Der Orgasmus der Frau

Viele Frauen glauben in puncto Sex einfach ihre Pflicht erfüllen zu müssen. Die Lust bleibt oft auf der Strecke. Vom Orgasmus gar nicht zu reden. Doch damit sollte sich keine Frau zufriedengeben. Denn da geht noch was - egal, wie alt man ist.
Silvia Messenlehner
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Die Lust der Frau steckt noch in den Kinderschuhen. Sie ist gerade mal knappe hundert Jahre alt. Tausende Jahre davor wurde der Frau die Lust abgesprochen. Und das spiegelt sich noch immer unbewusst in vielen Frauenkörpern wider.

Liebe Damen, stellt euch selbst folgende Fragen: Wie geht es mir als Frau? Wie erlebe ich meine Lust und meinen Körper? Wie gestalte ich mich in der Paar-Sexualität oder in der Autoerotik? Wie fühle ich mich in und mit meinem Körper? Habe ich die Fähigkeit, eine orgastische Frau zu sein?
Wir leben in einer übersexualisierten Welt. Alles ist möglich. Die Vorstellungen gehen ins Unermessliche. Frauen müssen „endlos kommen“, multiple Orgasmen haben, der G-Punkt muss unbedingt gefunden werden uvm. Schönheits-Operationen sind „in“. Auch im Bereich der Geschlechtsorgane. Plötzlich sind sogar die Scheidenlippen, die in ihrer Einzigartigkeit fast einem Fingerabdruck gleichkommen, zu lang, zu weit und müssen operiert werden. Und diese Eingriffe zerstören unzählige Nervenbahnen.
Auf dem Gebiet der Sexualität herrscht viel Unwissen. Die Medien gaukeln uns top trainierte und gestylte Frauenbilder vor, die immer gut gelaunt, immer lustvoll sind. Nur, das ist nicht die Realität.
50 Prozent der Frauen erleben ihre Sexualität positiv und sind damit zufrieden. Der Rest lebt recht und schlecht damit. Immer wieder höre ich von Frauen ähnliche Aussagen, wie jene von Frau G., die mir ihre Geschichte erzählt. Nach 20 Jahren Ehe hatte sich ihr Mann von ihr getrennt und ihre Trauer war unendlich. Einige Zeit später lernte sie ihren jetzigen Partner kennen. Ihre Verblüffung war groß, dass sie mit diesem Mann eine andere Art der Paar-Sexualität erfuhr. Sie hatte in der Zeit ihrer Ehe keinen Orgasmus, nahm es einfach als normal hin – und plötzlich diese Erfahrung. Nach vielen Jahren blickt sie heute zurück und kann es einfach nicht glauben, wie sie diese Art der Sexualität so lange leben konnte. Heute fühlt sie sich als weibliche Frau. Ein neues befriedigendes Gefühl.

Dafür gibt es eine einfache Erklärung. Die meisten Dinge in unserem Leben unterliegen Automatismen. Wir tun es ganz einfach, ohne darüber nachzudenken. Oder hast du dir schon mal überleg, wie und wann deine Sexualität in deinen Körper eingezogen ist? Wer hat dir beigebracht, wie du dich als Frau erleben, spüren und wahrnehmen kannst? Oder wie du einen Orgasmus bekommst?
Frau G. war während ihrer Ehe körperlich sehr angespannt und die Lust des Mannes war für sie im Vordergrund. Ihr neuer Partner praktiziert den „wellenförmigen Modus“ und somit veränderte sich auch ihre Technik. Sie begann den Körper mehr zu bewegen, genießt die sexuelle Erregung, die sich über den ganzen Körper ausbreitet. Das Ziel ist für sie heute nicht, schnell „fertig zu werden“, sondern die Lust und der Genuss. Durch die Bewegung kommt der Körper in ein Wechselspiel von Anspannung und Entspannung. Hilfreich sind, das Becken zu schaukeln und Kreisbewegungen, ein rhythmisches Anspannen und Entspannen des Scheidenmuskels und eine tiefe Bauchatmung – dadurch wird das Becken gut durchblutet.
Auch die Stoß-Technik ist wichtig, weiß sie heute. Ihr erster Mann hatte mit einem hohen Druck die Raus-Rein-Technik angewendet. Er praktizierte den „mechanischen Modus“. Frau G. fand daran keinen Gefallen. Das liegt daran, dass die Scheide im ersten Drittel die meisten Nerven und Rezeptoren hat und Druck und langsame rhythmische, kreisende Bewegungen gerne „mag“.
Frau G. erlebte dadurch ihren ersten Orgasmus (von noch vielen). Auch heute, nach einigen Jahren, sind sie und ihr Partner immer noch ein lustvolles Paar. Frau G. nimmt sich nun auch mehr als Frau wahr. Sie genießt es, ihren Partner in sich zu spüren. Ihre Selbstsicherheit hat sich verstärkt und das gibt ihr ein anderes Körpergefühl und stärkt sie in ihrer Weiblichkeit. Sie geht bewusster durchs Leben.
Frauen sind sexuelle, sinnliche, lustvolle Wesen. Es zahlt sich immer aus – egal in welchem Alter – auf die eigenen Bedürfnisse zu achten und in die Weiblichkeit zu investieren. Du kannst jederzeit deine Fähigkeiten erweitern.

Kolumne aus Ausgabe 01/2018


Silvia Messenlehner
Silvia Messenlehner ist Psychologische Beraterin und Sexologin. In ihrer Praxis arbeitet sie auf zwei Komponenten. Zum einen im psychologischen Bereich und zum anderen als Sexologin. Somit kann sie ihre Klienten ganzheitlich beraten und begleiten. Silvia Messenlehner arbeitet mit psychisch gesunden Menschen, die sich in einer Lebenssituation befinden, in der sie professionelle Beratung und Unterstützung brauchen.

Ihre Kolumne erscheint monatlich in der Printausgabe von prima! Magazin

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