„Das geht nicht, gibt es nicht“

Unter dem Adelsgeschlecht Erdödy wurde das Schloss in Rotenturm erbaut und erlebte seine Hochblüte, aber auch den Beginn seines langsamen Verfalls (prima! September Ausgabe 2019). Beinahe wäre es abgerissen worden, und beinahe wäre seine Geschichte eine, die traurig geendet hätte. Wäre da nicht ein Wunder passiert – in Form eines Wiener Versicherungs- und Immobilienexperten.
Recherche: Wilhelm HODITS; Redaktion: Nicole MÜHL / 30. September 2019
Foto: Lexi

 

Prof. Heinz Schinner hat im Jahr 2008 das Schloss in Rotenturm gekauft und in Rekordzeit renoviert.

 

In elegantem Gehrock, mit weißem Hemd und Krawatte sieht man Heinz Schinner auf Fotos. Oder wenn er Gäste in seinem Schloss Rotenturm empfängt. Wie ein Graf wirkt er dann. Auch, wenn kein adeliges Blut durch seine Adern fließt. Dass er ein Arbeiterkind ist, darauf ist er stolz. Seine Familie und wirklich gute Freunde kennen ihn vor allem in seiner Arbeitskleidung. Wenn er wieder einmal an seinem Schloss Hand anlegt. Auf einem Gerüst oder einer Leiter herumklettert und keine Arbeit für ihn zu gering ist.

Und wer das Schloss vor seiner Komplettrenovierung durch Heinz Schinner gekannt hat, der weiß, dass der Immobilien- und Versicherungsexperte aus Wien in den letzten Jahren wohl kaum aus seiner Arbeitskluft herausgeschlüpft ist.

Von Blendern, falschen Grafen und einem Wunder

Einst war das Schloss Rotenturm im Besitz des Adelsgeschlechts Erdödy (prima! berichtete in der September 2019 Ausgabe) und zählte zu den schönsten Schlössern im Königreich Ungarn. Nach den Kriegsjahren war es in völlig desolatem Zustand, und der Verfall schritt rasant voran. 1971 wurde das Land Burgenland Eigentümer des Schlosses und des völlig verwilderten Parkes. Beides stand zu diesem Zeitpunkt bereits unter Denkmalschutz. Das Land hatte sogar kurz einmal die Idee, hier eine Bundessportschule zu errichten, verwarf diese Pläne aber wieder.

1996 tauchte ein „falscher Graf“ auf, der aber sehr schnell als Blender enttarnt wurde. Im Jahr 2000 kam eine Media AG ins Spiel, die hier ein Filmstudio errichten wollte. Daraus wurde ebenso wenig wie der Kauf durch einen arabischen Scheich zwei Jahre später. Zuletzt tauchte ein deutscher Staatsbürger in Rotenturm auf, der sich für das Schloss interessierte. Er wurde jedoch wenig später in 13 Fällen wegen Hochstapelei verurteilt.

Das Märchenschloss schien in eine Art Dornröschenschlaf gefallen zu sein, während der Verfall weiterhin an ihm nagte. Der Abbruch schien unaufhaltsam, wenn nicht doch noch ein Wunder geschähe. Und dieses passierte tatsächlich.

2008 besichtigte ein Wiener Immobilien- und Versicherungsspezialist das Schloss. Ein sehr drahtiger, zäh und entschlossen wirkender, eleganter Mann, damals etwas über 66. Er hatte davor schon einige Schlösser im In- und Ausland ins Visier genommen. Schon nach der ersten Besichtigung des Schlosses war für ihn klar, dass er es erwerben würde, gibt er heute lächelnd zu.
Doch nicht jeder in seiner Familie war über diese Entscheidung glücklich.

Seine Gattin Gabriele meinte damals nur „In diese Ruine werde ich niemals einziehen.“ Heute kann sie es am Wochenende kaum erwarten, nach Rotenturm zu ihrem Märchenschloss zu fahren. Auch viele Einheimische waren davon überzeugt, dass ein Einzelner diese finanziell und technisch aufwendige Komplettsanierung der Ruine nicht bewältigen könne. Heinz Schinner sollte sie eines anderen belehren.

Woran keiner mehr geglaubt hat

2008 kaufte Heinz Schinner das gesamte Anwesen – also Schloss inklusive elf Hektar Park – und begab sich wie ein baumeisterlicher Detektiv anhand von Archivalien, Plänen und Überlieferungen auf Originalspurensuche. Er dokumentierte den Ist-Zustand der 14 Fassadenabschnitte mit unzähligen Fotos, um schrittweise eine Nachbildung der weitgehend nicht mehr vorhandenen Ornamente zu ermöglichen.

