Das „alte“ Krankenhaus in Oberwart

Über 100 Jahre reicht die Geschichte des Oberwarter Krankenhauses zurück und was hätten diese Mauern alles zu erzählen gewusst! Ein Beitrag gegen das Vergessen!
Ing. Willi Hodits / 02. Juli 2018
Foto: Bgld. Landesarchiv-Fotosammlung

1911 wurde das Krankenhaus in Oberwart eröffnet. 1992 übersiedelte die letzte Abteilung in den Neubau in die Dornburggasse

Es war der 25. März des Jahres 1888. In der Oberwarter Sonntagszeitung wurde über die Idee eines Krankenhauses in der Stadt geschrieben. Und wie das so mit Ideen und Visionen ist – sie müssen reifen, bis ihre Zeit gekommen ist. Das Projekt Krankenhaus Oberwart wurde vom damaligen Stuhlrichter Geza Herbst und dem Bezirksarzt Julius von Horvath stark forciert. Auch die Bürgermeister des Bezirkes sorgten dafür, dass der Keim dieser Idee weiterwuchs. 1893 wurde schließlich der „Verein Oberwarter Bezirks- krankenhaus“ gegründet. Die Realisierung des Projektes war nicht mehr aufzuhalten. Das gräfliche Paar Julius und Emilie Erdödy brachte einen großen Anteil der benötigten Finanz- mittel auf. Beteiligt war außer- dem die Sparkasse Oberwart. Die Gemeinde stellte kostenlos den Baugrund zur Verfügung.

Oberwart bekommt ein Krankenhaus

Am heutigen Dr. Emmerich Gyenge-Platz wurde das Bezirksstiftungskrankenhaus Oberwart am 11. Oktober 1911 mit 45 Betten eröffnet. Es galt als modernes Krankenhaus, das bis zum Jahr 1932 auf 95 Betten erweitert wurde. Im Jahr 1938 begann die dunkle Geschichte des Krankenhaus‘ Oberwart.

Die Kriegsjahre

1939 wurde die Stiftung auf- gelöst und das Spital wurde als Gaukrankenhaus in die Verwaltung des Gaus Steiermark übergeben. Während der NS-Zeit wurde das Krankenhaus Oberwart unter anderem zu einem Ort der Erniedrigung und Missachtung der Würde des Menschen. Es wurden Zwangssterilisationen und „rassisitische Begutachtungen“ vorgenommen. Der gefürchtete ärztliche Leiter Wilhelm Smital entschied über Leben und Tod unzähliger Menschen. Dafür verantworten musste er sich nie. Nach Kriegsende gelang ihm die Flucht nach Persien, wo er als Leibarzt des Schahs bis zu seinem Lebensende fürstlich lebte. Er wurde in Teheran begraben.

Das Krankenhaus Oberwart, das in den letzten Kriegsjahren als Lazarett gedient hatte, wurde mit dem Anrücken der Besatzungssoldaten von der Bevölkerung geplündert. Was von den Einrichtungsgegenständen übrigblieb, wurde von den Russen in Beschlag genommen. An einen funktionierenden Krankenhausbetrieb war überhaupt nicht zu denken. Berichten zufolge war es vor allem dem Verwalter Hermann Schwartz und der Spendenbereitschaft der Bevölkerung zu verdanken, dass das Krankenhaus Oberwart nur wenige Wochen später, am 31. Mai 1945, wiedereröffnet werden konnte.

Alte Fotos geben Zeugnis darüber, dass das Krankenhaus zum Großteil Selbstversorger war. Der Garten war voller Obst- bäume und Gemüsebeete, ein Schweine- und Hühnerstall waren ebenso auf dem Areal. Das Krankenhaus Oberwart begann sukzessiv wieder zu wachsen. Unter der ärztlichen Leitung von Heinrich Kiss (1949 bis zu seinem Tod 1969) erfolgte 1953/54 der Zubau der Internen Abteilung und 1961 die erste Säuglingsabteilung mit 26 Betten. Er war einer der vielen tragenden Persönlichkeiten dieser medizinischen Einrichtung.

