Die Poesie der Piloten

Das ganze Leben ist ein Soundtrack – so sieht es zumindest Laura Weingrill. Denn während sich die Welt dreht, hört sie Musik. Und wem die eigene Playlist mit der Zeit zu eintönig wird, dem verpasst sie hier jeden Monat eine neue Portion aufregender Sounds.
Laura WEINGRILL / 01. März 2019
Foto: Laura Weingrill

Für Laura Weingrill dreht sich die ganze Welt um Musik. Wohin sie auch geht, egal ob nach Wien oder London, die Kopfhörer sind immer dabei.

 

Exakt ein Jahr schien es, als wären die Jungs der Band Twenty One Pilots vom Erdboden verschwunden. Keine Konzerte, keine Interviews, nicht einmal ein Posting auf Twitter. Doch am 6. Juli 2018 war es dann soweit, endlich ein Ende der Funkstille – und die ganze Musikwelt spielte verrückt. Denn Twenty One Pilots sind nicht nur eine Band, sie sind DIE Band.

Seit ihrem internationalen Durchbruch mit ihrem vierten Longplayer „Blurryface“ gelten die Piloten Tyler Joseph und Josh Dun, die gebürtig aus Ohio, USA, stammen, als die ultimative Post-Spotify-Indierockband. Dabei zeichnet sich ihr spezieller Sound nicht nur durch ihr eigens geschaffenes Genre „Schizophrenia-Pop“ aus, sondern auch durch das absichtliche Spielen mit ihrer Musik, welches den beiden zu unzähligen Hits wie „Stressed Out“ oder „Heathens“ verhalf und zu ihrem unverkennbaren Stil. Und auch wenn es gerade deswegen so scheinen mag, bei dem Indie-Duo passiert nichts ohne Grund und genauester Planung. Und obwohl die größten Konzerthallen in Sekunden ausverkauft werden, stellen sie sich aktiv gegen den Mainstream. Ihre Antwort? „Trench“, ein Konzeptalbum über eine fiktionale Welt voller erdrückender Dunkelheit und unverkennbarer Hoffnung.

Musikalisch bewegt sich ihre neueste Platte erneut auf einem extrem breiten musikalischen Spektrum und verbindet gekonnt minimalistischen Rap nahtlos mit Emo-Rock und Reggae-Einflüssen, während Josh Dun’s Talent auf dem Schlagzeug dem gesamten Werk den letzten Schliff verpasst. Lässt man sich einen Song nach dem anderen „in den Ohren zergehen“, spürt man zugleich wie neu und auch wieder altbekannt das Album klingt. Die Texte drehen sich immer noch um Angst, Depression und Unsicherheit – Themen, die Leadsänger und Songwriter Tyler Joseph seit seiner Kindheit verfolgen. Es herrscht noch immer ein Kampf zwischen Licht und Dunkel. Und während man immer tiefer in die Welt von Trench eintaucht, trifft man nicht nur auf bekannte Gesichter wie Blurryface (Joseph’s Verkörperung seiner Depressionen), sondern auch auf neue Charaktere, die der Geschichte einen Funken Mut verleihen.

Doch worum genau handelt diese Geschichte und was bedeutet eigentlich Trench? In unzählbaren Massen tauchten nach der Veröffentlichung der ersten Single „Jumpsuit“ Theorien der Fans im Internet auf, die sowohl die Lyrics als auch das dazugehörige Video in ihre kleinsten Bestandteile auseinandernahmen, nur um sie dann in Form einer vermuteten Story wieder zusammenzubringen. Ein Gerücht jagte das andere. Doch erst als das Album dann endlich das Licht der Welt erblickte, fingen manche Fantheorien an, Sinn zu ergeben, die dann später auch von den Machern selbst bestätigt wurden. So viel ist nun klar: Trench ist die Geschichte von Clancy, einer erneuten Verkörperung von Tyler Joseph’s Psyche, aber diesmal seiner positiven Seite. Dieser ist in der Stadt Dema gefangen, welche für seine negativen Gedanken steht, verursacht durch seine Ängste und Depressionen. Dema selbst wird von den neun „Bishops“, oder auch Bischöfen, beherrscht, die Clancy daran hindern, zu flüchten. Doch so wie die Dunkelheit durch die Bischöfe verkörpert wird, gibt es auch Hoffnung – und zwar in Form der Banditos, einer Gruppe von Rebellen, die versuchen, die Gefangenen der Bischöfe zu befreien. Bekannt ist nun auch, dass die Clique, also die Fans, sowie Joseph’s Familie und Freunde und auch Drummer und zweite Häfte Josh Dun zu diesen Banditos zählen. Im Verlauf des Albums versucht Clancy immer wieder mithilfe der Banditos zu flüchten, doch es gelingt ihm nicht, die Stadt zu verlassen. So endet Trench mit „Leave The City“, einer Hommage an die Fans und an die Hoffnung, in der sich Joseph direkt an seine Liebsten richtet und ihnen klarmacht, dass es ihm nun bessergeht und er beschlossen hat, in Dema zu bleiben, bis auch er eines Tages stark genug sein wird, diese zu verlassen. Ein bittersüßes Ende, und doch ein optimistisches, lebensbejahendes.

Zuletzt geht es in Trench jedoch um Tyler Joseph und nur ihn allein. Über seinen andauernden Kampf mit Depressionen und Angstzuständen („Morph“), über seine Selbstmordgedanken („Cut My Lip“), über den Verlust seines Großvaters („Legend“), seine Liebe zu seiner Frau Jenna Joseph („Smithereens“), seine alltäglichen Anstrengungen als Künstler und Songwriter („Pet Cheetah“ & „Chlorine“), über die Verherrlichung von Stars, die Selbstmord begehen („Neon Gravestones“), und über seine Beziehung zur Clique, ihrer Fanbase („The Hype“ & „Leave the City“). Blickt man erst einmal hinter die Fassade der beklemmenden Lyrics, mitreißenden Beats und durchdringenden Rhythmen, erkennt man schnell die tiefere Bedeutung der kryptischen Texte. So wird Trench von einem sehr guten Indierock-Album, zu einer umwerfend persönlichen, poetischen Geschichte über das Leben, die es wert ist, gehört zu werden.


Tipp
Wer nun Lust bekommen hat, Twenty One Pilots und die Welt von Trench live zu erleben, sollte sich schnell Tickets für das Frequency Festival 2019 sichern und bis dahin Clancy online unter www.twentyonepilots.com einen Besuch abstatten.

Einen Kommentar hinterlassen: