Sein „bestes“ Stück

Er will sie. Jetzt. Aber kaum geht es zur Sache, ist die Erregung weg und aus dem Akt der Lust wird ein mechanisches, schnelles „Rein-Raus“, das Stress verursacht - und Frustration. Doch es gibt Wege, den genitalen Freund zu steuern.
Silvia Messenlehner

Sex gehört zu den schönsten Dingen auf der Welt. Der Geschlechtsakt – die Vereinigung von Mann und Frau – ist ein Wunder unseres Körpers.
Da ist der erigierte Penis in all seiner Manneskraft, stark und fest. Drei Schwellkörper umgeben die Harnröhre, füllen sich bei sexueller Erregung mit Blut und schon steht der Penis in seiner vollkommenen Männlichkeit. Die Länge wird immer wieder diskutiert, aber diese ist für den Akt meist nebensächlich.
Und schließlich die Scheide der Frau. Sieben bis zehn Zentimeter ist sie lang und sie wird noch länger, wenn sie stimuliert wird. Das Zusammenspiel der beiden Körper ist einfach genial. Das Eindringen des Gliedes in die Vagina, die feucht wird, um dem Penis und den Spermien ein natürliches Gleitmittel zur Verfügung zu stellen – ja, die Funktionalität des menschlichen Körpers ist schon faszinierend.

Aber manchmal ist die Erektion auch eine Bedrohung für den Mann, nämlich dann, wenn sie ausbleibt. Wenn ihn sein „bestes Stück“ im Stich lässt. Männer erleben den Penis als Symbol. Bildlich gesprochen, als Werkzeug, Waffe, Steuerknüppel, ja, auch als Bohrer. Ihr genitaler Freund steht ganz einfach – oft auch ohne jedes Zutun. Darauf verlassen sie sich. Doch wer meint, die völlige Kontrolle über sein „bestes Stück“ zu haben, irrt. Bereits Leonardo da Vinci wies im 16. Jahrhundert darauf hin, dass der Penis keineswegs dem Befehl seines Herrn gehorcht.

So ergeht es auch Julius (38) immer wieder. Er lebt alleine, aber er wünscht sich eine Beziehung. Sein Problem ist seine Angst vor einer sexuellen Begegnung mit einer Frau. Ihre Erwartungen nicht erfüllen zu können und „es“ einfach nicht zu bringen.
In seinem Gedächtnis ist seine erste sexuelle Erfahrung verankert, bei der er eine Erektionsstörung hatte. Das passierte ihm später, in anderen Beziehungen, auch immer wieder. Für Julius ist das bedrohlich und führt zu einer massiven Verunsicherung in seiner Männlichkeit. Weil er sich nicht auf seinen Penis verlassen kann, unterlässt er auch lieber gleich den Geschlechtsakt. Kommt es doch soweit, spannt Julius sein Becken zu stark an. Die Bewegung wird immer schneller, der Druck immer größer – die Erektion immer kleiner. Es ist ein mechanisches Rein und Raus und Julius kann den Vorgang einfach nicht mehr steuern.

Was kann Mann nun tun?
Eine Erektionsstörung kann viele Ursachen haben (Stress, Druck, Versagens- oder Leistungsangst, Medikamente, medizinische Faktoren usw.). Eine Erektion braucht immer eine gute Durchblutung des Penis. Die Abklärung durch den Arzt ist der erste Schritt.
Erst dann kann sexualtherapeutisch gezielt gearbeitet werden. Das Problem von Julius ist einfach ausgedrückt: Sein Kopf sagt seinem Penis „Mach! Werde steif und bring mich zum Point Of No Return“. Doch der Penis hört nicht auf den Kopf.
Julius ist aber nicht machtlos. Er kann sehr wohl lernen, seinen standhaften Freund körperlich zu steuern.
Das passiert, indem er auf seine Atmung, seinen Rhythmus und seine Bewegung achtet. Wenn Julius diese drei Säulen im Griff hat und weiß, wie sein Körper darauf reagiert, hat er auch seinen Penis besser im Griff. Im wahrsten Sinn des Wortes.
Eine Erektion ist nicht selbstverständlich. Für Julius ist es wichtig, Vertrauen zu sich und seinem „besten Stück“ aufzubauen. Er muss lernen, wie sein Körper funktioniert, wie dieser auf seine Atmung reagiert, wie sein Penis auf den Rhythmus seines Körpers anspricht. Dann kann Julius seine Erregung steuern.

Eine kleine Gedankenübung
Julius ist sehr auf seine Partnerin konzentriert. Darauf, sie zu befriedigen. Erst dann kommt er. Wichtig ist aber, dass er auf sich selbst achtet.
Bis zu sieben Erektionen kann ein Mann in der Nacht haben, während er schläft. Das hat nichts mit einer sexuellen Erregung zu tun. Es ist nur ein Zeichen dass der Penis durchblutet wird. Auch die „Morgenlatte“ bedeutet nicht, dass er den Tag mit einer Geilheit beginnt. Nein. Kann Julius morgens beim Aufwachen eine Erektion feststellen, dann funktioniert die Durchblutung.
Julius könnte nun den Tag gut damit beginnen, seinen genitalen Freund, der sich ihm fröhlich entgegenreckt, zu begrüßen. Ihn mit den Händen ergreifen und sich dabei einfach bewusst machen: Steht er – so bin ich.

Kolumne aus Ausgabe 05/2017


Silvia Messenlehner
Silvia Messenlehner ist Psychologische Beraterin und Sexologin. In ihrer Praxis arbeitet sie auf zwei Komponenten. Zum einen im psychologischen Bereich und zum anderen als Sexologin. Somit kann sie ihre Klienten ganzheitlich beraten und begleiten. Silvia Messenlehner arbeitet mit psychisch gesunden Menschen, die sich in einer Lebenssituation befinden, in der sie professionelle Beratung und Unterstützung brauchen.

Ihre Kolumne erscheint monatlich in der Printausgabe von prima! Magazin

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