„Ich suchte damals nach Fachkräften, die das Rüstzeug für dieses historisch fundierte Handwerk mitbringen“, erzählt Heinz Schinner. Letztlich waren es mehr als 300 Facharbeiter, die am Schloss tätig waren. „Die maurischen Stilelemente an den Fassaden waren für die Steinmetze und Maurer eine besondere Herausforderung. Aber auch die originalgetreue Rekonstruktion des ehemaligen Stucks war eine Spitzenleistung. Heinz Schinner legte dabei oft selbst Hand an und verbrachte Stunden auf den Gerüsten rund um das Schloss, um die Feinstarbeiten durchzuführen.

Er brauchte insgesamt sieben Jahre, um das Schloss Rotenturm zu revitalisieren und hat in dieser Zeit etwa 3.000 Stunden selbst auf der Baustelle mitgearbeitet. Über die Kosten schweigt er. Doch so viel sei gesagt: Von den geschätzten Annahmen, die das Land damals in zweistelliger Millionen-Höhe vorgelegt hatte, ist Heinz Schinner um etliches darunter. Sein Verhandlungsgeschick ist eines seiner Erfolgsgeheimnisse.

Ein Detail am Rande: Die Oberwarterin Karin Graf leistete einen wertvollen Beitrag zur Revitalisierung des Schlossparks durch ihre Diplomarbeit, die sich mit den exotischen Baumarten des Schlossparks beschäftigte. Ihr Interesse kam aber nicht von ungefähr. Sie ist die Urenkelin von Thomas Hanusch, dem letzten Obergärtner der Familie Erdödy. Heute wird der gesamte Schlosspark von der Esterhazyschen Forstverwaltung betreut.

Heinz Schinner und seine Gattin bewohnen vor allem am Wochenende das Schloss. Ihre Tochter Constanze hat das Schloss als dauerhaften Wohnsitz mit ihrer Familie gewählt. Als Eventmanagerin ist es ihre Aufgabe, die 1.200 m2 des Schlosses zu vermarkten und der Öffentlichkeit für Konzerte, Führungen, Bankette, Seminare, Film- und Fotoaufnahmen und Feste zur Verfügung zu stellen.

Man kann sich gut vorstellen, dass das Schloss mit seiner märchenhaften Kulisse inzwischen ein beliebter Ort für Hochzeitsfeiern ist. Wie es damals üblich war, hat das Schloss auch seine eigene Kapelle. Für Übernachtungen hat Familie Schinner die angrenzende ehemalige Volksschule zu Appartements umgebaut. Dem Brautpaar steht die Hochzeitssuite hoch oben im Turm des Schlosses zur Verfügung.

Weitere Visionen

Seit etwa drei Jahren erstrahlt Schloss Rotenturm nun als zauberhaftes Märchenschloss. Die Pläne von Heinz Schinner sind aber noch lange nicht alle verwirklicht.

Beim Schlossteich, der mit Wasser gefüllt werden soll, ist ein archäologisches Freilichtmuseum des Bundesdenkmalamtes mit den 25 wichtigsten Ausgrabungen aus dem Pinkatal vorgesehen. In einer Arena sollen Musikfeste und Theateraufführungen stattfinden. Ebenfalls im Park soll ein Museum mit immer wechselnden Themen entstehen. „Wunderbar wäre es, eine Landesausstellung im Intervall von zwei bis vier Jahren hier zu veranstalten“, gibt der Schlossherr Einblicke in seine Pläne. Eine Landesgartenausstellung ist bereits in Ausarbeitung. Ebenso ein Baumlehrpfad, ein Kräutergarten und ein Bereich für Bienen- und Schmetterlingsvölker. Im Bereich der Steinmauer, die entlang der Schulgasse verläuft, ist ein Alpengarten geplant.

Der Turm des Schlosses könnte als Sternwarte und Wetterstation ausgebaut werden. Bereits jetzt befindet sich im alten Gemeindehaus ein Schnapsglasmuseum aus der Sammlung von Heinz Schinner mit etwa 1.000 Schnapsgläsern.

Schloss Rotenturm gilt als Baujuwel der maurisch-orientalischen Baukunst und wurde von Heinz Schinner nicht nur wiederbelebt, sondern auch mit einer Seele erfüllt. Wer an Märchen glaubt, findet sie hier bestätigt. Es ist aber auch die Geschichte eines Visionärs, der sich keine Grenzen setzen lässt und ein „Das geht nicht“ der anderen als Herausforderung für sich selbst sieht und zeigt, dass die eigenen Möglichkeiten und Visionen schier grenzenlos sein können.

Mehr zur Person Heinz Schinner:

Prof. Heinz Schinner's Tochter Constanze lebt mit ihrer Familie auch wochentags hier und verwaltet das Märchenschloss. Heinz Schinner und seine Gattin Gabriele bewohnen das Schloss am Wochenende.


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Über einen Visionär und sein Märchenschloss

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