und Anna nicht befriedigen zu können. Das verursacht Stress. Die Anspannung steigt. Somit kann es sein, dass er mit einer hohen Beckenspannung und einem schnellen Rhythmus rasch entlädt oder die Erektion verliert.
Anna jedoch braucht Stimulation an einer bestimmten Stelle mit einem bestimmten Rhythmus. Ja, das ist ein Teufelskreis. Deshalb hat Kurt aufgehört mit Anna zu schlafen.

Was können die beiden also tun, um gemeinsam wieder Lust zu erleben?
Die Situation ist vergleichbar mit dem Erlernen eines Musikinstrumentes. Wer ein Duett spielen möchte, muss das eigene Instrument zunächst allein erlernen und das Stück einüben, bevor er mit dem Partner musizieren kann.
Anna und Kurt haben für sich durch die Selbstbefriedigung gute körperliche Fähigkeiten und Kompetenz entwickelt. In der Sexualität mit dem Partner stoßen sie jedoch an ihre Grenzen. Mit professioneller Unterstützung haben sie aber Entwicklungsmöglichkeiten, um eine befriedigende Paar-Sexualität zu gestalten.

Bewegung und eine tiefe Bauchatmung führen zu mehr Genuss
Wenn der Körper angespannt, oder unbewegt ist, ist die Durchblutung weniger gut, und man spürt weniger. Der Sex wird dann anstrengender. Das kann bei Männern zum Erektionsverlust oder raschen Samenerguss führen.
Bei Frauen können es Schmerzen und Trockenheit in der Scheide sein. Deshalb ist es wichtig, dass der Körper beim Sex aktiv und beweglich ist. Eine tiefe Bauchatmung, langsame fließende Bewegungen sowie ein Spiel mit der Anspannung und der Entspannung im Becken ermöglichen eine lustvolle, körperliche Erregungssteigerung bis zum Orgasmus.

Eine Übung: Setzen Sie sich auf einen Sessel, mit dem Becken ganz vorne. Breiten Sie die Beine auseinander, die Schulterblätter müssen an der Sessellehne sein. Kippen Sie das Becken nun leicht nach unten Richtung Füße und ziehen Sie es dann in Richtung Nabel wieder hoch. (Sitzen bleiben!) Beim nächsten Mal atmen Sie beim nach vorne Kippen tief in ihr Becken hinein und beim Zurückziehen atmen Sie tief aus – machen Sie das einige Male. Wie fühlt es sich an? Nur spüren- nicht werten! Und wenn Sie noch mehr Genuss haben wollen, nehmen Sie bei der Ausatmung ein lustvolles ,,Ahhhh“ dazu.

Und die Sache mit dem schlechten Gewissen?
Geben Sie sich die Erlaubnis, sich selbst zu befriedigen. Das darf sein! Das schlechte Gewissen ist uns anerzogen. Selbstbefriedigung bedeutet, den eigenen Körper liebevoll mit all seinen Sinneswahrnehmungen zu erkunden und wissen, wie er funktioniert. Erfahren, was er wo braucht.
Woody Allen meinte, Selbstbefriedigung ist Sex zu haben mit dem Menschen, den man am meisten liebt. Lieben Sie sich also! Mit einem reinen Gewissen.

Kolumne aus Ausgabe 04/2017


Silvia Messenlehner
Silvia Messenlehner ist Psychologische Beraterin und Sexologin. In ihrer Praxis arbeitet sie auf zwei Komponenten. Zum einen im psychologischen Bereich und zum anderen als Sexologin. Somit kann sie ihre Klienten ganzheitlich beraten und begleiten. Silvia Messenlehner arbeitet mit psychisch gesunden Menschen, die sich in einer Lebenssituation befinden, in der sie professionelle Beratung und Unterstützung brauchen.

Ihre Kolumne erscheint monatlich in der Printausgabe von prima! Magazin

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beratung@silviamessenlehner.at

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