Übrigens: Bis zu 30 Patienten waren damals in einem Krankenzimmer untergebracht. Eine heute unvorstellbare Situation!

Die Schwestern mit den großen Flügeln

Die Barmherzigen Schwestern vom Hl. Vinzenz von Paul waren von Beginn an für die Pflege der Patienten zuständig. Morgens und abends waren ihre Gebete in den Gängen zu hören und es war üblich, dass die Patienten bei offenen Türen leise mitbeteten. Ihre Arbeit mussten die Schwestern in ihrer Tracht mit der enorm umständlichen weißen Kopfbedeckung mit den riesigen Flügeln durchführen (Cornette). Es heißt, dass sie die Krankenzimmer nur betreten konnten, wenn sie sich auf die Seite drehten, da sie mit den großen Flügeln sonst hängengeblieben wären. Nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1964) wurde vom Orden festgelegt, dass die Schwestern auf diese hinderliche Kopfbekleidung verzichten und einen einfachen kurzen Schleier tragen durften – was ihre Arbeit wesentlich erleichterte. In der Bevölkerung wurde dies lachend mit den Worten kommentiert, dass man den Schwestern nun „die Flügel gestutzt“ habe.

Mit dem Jahr 1978 ging auch der Dienst der Ordensschwes- tern zu Ende und die Pflege wurde vom Pflegepersonal des Krankenhauses übernommen.

Die Jahrtausendwende

1966 wurde der Beschluss gefasst, das Krankenhaus zu einem Schwerpunktkrankenhaus für das südliche Burgenland auszubauen. Die Absicht, gartenseitig einen Zubau zu errichten, wurde jedoch schnell wieder verworfen, da man an diesem Standort den Anforderungen der Zukunft einfach nicht gerecht werden konnte. Im Jahr 1974 begann das Land Burgenland mit dem Neubau eines Krankenhauses auf einem Grundstück in der Dornburggasse. Die Gemeinde stellte dieses kostenlos zur Verfügung.

Damit war das Ende des „alten“ Krankenhauses aber längst nicht eingeleitet. Trotz Start des Neubaus wurden hier noch verschiedene Abteilungen in Betrieb genommen: Die Unfallchirurgie, Anästhesie, Radiologie, sogar die erste Dialysestation des Burgenlandes wurde im alten Krankenhaus installiert. Außerdem wurden noch Urologie, Gynäkologie und Geburtenhilfe errichtet. All diese Abteilungen wurden sukzessive bis 1992 in das neue Krankenhaus übersiedelt.

Zurückblieb ein funktionsfähiges, mit sämtlicher Infrastruktur ausgestattetes Krankenhaus, das lange keine Bestimmung fand. Das viel diskutierte Alten- und Pflegeheim kam leider nicht zustande. Im Jahr 2001 wurde das Anwesen schließlich von der Gemeinde erworben, die es 2003 an die OSG weiterverkaufte. Das endgültige Ende war dann zwei Jahre später gekommen. Das Krankenhaus wurde abgerissen und an seiner Stelle steht heute eine Anlage mit 155 Wohnungen und 94 betreubare Wohnungen sowie ein Seniorengarten. Heute erinnern nur mehr eine Gedenktafel und die Zufahrtsstraße „Spitalgasse“ an das alte Krankenhaus in Oberwart.   

Beitrag aus Ausgabe 07/2018


Ing. Wilhelm Hodits
Wilhelm Hodits begibt sich für prima! zu bedeutenden und besonderen Plätzen in Oberwart und erzählt Geschichten, die keiner kennt.
Willi Hodits war Leiter der Tiefbauabteilung und des Bauhofes der Gemeinde Oberwart und kennt die Bezirkshauptstadt wie seine Westentasche. Als gewerblicher Reiseleiter macht er heute auch Stadtführungen durch Oberwart - zu Fuß, mit dem Fahrrad oder als Rundfahrt mit dem Bus.
Nähere Informationen: Ing. Wilhelm Hodits, Telefonnummer: 0664/50 44 554

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