Lust kann man lernen

Sex ist ein Tabuthema. Man redet nicht darüber - oft nicht einmal mit dem Partner. prima! bricht dieses Tabu und startet mit der Klinischen Sexologin und Sexualtherapeutin Silvia Messenlehner aus St. Michael eine neue Kolumne zu diesem heißen Thema.
Silvia MESSENLEHNER / 23. März 2017

Karin hat mit dem Thema Sex abgeschlossen. Sie hat noch nie einen Orgasmus erlebt und will auch keinen mehr – sagt sie. Eine Erregung kann sie nicht wahrnehmen und ist deshalb der Meinung, dass sie keine Sexualität hat. Kurzum, sie hält sich für frigide bzw. a-sexuell.
So wie Karin geht es vielen Frauen und auch Männern. Doch ich kann Sie beruhigen. Sexualität ist im Körper verankert. Sie ist da. Der Erregungsreflex ist angeboren. Er wird unwillkürlich ausgelöst oder durch Stimulation. Selbst wenn man es nicht will, finden Erektionen statt. Beim Mann sichtbarer durch einen erigierten Penis. Bei der Frau nicht offensichtlich, da die weiblichen Genitalien im kleinen Becken eingebettet sind. Doch auch sie hat Erektionen. Sexualität ist im Körper verankert. Sie ist ein reflektorisches Geschehen.
Der erste wichtige Schritt ist immer die körperliche, medizinische Abklärung. Bei Karin ist alles in Ordnung. Sie leidet auch nicht an Depressionen oder an einer posttraumatischen Belastungsstörung.

Was Karin mit vielen Frauen und Männern gemeinsam hat: Sie kann die körperliche Erregung einfach nicht wahrnehmen – auch, wenn die Erektion als körperlicher Reflex vorhanden ist.
Doch ohne Wahrnehmung findet kein lustvolles, sexuelles Erleben statt. Die gute Nachricht: das kann man lernen.

Keine Angst vor der eigenen Erregung!
Jeder Mensch hat das Recht, seine Sexualität so zu leben, erleben und auszuleben, wie er es möchte (solange er die Grenzen des anderen achtet). Welche Stimulanzien auch immer dazu führen, dass Sie Ihre Erregung wahrnehmen, sind normal. Sie sind bei jedem Menschen anders und unterliegen den jeweiligen individuellen Lernschritten und Grenzen. Aber sie sind erweiterbar. Egal in welchem Alter. Ist es ein Blick, eine Berührung an einer bestimmten Körperstelle, einfach nur eine Geste des Gegenübers, eine Fantasie? Auch unsere Atmung und das Anspannen und Entspannen des Beckenbodens spielen dabei eine entscheidende Rolle, den PONR (Point of no return – den Orgasmus) zu erreichen.

Dazu gleich eine Übung: Spannen Sie den Beckenboden an, so als wollten Sie den Harnstrahl unterbrechen. Können Sie das Anspannen und Loslassen wahrnehmen? Mit dieser Übung trainieren Sie den Beckenboden, der einen wichtigen Beitrag zum Gelingen eines genussvollen Sex hat. (Aber dazu ein anderes Mal).
Es geht also darum, die Erregung auszulösen, wahrzunehmen und genießen zu können! Das ist nicht selbstverständlich.
Wie wir unser sexuelles Erleben gestalten, hängt natürlich noch von mehreren Ebenen ab. Werte, Mythen, die Beziehungsfähigkeit, aber auch die körperlichen Lernschritte sind nur einige Komponenten, die unser sexuelles Erleben beeinflussen und eine Rolle dabei spielen, wie weit wir uns selbst erlauben, unsere Grenzen zu erweitern.

Karin weiß nicht, was sie stimuliert. Noch nicht. Doch sie kann lernen, wie sie ihre Erregung auslösen kann, um ihre Sexualität zu genießen.
Frigidität ist ein Begriff, der oft falsch gebraucht wird. Meist ist die Ursache für das geringe sexuelle Verlangen keine krankhafte Störung (dies gilt es zuerst abzuklären). Wer neugierig genug ist, seinen Körper und seine sexuelle Orientierung zu erforschen, wird sie wahrnehmen, indem er seine Grenzen erweitert. Schritt für Schritt. Denn mit der Übung kommt die Lust.

Kolumne aus Ausgabe 03/2017


Silvia Messenlehner
Silvia Messenlehner ist Psychologische Beraterin und Sexologin. In ihrer Praxis arbeitet sie auf zwei Komponenten. Zum einen im psychologischen Bereich und zum anderen als Sexologin. Somit kann sie ihre Klienten ganzheitlich beraten und begleiten. Silvia Messenlehner arbeitet mit psychisch gesunden Menschen, die sich in einer Lebenssituation befinden, in der sie professionelle Beratung und Unterstützung brauchen.

Ihre Kolumne erscheint monatlich in der Printausgabe von prima! Magazin

www.silviamessenlehner.at
beratung@silviamessenlehner.at

Einen Kommentar hinterlassen: