Als der „Blaue Blitz“ nach Bad Tatzmannsdorf kam

Im Rekordtempo wurde 1902/03 die Bahn von Oberwart über Tatzmannsdorf nach Oberschützen gebaut. Warum dafür die Oberschützer 60.000 Ziegel für den Bahnhof bereitstellten und warum ein Oberwarter der erste Busunternehmer der Region wurde.
Ing. Wilhelm HODITS / 29. April 2019
Foto: Hermann-Wolfahrt

Ende der 1950-er Jahre bis 1987 gab es eine tägliche Direktverbindung von Wien nach Bad Tatzmannsdorf – genannt „der Blaue Blitz“

 

 

Es hat gewaltige Aufbruchsstimmung im Jahr 1888 im der Region Oberwart, die damals zu Ungarn gehörte, geherrscht. Die Bahnstrecke Steinamanger – Rechnitz – Oberwart – Pinkafeld 1888 war gerade eröffnet geworden und schon bemühten sich einflussreiche Kreise um eine Weiterführung der Bahnverbindung nach Tatzmannsdorf und Oberschützen sowie die Verlängerung der Strecke bis an die Landesgrenze Österreichs (dem heutigen NÖ).

Der Oberwarter Fuhrwerksbesitzer Johann Ochsenhofer, der damals nicht damit rechnete, dass die Bahnverbindung nach Tatzmannsdorf so rasch gebaut werden würde, nützte den immer größer werdenden Tourismusstrom und kaufte 1892 einen neuen Omnibus zur Fahrt nach Tarcsa (Tatzmannsdorf). Damit nahm er den ersten Linienbetrieb von Oberwart nach Tatzmannsdorf auf. Das erste Busunternehmen in Oberwart war geboren. Für die damalige Zeit ein echter Luxusbus. Eine Investition, die sich für den weitblickenden Busunternehmer sehr bald rechnete. Er soll auch bereits die ersten Schulkinder von Oberwart nach Oberschützen befördert haben.

Eröffnung 1903

1896 beantragte ein gewisser Adolf Stern in Steinamanger den Bau einer Eisenbahnlinie von Großpetersdorf über Stadtschlaining nach Tatzmannsdorf. Als weitere Variante gab es auch die Streckenführung von Oberwart nach Tatzmannsdorf. Dem Antrag wurde 1896 stattgegeben. Stern entschloss sich aus Kostengründen für die kürzere Variant über Oberwart nach Tatzmannsdorf und die Strecke bis Oberschützen zu verlängern. Die Finanzierung bereitete allerdings Probleme, der Bau verzögerte sich.

Im Juni 1899 wurde die Bewilligung um ein weiteres Jahr verlängert. Neuer Eigentümer der Strecke wurde Ludwig Fabian, der die Finanzierung stemmte. Am 18. Juni 1902 wurde der Spatenstich für die neue Strecke vorgenommen. Am 26. Juni 1902 wurde die Oberwarter, Tatzmannsdorfer, Oberschützer Localbahn mit Sitz in Budapest gegründet. Mitte Dezember 1902 erreichten die Gleise bereits Oberschützen. Die Gemeinde Oberschützen stellte für den Bau des Bahnhofs ca. 60.000 Ziegel zur Verfügung, bestand aber darauf, dass das Gebäude mindestens so groß sein musste, wie jenes in Tatzmannsdorf. Überlegt wurde auch ein Weiterbau der Strecke bis Kirchschlag.

Am 24. März 1903 erfolgte die feierliche Eröffnung. Zwei Züge am Morgen, einer zu Mittag und zwei am Abend verbanden nun Oberwart mit Tatzmannsdorf und Oberschützen. Betreiber war die ungarische Bahn, die Abfahrtszeiten wurden nach den Bedürfnissen der Gymnasiums-Schüler abgestimmt.

Seilbahn nach Tatzmannsdorf

Der 1. Weltkrieg änderte viel. Aber auch für den Güterverkehr hatte die Bahn besondere Bedeutung. Völlig in Vergessenheit geraten ist auch, dass das Burgenland eine Seilbahn hatte. Von 1920 bis 1929 führte diese von Glashütten nach Tatzmannsdorf, um Antimon zu transportieren. Diese Seilbahn ruhte auf 73 Holzstützen, die eine Höhe von bis zu 28 Metern hatte. 1929 wurde sie eingestellt. Nach dem 2. Weltkrieg profitierte die Bahn stark vom Kohlebergbau in Tauchen. Ab 1953 brachte eine Materialseilbahn die Kohle vom Bergwerk in Tauchen nach Oberschützen, wo sie auf die Bahn verladen wurde.
Der Bahnvorstand war über die Zunahme der Kohlentransporte sehr erfreut, jedoch nicht seine Frau. Aber auch die anderen Frauen in der Umgebung hatten mit dem Kohlenstaub keine Freude. Bei windigem, trockenem Wetter, wurde nicht nur die gesamte Bahnanlage, sondern auch die frisch zum Trocknen aufgehängte Wäsche mit Kohlenstaub bedeckt. Auf das Rekordjahr 1965 für den Bahnhof Oberschützen mit 15.589 Wagons, davon wurden 9307 mit Kohle beladen, erfolgte der Absturz ins Bodenlose. 1967 wurde der Kohlebergbau in Tauchen eingestellt.

