Der Engländer und das Leben

Das ganze Leben ist ein Soundtrack – so sieht es zumindest Laura Weingrill. Denn während sich die Welt dreht, hört sie Musik. Und wem die eigene Playlist mit der Zeit zu eintönig wird, dem verpasst sie hier jeden Monat eine neue Portion aufregender Sounds.
Laura WEINGRILL / 29. Jänner 2019
Foto: Adrien-Bliss

Musikjournalistin Laura Weingrill über Tom Rosenthal

 

Der Engländer und das Leben

In der heutigen Welt ist es nicht einfach, aus der Masse herauszustechen. Vor allem nicht im aufregenden Universum der Musik. Ein Singer-Songwriter reiht sich an den anderen, streitet sich darum, wer wohl die traurigsten Lieder singen kann und ob sie besser auf der Gitarre oder dem Piano klingen. Tom Rosenthal ist einer dieser Singer-Songwriter, noch dazu aus England, dem Geburtsort dieser wunderbaren Gattung, und doch ist er noch so viel mehr. Er hat es geschafft. Er ist jemand besonderes.

Einst als „Großbritanniens bester unbekannter Songwriter“ gekrönt, zieht Tom nun schon seit über 18 Jahren seine Wege im Kreis der Musik. In dieser Zeit konnte der 32-Jährige eine Vielzahl von LPs und EPs produzieren, insbesondere zwei Alben, die seinen Töchtern gewidmet sind: „Bess“ und „Fenn“. Der Großteil seiner Balladen besteht aus genau drei elementaren Zutaten: Toms rauchig-warmer Stimme, seinen manchmal sehr melancholischen, manchmal aber auch wahnsinnig komischen Songtexten und seinem treuesten Begleiter, seinem Piano. Zusammen ergeben sie das gewinnbringende Rezept, das Rosenthal bis heute aus der Menge herausragen lässt.

Doch nicht nur deshalb ist der Londoner eine Rarität der Branche. Bis heute macht Rosenthal das meiste noch selbst. Er hat weder Manager noch PR-Agent. Seine Songs produziert er alle alleine, zuhause in seinem eigenen Studio. Ganz aktiv stellt sich der Sänger gegen die Mainstream-Richtlinien der Musikwelt, was er mitunter auch anhand seiner Lyrics beweist. So nahm er etwa im März 2017 einen Song auf, in dem er direkt Melania Trump, die Frau des US-Präsidenten Donald Trump, darum bat, ihren Mann sprichwörtlich ins All zu schießen. Es sind genau diese überraschende Originalität, pure Ehrlichkeit und der fast beneidenswerte Mut, kein Blatt vor den Mund zu nehmen und auch mal kontroverse Themen anzusprechen, die Tom Rosenthal unter anderem zu der Fangemeinde verhalfen, die nun innerhalb weniger Minuten seine Shows zu ausverkauften macht.

Letztlich sind es aber das einfache und umso mehr berührende Songwriting und der erfrischende englische Humor, die den Briten von der bekannten Singer-Songwriter-Liga unterscheiden. Er besingt leidenschaftlich gerne seine Liebe zu Pasta und Wassermelonen und ist sich dabei nicht zu schade, im Obstkostüm oder nudelbeklebten Anzug umher zu springen und Luftpiano zwischen Wiese, Wald und Fluss zu spielen. Nicht nur deshalb eignen sich seine preisgekrönten Musikvideos, die zumeist aus einer Kollaboration mit verschiedenen Künstlern und Illustratoren entstehen, gut als Stimmungsaufheller an grauen Tagen. Aber auch nachdenklich geht bei dem sympathischen Briten. Mal traurig leise, mal wütend laut singt er von Angst und Verlassenwerden, vom Vermissen und Vergessen, von schlechten Beziehungen und wahren Lieben. Letzten Endes macht ihn genau dies zu etwas Besonderem. Er singt vom Leben.


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