Am Rande der Stadt…

Wer sich mit der Geschichte der Roma beschäftigt, schlägt ein Buch auf, das durchzogen ist von Verfolgung und unfassbarer Grausamkeit gegen ein Volk, das nie wirklich eine Heimat fand.
Ing. Wilhelm Hodits
Foto: zVg.

Eine der wenigen Aufnahmen von der zweiten Roma-Siedlung am heutigen Krankenhaus-Areal.

 

Oberwart. Am Stadtrand. Seit Anfang der 1970-er Jahre sind die Roma hier angesiedelt. Es sind vor allem die Älteren, die hier noch wohnen, denn die Jungen ziehen weg von hier. Zu dunkel ist die Vergangenheit des Volkes. Auch – oder gerade in Oberwart.

Ihre Geschichte
Die Vorfahren der Roma und Sinti haben Nordwest-Indien in drei Wanderungswellen (ab dem 3. Jahrhundert n. Chr.) verlassen. Im Osmanischen Reich waren sie vor allem als Waffenschmiede beschäftigt und mit den Türken kamen die Roma und Sinti auch nach Europa. In unserem Raum ist im Jahr 1674 erstmals von einem „Zigeuner“ namens Martin Sarkösi die Rede, der von Graf Christoph Batthyány die Erlaubnis bekam, sich mit seinem Volk im heutigen Südburgenland anzusiedeln – gegen 25 Taler und einem „guten“ Pferd.
Um 1870 entstand in Oberwart die erste Roma-Siedlung in der Mühlgasse. 1880 lebten hier zwischen 100 und 142 Roma.

Gegen alle Menschlichkeit
Am 15. Jänner 1933 fand im Rathaus Oberwart eine Tagung aller Bürgermeister und Amtsleiter des Bezirks Oberwart sowie der Bezirkshauptmänner von Oberwart und Güssing statt. Auch politische Vertreter und Beamte der Landesregierung waren dabei, um sich über Maßnahmen zur „Bekämpfung der Zigeunerplage“ zu beraten. Die Ansiedelung der Roma auf einer Insel im Stillen Ozean wurde ebenso in ein Protokoll aufgenommen wie die Einführung von Zwangsarbeiten, die Abnahme der Kinder und die Einführung der Prügelstrafe. Es waren bereits die Vorboten der NS-Zeit, in der der Großteil der Roma in Konzentrationslagern ermordet wurde. Mit dem nationalsozialistischen Gedankengut erreichte die Geschichte der Roma ihren Höhepunkt an Grausamkeit. Es war, wie der Autor Carl Zuckmayer es beschrieb „ein Hexensabbat des Pöbels und ein Begräbnis aller menschlichen Würde.“
1941 wurde die Roma-Siedlung in der Mühlgasse dem Erdboden gleichgemacht. Nichts sollte mehr an ihre Existenz erinnern. Von 360 Roma, die einst in Oberwart lebten, kamen nur sieben nach dem Krieg zurück. Sie mussten mit Entsetzen feststellen, dass sie keine Unterkunft mehr hatten. Von der Gemeinde bekamen sie keinerlei Hilfe.
Es war angeblich einigen Bauern der reformierten Pfarrgemeinde zu verdanken, dass die heimgekehrten Roma überlebten. Für die Mithilfe bei der Feldarbeit durften sie auf ihren Höfen übernachten und bekamen Essen.

Die zweite Roma-Siedlung Im Oktober 1946 errichtete die russische Kommandatur schließlich eine Baracke, die den Roma zur Verfügung gestellt wurde. Diese befand sich außerhalb des Wohngebietes, etwa dort, wo heute das Internat der Krankenpflegeschule steht. Die Anzahl der Roma, die in der Baracke lebten, wurde immer größer, obwohl die Zustände dort verheerend waren.
Mit der „Haftentschädigung nach dem Opferfürsorgegesetz“, das die KZ-Überlebenden bekamen, errichteten sie schließlich selbst Häuser auf den Gemeindegrundstücken. Nur fünf Familien nutzten die Gelegenheit und kauften auch einzelne Parzellen zum Preis von einem Schilling pro Quadratmeter. Als sich die Gemeinde Anfang der 1970-er Jahre für die Errichtung des Krankenhauses auf diesem Areal der Siedlung entschied, wurden die Roma auf das heutige Grundstück „Am Anger“ umgesiedelt, wo kleine Reihenhäuser und vier Einfamilienhäuser für sie errichtet wurden – wiederum weit ab vom Stadtzentrum.

Das Attentat
Es war die Nacht auf den 5. Feber 1995. Vier Roma hatten aufgrund von Drohanrufen eine Art Wachdienst übernommen. Dabei stießen sie auf einen Rohrständer mit der Aufschrift „Roma zurück nach Indien“. Wie später von der Polizei rekonstruiert wurde, lösten sie bei der Berührung der Tafel die Zündung einer Bombe aus. In den frühen Morgenstunden des 5. Februar 1995 wurden ihre Leichen gefunden. Erst Jahre später konnte Franz Fuchs als Täter gefasst werden. Das Begräbnis der vier Roma glich einem Staatsbegräbnis. Das offizielle Österreich war geschlossen anwesend. Die Romasiedlung „Am Anger“ wurde von Journalisten aus dem In- und Ausland regelrecht belagert. Die Wohn- und Lebenssituation der Roma rückte damit in den Mittelpunkt der Medien. Im Juli 1996 beschloss der Oberwarter Gemeinderat schließlich die Sanierung der Roma-Siedlung.
Viel gäbe es über die Geschichte der Volksgruppe zu berichten. Über Einzelschicksale, wie das des Schriftstellers Stefan Horvath, der seinen Sohn bei dem Attentat verlor, der als erster Roma einen Hauptschulabschuss absolvierte, wegen seiner Herkunft aber nicht weiterlernen durfte. Über Persönlichkeiten wie Rudolf Sarközi, der als Obmann des Kulturvereins österreichischer Roma wesentlich zur Verbesserung der Situation der Volksgruppe beitrug. Über die Gründung des Roma-Vereins Ende der 1980-er Jahre und der Volkshochschule der Roma Ende der 1990-er Jahre, die wesentlich zur Bildung der Roma beigetragen haben. Über die Anerkennung der Roma als sechste Volksgruppe im Dezember 1993 und vieles mehr.
Der Kultur der Roma droht die Gefahr des Aussterbens. Die Sprache, das Romanes, wird an keiner Oberwarter Schule unterrichtet und gerät auch bei den jungen Roma in Vergessenheit. Es ist eine neue Generation, die heranreift.
Mit einer besseren Ausbildung, besseren Berufschancen, besser integriert – die aber hoffentlich ihre Kultur nicht in Vergessenheit geraten lässt und sie vor der Auslöschung bewahrt.

Beitrag aus Ausgabe 04/2018
Fotos: zVg.


Ing. Wilhelm Hodits
Wilhelm Hodits begibt sich für prima! zu bedeutenden und besonderen Plätzen in Oberwart und erzählt Geschichten, die keiner kennt.
Willi Hodits war Leiter der Tiefbauabteilung und des Bauhofes der Gemeinde Oberwart und kennt die Bezirkshauptstadt wie seine Westentasche. Als gewerblicher Reiseleiter macht er heute auch Stadtführungen durch Oberwart - zu Fuß, mit dem Fahrrad oder als Rundfahrt mit dem Bus.
Nähere Informationen: Ing. Wilhelm Hodits, Telefonnummer: 0664/50 44 554

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