Direktverbindung von Wien Süd nach Bad Tatzmannsdorf

Ende der 50er Jahre des vergangenen Jahrhunderts entschlossen sich die ÖBB eine Direktverbindung von Wien Süd nach Bad Tatzmannsdorf täglich mit dem „Blauen Blitz“ anzubieten. Bis zur Einstellung des Betriebes durch die ÖBB am 30. Juni 1987. Viele Schüler wechselten schon vorher auf die Busse. Die ÖBB nutzten die Strecke als Parkraum für Güterwaggons. 1987 entfernten Unbekannte die Bremsschuhe, die Waggons verkeilten sich untereinander, der Sachschaden war gewaltig. Von 1989 bis 1997 betrieb die private Südburgenländische Regionalbahn (SRB) hier einen Nostalgiebetrieb. Ab 1997 wurde die Strecke aufgegeben.

Am 5. August 2003 erhielt der Verein „Schiene Südburgenland“ die Nutzungsrechte für die Strecke. In der Folge wurden von den Vereinsmitgliedern etwa 30.000 freiwillige Arbeitsstunden geleistet und die Strecke befahrbar gemacht. Mit Draisinen betrieb man einen erfolgreichen Publikumsverkehr, auch Moor-Erlebnisfahrten. 2011 gab es 5000 Fahrgäste.

Doch das Aus kam: Die Bezirkshauptmannschaft Oberwart hat den im Feber 2012 eingebrachten Antrag auf Verlängerung der Betriebsbewilligung abgelehnt. Ein versprochener Ankauf durch das Land kam nicht zustande. Die Fahrzeuge kamen nach Niederösterreich, 2018 wurde die Bahnbrücke zwischen Oberschützen und Bad Tatzmannsdorf abgetragen. Damit ist Oberschützen übers Gleis nicht mehr erreichbar, die historische Strecke scheint Vergangenheit. Ende April 2019 gab die Südburgenländische Regionalbahn bekannt, das Teilstück zwischen Oberschützen und Bad Tatzmannsdorf abzubauen – schade.

 


Von 1920-1929 führte diese von Glashütten nach Bad Tatzmannsdorf, um Antimon zu transportieren.

Kohlen- und Verladestation und beladener Waggon in der Station Oberschützen.

Bahnhof in Oberschützen im Jahr 2012.

Bahneröffnung am 24. März 1903 in Oberschützen (FELSÖ-LÖVÖ) mit Festgästen und einem Empfangskomitee. Zu sehen ist auch Fahnenschmuck, Girlanden und die Festinschrift: „ISTEN NEVÉBEN“

LESERBRIEF von Mag. Ingrid Taucher
Ich verstehe nur Bahnhof

Kennen Sie die Redewendung? Man verwendet sie, wenn man gar nichts versteht, oder wenn man ein Gespräch zurückweisen möchte. Ich hoffe, dass mir das nicht passiert, sondern dass Sie mir zuhören und mit mir reden.

Ich wohne gerne in Oberschützen, ich gehe gerne mit meinem Hund spazieren, genieße die frische Luft, und glaube an ein gedeihliches Miteinander. In einem wunderschönen Ort, der uns allen – hoffentlich – am Herzen liegt.

Aber wer ist dafür verantwortlich, dass es gelingt, dass der Ort schön ist und auch bleibt? Die Gemeinde? Die GemeindearbeiterInnen? Der Verschönerungsverein? Die Landesregierung? Die Politik? Oder denken Sie vielleicht an ganz jemand anderen?

Ich glaube, wir alle sind dafür verantwortlich. SchülerInnen, die das Zuckerlpapier neben die Mülltonne werfen, es wieder aufheben und seinem Bestimmungsort zuführen. HausbesitzerInnen, der/die ihr Eigentum nicht dem Verfall preisgeben, sondern es renovieren und damit den Ortskern verschönern.

HundebesitzerInnen, die das Gackerl ihres Lieblings vom Gehweg oder der Straße aufheben und damit nicht riskieren, dass andere in den Hundekot treten. HeckenbesitzerInnen, die die Hecke schneiden, damit sie nicht auf den Gehweg hinauswächst und SpaziergängerInnen behindert. AutofahrerInnen, die aufgestauten Müll nicht aus dem Auto werfen, sondern zu Hause in der Mülltonne entsorgen.

Und zuletzt – aber auch sehr wichtig – der Besitzer des Bahnhofs, der ein einstmals schönes Bauwerk komplett verwahrlosen lässt, obwohl es mitten in unserer schönen Gemeinde liegt und unter Denkmalschutz steht.

Da verstehe ich nur mehr Bahnhof!

Kommentare

Eigenbauer Andreas - 7431 Bad Tatzmannsdorf Joseph Haydnplatz 2 (Cafe Krone + Pension Anna)

Sehr geehrter Herr Hodits! Ausgezeichnete Beiträge!!! Ich habe eine Facebook Gruppe „Tatzmannsdorfer Geschichte und Gschichtln“ eingerichtet und würde dort Bilder und Geschichten zur Seilbahn zum Antimonbergwerk posten. Haben Sie was für mich oder wollen Sie selbst oder Prima dort was posten. Liebe Grüße Andreas Eigenbauer

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