Es gibt kein „verkehrt“

Typisch Mann, typisch Frau! Der erste Eindruck unseres Gegenübers erfolgt nach der Zuordnung zu einem Geschlecht. Doch was ist mit Begriffen wie Hetero-, Homo-, Trans- und Intersexualität? Da wird schnell moralisiert und bewertet - weil es nicht in unser Schema passt.
Silvia Messenlehner
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Homosexuell, transsexuell, intersexuell, heterosexuell – alles ist „normal“

 

Kerstin vermittelt auf den ersten Blick das Bild einer typischen Frau! Möchte man meinen. Ist sie aber nicht. Sie ist eine Transsexuelle. Hinter ihrer Fassade steckt ein verzweifelter junger Mann der, wie er sagt: „Im falschen Körper steckt.“ Er fühlte sich nie als Junge. Und es begann schon in frühester Kindheit. Er spielte lieber mit Mädchen. Wollte immer Kleider anziehen. Bubensachen interessierten ihn nicht. Tragisch wurde es für ihn, als er in die Pubertät kam und sich sein männlicher Körper entwickelte. Seinen Penis klemmte er ein. Er kam in einen großen Zwiespalt. So ist es heute noch. Er fühlt sich von Tag zu Tag verzweifelter, weil er mit niemandem reden kann. Instinktiv weiß er, dass sein soziales Umfeld ihn nicht so akzeptieren würde, wie er sich fühlt – als Frau.

Manuel ist homosexuell. Das bedeutet, dass sich seine sexuelle Orientierung auf Partner des gleichen Geschlechts richtet – also auf Männer. Heute ist er 50. Bis zu seinem 40. Lebensjahr hatte er keine Beziehung – aus Angst vor Abwertung und Unverständnis in seinem Umfeld. Der Leidensdruck ist enorm.

Beinahe völlig verschwiegen wird die Intersexualität. Sie hat nichts mit Transsexualität zu tun, wird aber leicht damit verwechselt.
Bei dem oder der Betroffenen sind die Geschlechtsmerkmale nicht eindeutig zuzuordnen. Aus diesem Grund werden oft schon Babys operiert, ohne zu wissen, zu welchem Geschlecht sie sich später einmal zugehörig fühlen werden.
Oft wird auch hormonell eingegriffen und den Kindern dadurch die Selbstbestimmung abgesprochen.

Und auch Hans leidet. Weil er seit Jahren gerne Frauenkleider und Pumps trägt, aber viel zu viel Angst davor hat, wie seine Familie und die Menschen in seinem Ort auf seine Vorliebe reagieren. Er hat das Gefühl, dass „einfach etwas nicht mit ihm stimme“.

Es gibt sie also – die sexuellen Orientierungen, die von unserem klassischen Mann-Frau-Bild abweichen.
Transvestismus, Transsexualität, Homosexualität, und Intersexualität wurden und werden noch immer als Störungsbilder gesehen. Die Gesellschaft hat unklare Vorstellungen, die zu Berührungsängsten, Stigmatisierung, Vorurteilen und auch zu Ausgrenzungen führen.
Betroffene haben meist einen langen Leidensweg hinter sich, ehe sie endlich den Mut fassen, so zu leben, wie es sie glücklich macht.
Kerstin hat nach jahrelangen Selbstzweifeln endlich den Mut gefasst, eine Geschlechtangleichung vorzunehmen. Sie kommt dadurch ihrem Gefühl nach und wird auch körperlich eine Frau. Es ist ein Weg, der sie enorm viel Kraft kostet, doch sie sagt, dass sie weiß, dass bessere Tage auf sie warten, in denen sie glücklich und sie selbst sein kann.

Als Sexologin und Sexualtherapeutin kann ich sagen, dass jeder Weg der Selbstfindung einzigartig ist. Doch es gibt eine Botschaft, die für uns alle gilt: Die sexuelle Orientierung eines Menschen kann sich im Laufe des Lebens verändern (oder stabil bleiben). Sie ist nach wissenschaftlichen Erkenntnissen nicht genetisch bedingt. Es liegt also auch nicht in den Genen, ob jemand transsexuell oder homosexuell ist. Die genauen Ursachen sind unerforscht. Doch für die Betroffenen ist wichtig zu wissen, dass sie keinem „Gendeffekt“ oder einer „Laune der Natur“ unterliegen. Die Botschaft an sie lautet: JEDE sexuelle Orientierung ist gesund und gleich wertvoll. Nicht Ihr Körper oder Ihre Gene sind „verkehrt“! Nein – das, was den Leidensdruck bei Betroffenen erzeugt, kommt von der Gesellschaft, die urteilt, was richtig und falsch ist. Aber bedenken Sie: In Ihrem Leben, entscheiden das Sie!

Kolumne aus Ausgabe 03/2018


Silvia Messenlehner
Silvia Messenlehner ist Psychologische Beraterin und Sexologin. In ihrer Praxis arbeitet sie auf zwei Komponenten. Zum einen im psychologischen Bereich und zum anderen als Sexologin. Somit kann sie ihre Klienten ganzheitlich beraten und begleiten. Silvia Messenlehner arbeitet mit psychisch gesunden Menschen, die sich in einer Lebenssituation befinden, in der sie professionelle Beratung und Unterstützung brauchen.

Ihre Kolumne erscheint monatlich in der Printausgabe von prima! Magazin

www.silviamessenlehner.at
beratung@silviamessenlehner.at

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