Die Atrium-Story

Was die Bohnensuppe von Margit Pagany mit dem Atrium zu tun hat, was sich auf diesem Areal früher befand und welchen Tipp der legendäre Dentist Franz Meister einst seinen Patienten mitgab.
Ing. Wilhelm Hodits

Das Atrium wurde 1998 eröffnet. Foto rechts: Der Innenhof des heutigen Atriums mit dem Panoramalift.

 

Es gibt Plätze in Oberwart, die ringen geschichtsinteressierten Menschen einiges an Ehrfurcht ab. Für viele ist das Atrium in Oberwart ein Gebäude, das man aufgrund der Dienstleistungen, die hier geboten werden, aufsucht. Wer aber die Geschichte dieses Platzes kennt, dem wird bewusst, wie wichtig dieser für das gesellschaftliche und wirtschaftliche Leben der Stadt war – und ist.
Im Jahr 1857 stand hier natürlich noch kein Geschäftsgebäude, sondern ein Bauernhaus. Der Besitzer war vermutlich ein gewisser Samu Musser, der 1904 verstarb. Vier Jahre später, also im Jahr 1908, waren es Samu und Karoline Unger, die auf diesem Areal ein ungarisch-königliches Hotel mit einem Gasthof bauten. Dieses schloss unmittelbar an das Rathaus an, das 1905 errichtet wurde.
Man kann sich vorstellen, dass hier ein reges Treiben und ein beliebter gesellschaftlicher Treffpunkt war. Ein Hotel mit Gasthof in dieser Größenordnung zu führen, verdient auch heute noch Respekt. Schließlich hat Oberwart 110 Jahre später kein Hotel in dieser Größenordnung und Kategorie. Als Karoline Unger im Jahr 1937 starb, erbte Fanny Supper das Gebäude. Diese gab den Besitz schließlich an ihre vier Kinder weiter.
Die Geschichte eines belebten Platzes
Bis 1927 betrieb aber noch die Familie Unger selbst das Gasthaus. Nach dem Tod von Samu Unger 1927 wurde es an die Familie Neubauer verpachtet, die es bis 1948 führte. In diesem Jahr übersiedelten die Neubauers nämlich in die Wiener Straße, wo heute noch das Traditions-Gasthaus besteht. Die Gaststätte am heutigen Atrium-Areal übernahm die Familie Pagany. Besonders beliebt war unter ihrer Führung das Frühstücksstüberl. Die Familie ging mit den Trends der Zeit und so war hier einer der ersten Wurlitzer in Oberwart zu finden und dieser wurde natürlich auch für Tanzveranstaltungen genutzt. Beliebt war das Lokal auch aufgrund der Möglichkeit, Billard zu spielen. Aber legendär wurde es vor allem durch die Bohnensuppe der Chefin des Hauses. Dieses Gericht von Margit Pagany war weit über die Grenzen Oberwarts hinaus bekannt.
Die Gastronomie war aber nur ein Bereich auf diesem Areal. In den Nachkriegsjahren entwickelte sich das Gebäude immer mehr zu einem Geschäftsobjekt. Der Reifendienst Paukner hatte hier seine erste Zentrale, es gab eine Eisenwarenhandlung und die Drogerie „Zum braunen Bär“ eines gewissen Walter Csamsky. 1950 eröffnete die Familie Hanusch-Graf hier einen Blumenladen und in den 1970-er Jahren war sogar ein italienisches Modegeschäft in diesem Gebäude angesiedelt.
Im oberen Stockwerk führte der legendäre Zahnarzt Dr. Hayek seine Praxis. Der Dentist Franz Meister hatte bei ihm sein Praktikum absolviert und später die Praxis übernommen. Es wird berichtet, dass es nicht unüblich war, dass er seinen Patienten nach der Entfernung eines Zahnes empfahl, im Gasthaus Pagany einen Stock tiefer, ein Stamperl Schnaps zu sich zu nehmen – zur Beruhigung und Desinfektion.
Manch Oberwarter erinnert sich auch an das Geschäft für Plattenhandel und Bastelbedarf der Familie Pagany, das erst später dazukam.
Nachdem Norbert Pagany im Jahr 1968 in Pension ging, wurde das Gasthaus geschlossen und nicht mehr verpachtet.

Das Atrium
In den 1990-er Jahren nahte schließlich das Ende des geschichtsträchtigen Gebäudes. Die Jahre hatten ihre Spuren hinterlassen und eine Sanierung schien wirtschaftlich nicht sinnvoll. Nach langen Verhandlungen wurde das Objekt an eine Miteigentumsgemeinschaft aus 13 Unternehmern verkauft. Das war der Grundstein für das heutige Atrium. Die neuen Eigentümer errichteten ein Büro-, Geschäfts- und Wohngebäude, das damals aufgrund seines modernen Designs für viel Aufmerksamkeit sorgte. Besonders der Panoramalift war Mitte der 90-er Jahre noch eine Seltenheit. Ebenso der Innenhof (Atrium), der mit Glas überdacht ist. Die Baukosten für die Errichtung des Atriums betrugen damals 110 Millionen Schilling (rund 8 Mio. Euro).

Heute ist das Atrium bekannt durch die unterschiedlichen Unternehmen aus dem Dienstleistungsbereich und durch die hier angesiedelten Ärzte. Sie sind Teil eines Objektes, das das Leben und die Entwicklung Oberwarts mitgeprägt hat – und es auch in Zukunft tun wird.

Beitrag aus Ausgabe 11/2017


Ing. Wilhelm Hodits
Wilhelm Hodits begibt sich für prima! zu bedeutenden und besonderen Plätzen in Oberwart und erzählt Geschichten, die keiner kennt.
Willi Hodits war Leiter der Tiefbauabteilung und des Bauhofes der Gemeinde Oberwart und kennt die Bezirkshauptstadt wie seine Westentasche. Als gewerblicher Reiseleiter macht er heute auch Stadtführungen durch Oberwart - zu Fuß, mit dem Fahrrad oder als Rundfahrt mit dem Bus.
Nähere Informationen: Ing. Wilhelm Hodits, Telefonnummer: 0664/50 44 554

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