Wenn die Welt Kopf steht – Teil 2

Ein Seitensprung verändert in einer Beziehung meist alles. Für den Betrogenen ist die Welt plötzlich aus den Fugen geraten. Aber auch der Partner, der fremdgeht, ist oft in einem Dilemma. Eine Standard-Lösung gibt es nicht - aber ein paar wichtige Erfahrungswerte dazu.
Silvia MESSENLEHNER / 29. November 2018
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Wann ist ein Seitensprung für die Beziehung gefährlich?

Grundsätzlich geht es dabei um die Frage, ob es sich „nur“ um Sex handelt oder ob es um eine Bindung zu einem anderen Menschen geht. Beim klassischen Seitensprung steht grundsätzlich schneller Sex im Zentrum. Die Beziehung zum Partner kann deswegen trotzdem gut funktionieren.

Beginnt beim Fremdgehen aber das Kuscheln, wünscht man sich mehr Zeit miteinander und beginnt Probleme zu besprechen, geht es bereits in Richtung Bindung. Die Treffen werden intensiver mit immer kürzeren Abständen. Man fühlt sich besser verstanden als vom eigenen Partner.

Die Gefühle spielen verrückt, man ist verwirrt, verunsichert und weiß nicht, was man machen soll. Lügen und Heimlichkeiten dominieren das Leben. Es ist ein Kick, aber auch gleichzeitig eine Belastung. Man kommt in eine Konfliktsituation.

Soll man einen Seitensprung gestehen?

Gestehen oder nicht? Immer wieder erlebe ich, dass ein einmaliger Seitensprung passiert ist und bereut wird. Viele kommen mit dem schlechten Gewissen nicht zurecht und gestehen dem Partner ihren Ausrutscher. Tut man dies, muss man sich dessen bewusst sein, dass man den Partner damit enorm belastet und in eine Krisensituation stürzt. Meist verursacht ein solches Geständnis Ängste, Verletzungen und die Beziehung wird auf den Kopf gestellt. Der geständige Partner hat sich selber reingewaschen und erwartet eine Absolution. Die Verantwortung wird an den Betrogenen abgegeben. Eine Krise hat immer zwei Seiten: das Belastende, aber auch die Chance auf etwas anderes.

Entweder die Beziehung endet, weil der Vertrauensbruch zu groß erlebt wird oder beide nutzen die Chance, dahinter zu sehen, zu verstehen, zu reflektieren und Altes aufzubrechen, um sich wieder gemeinsam neu zu definieren. In diesem Fall nutzen sie die Krise als Entwicklungschance.
Verzeihen ist aber eine Voraussetzung, damit der Neubeginn auch funktionieren kann.

Wenn das Verzeihen unmöglich ist oder die Außen-Beziehung immer noch eine Rolle spielt, ist eine Versöhnung und ein Zueinanderfinden zum Partner nicht möglich. Es braucht die aktive Bereitschaft beider Partner, ihre Beziehung neu zu gestalten. Aber seien Sie sich dessen bewusst, dass es auch Zeit braucht, damit die Verletzungen und Kränkungen heilen und wieder Vertrauen entstehen kann.

Der Partner geht fremd! Was soll man tun?

Viele wollen nicht wahrhaben, dass der Partner fremdgeht. Sie beschreiben die Situation wie einen Schockzustand und wissen nicht, wie sie reagieren sollen. Die meisten suchen dann Beweise – kontrollieren Mails, Handy und den Tagesablauf des Betroffenen. Manche stellen sich selbst in Frage und suchen die Schuld bei sich.

Und andere wollen den Partner bestrafen. Sexentzug ist eine Folge. Sie behandeln ihn herablassend oder demütigen ihn im Freundeskreis mit bösartigen Äußerungen.

Wie man reagiert, hängt von den Konfliktbewältigungsstrategien ab, die man im Laufe seines Lebens erlernt hat. Der beste Weg ist, die Heimlichtuerei zu durchbrechen und die Sitution ansprechen. Doch das erfordert Mut. Der betrogene Partner will Gewissheit, traut sich aber oft nicht, der Wahrheit ins Gesicht zu blicken.

Viele haben Angst vor der Antwort, wenn sie ihren Partner mit dem Verdacht oder Beweisen konfrontieren. Also gehen die Heimlichkeiten weiter. Wichtig ist: Jeder Menschen kann seine Bewältigungsstrategien erweitern. Professionelle Hilfe (Paartherapie) kann eine wertvolle Unterstützung sein, um diese Krise zu bewältigen und Entscheidungen treffen zu können.

Wann merkt man, dass man den Partner verloren hat?

Wenn einer der Partner nicht bereit ist, an der Beziehung zu arbeiten und sich nicht mehr einbringt, ist es schwierig, die Krise als Chance zu sehen.

Die Gründe sind unterschiedlich. Vielleicht ist aus der Affäre eine Beziehung entstanden, die man nicht aufgeben will. Vielleicht ist die Affäre aber auch nur Auslöser dafür gewesen, um aufzuzeigen, dass in der Beziehung daheim vieles nicht stimmt und man längst getrennte Wege gehen möchte.

Verloren hat man den Partner auch, wenn das Verzeihen unmöglich ist. Dann sollte jeder für sich die Chance auf einen Neuanfang nutzen.


Silvia Messenlehner
ist Psychologische Beraterin und Sexologin. In ihrer Praxis arbeitet sie auf zwei Komponenten. Zum einen im psychologischen Bereich und zum anderen als Sexologin. Somit kann sie ihre Klienten ganzheitlich beraten und begleiten. Silvia Messenlehner arbeitet mit psychisch gesunden Menschen, die sich in einer Lebenssituation befinden, in der sie professionelle Beratung und Unterstützung brauchen.

Ihre Kolumne erscheint monatlich in der Printausgabe von prima! Magazin

www.silviamessenlehner.at
beratung@silviamessenlehner.at

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