Die Südtiroler in Oberwart

Heimatlos - so kann man die Südtiroler bezeichnen, die Anfang der 1940er Jahre nach Oberwart kamen und in der heutigen Andreas Hofer-Siedlung wohnten.
Ing. Wilhelm Hodits
Foto: Willi Hodits

Die Andreas Hofer-Siedlung 2017. Zwischen 1990 und 1994 wurde die Anlage generalisaniert. Der Innenhof ist eine autofreie Zone. Die Anlage ist heute im Eigentum der Oberwarter Siedlungsgenossenschaft.

 

Doch beginnen wir von vorne. Vor dem Jahr 1938 war an diesem Schauplatz das Dampfsägewerk der jüdischen Familie Schlenger. Ihr gesamter Besitz wurde 1938 arisiert und sie konnte gerade noch vor den Nazis flüchten. 1939 ging das Sägewerk in Flammen auf. Noch im gleichen Jahr begann der Bau einer Siedlung, die als Unterbringung für die Südtiroler geplant war. Doch warum waren diese überhaupt nach Österreich gekommen? Seit der Trennung Südtirols von Österreich (1918) durchlebten sie 20 Jahre faschistische Gewalt in Italien. Viele sahen im Nazi-Deutschland die große Hoffnung, an das Deutsche Reich angeschlossen zu werden. Die Nazis versprachen den Südtirolern, sich unter anderem in den eroberten Gebieten ansiedeln zu dürfen und durch die Landwirtschaft zu Reichtum zu kommen. Polen war ein vorgesehenes Ansiedelungs-Ziel. Für die Nazis waren die Südtiroler unter anderem wichtig, um ihr Heer aufzurüsten. Wie viele es waren, die ihre damalige Heimat verließen, lässt sich heute schwer belegen. Man geht von etwa 75.000 Südtirolern aus. Im Zuge ihrer Auswanderung aus Italien kamen rund 300 von ihnen im Jahr 1942/43 auch nach Oberwart, in die damals neu gebaute Siedlung in der heutigen Andreas Hofer-Gasse.
Eine Heimat haben die Südtiroler in Oberwart jedoch nicht gefunden. Die Männer wurden zum Teil ins deutsche Heer eingezogen. Die Frauen fühlten sich in Oberwart wie Fremde. Sie hatten Heimweh nach ihren Familien und nach den Bergen.

Als mit Kriegsende 1945 die Träume der ausgewanderten Südtiroler zerplatzt waren, wollten sie wieder zurück nach Italien. Doch mit ihrer Auswanderung hatten sie ihre italienische Staatsbürgerschaft verloren. Sie waren nun nicht nur heimatlos, sondern auch staatenlos. Sie besaßen nichts mehr. Es wird von menschlichen Tragödien berichtet, die sich vor allem am Grenzübergang, dem Brennerpass, abgespielt haben.

Die Siedlung in Oberwart stand nach Ende des Krieges kurze Zeit leer, bis die Gemeinde sie für Sozialwohnungen nutzte. Von 1963-67 wurde die Andreas Hofer-Siedlung aufgestockt und von 1990-94 generalsaniert. Die Anlage, die einst im Heimatstil erbaut wurde und mit der europäischen Geschichte des 20. Jahrhunderts eng verbunden ist, wurde im Vorjahr von der Gemeinde an die OSG verkauft.

Interessant ist, dass die sogenannte Südtiroler-Siedlung in Oberwart (vis-à-vis vom Gasthaus Neubauer) zu Unrecht als solche bezeichnet wird, da sie nie von Südtirolern bewohnt war.
Diese Anlage wurde 1944/45 gebaut und unter anderem von Bundesbediensteten bewohnt. Heute ist auch sie im Besitz der OSG und soll in naher Zukunft ausgebaut und erweitert werden. Die Rede ist auch von einem Stadthotel auf diesem Areal.

Beitrag aus Ausgabe 05/2017


Ing. Wilhelm Hodits
Wilhelm Hodits begibt sich für prima! zu bedeutenden und besonderen Plätzen in Oberwart und erzählt Geschichten, die keiner kennt.
Willi Hodits war Leiter der Tiefbauabteilung und des Bauhofes der Gemeinde Oberwart und kennt die Bezirkshauptstadt wie seine Westentasche. Als gewerblicher Reiseleiter macht er heute auch Stadtführungen durch Oberwart - zu Fuß, mit dem Fahrrad oder als Rundfahrt mit dem Bus.
Nähere Informationen: Ing. Wilhelm Hodits, Telefonnummer: 0664/50 44 554

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