Ein unentdeckter Kulturschatz

Kaum einer würde vermuten, dass sich hinter dem grünen Holztor des alten Bauernhauses in der Oberwarter Mühlgasse eine Welt von früheren Tagen auftut. Es ist so, als wäre die Zeit stehengeblieben.
Ing. Wilhelm Hodits
Fotos: Ing. Willi Hodits

Hinter der unscheinbaren Fassade mit dem grünen Tor des Arkadenhauses in der Mühlgasse in Oberwart offenbart sich eine Welt von anno dazumal. Die Geräte waren bis 1978 in Gebrauch und hängen heute noch an den Wänden.
Die Arkaden waren einst Statussymbol betuchter Bürger. Über den Arkadendurchgang kommt man in die Küche mit ihren drei Feuerstellen. Das Loch im Boden diente dazu, dass die Frauen von hier aus den Herd leichter bedienen konnten. Der Schafpelz-Mantel aus dem Jahr 1902 mit der Stickerei ist eine der vielen Besonderheiten im Haus in der Mühlgasse. Das Haus wird vom Ehepaar Posch als Gästehaus verwendet und hier wird mit Freunden auch gerne ein Mulatság gefeiert.

 

Selten sind sie geworden, die alten burgenländischen Höfe mit ihren Holzbalken an den Fenstern und großen Toren zur Straßenseite hin. Diejenigen, die es heute noch gibt, wurden meist von den Nachkommen der einstigen Erbauer modernisiert. Das Haus von Helga und Jenö Posch in der Oberwarter Mühlgasse ist ein burgenländisches Kulturgut, das im Original-Zustand erhalten geblieben ist. 1830 wurde es erbaut und wer das Vergnügen hat, von dem Ehepaar eingeladen zu werden, der taucht beim Durchschreiten des großen, grünen Eingangstores in die Vergangenheit ein. Unzählige Gerätschaften, Gegenstände und Möbel aus dem 19. Jahrhundert sind hier zu finden und so angeordnet, als wären sie immer noch täglich in Gebrauch. Und einige davon sind es auch. Das Ehepaar Posch, das selbst vis-à-vis von diesem alten Juwel wohnt, verbringt einen Großteil seiner Zeit hier und betreibt aktive Brauchtumspflege. Da ist zum Beispiel der 120 Jahre alte Jogltisch direkt beim Eingang des Hofes, um den sich einmal im Jahr geladene Gäste zum Ganslfest versammeln. Und wie in früheren Zeiten endet das Ganze mit einem ordentlichen Mulatság. Oder auch die regelmäßigen Treffen im alten Arkadenhof mit älteren Obertrumern und Emma Guthy, der Ehefrau des reformierten Pfarrers. Stundenlang wird nach alten Hausnamen geforscht, die einst in Oberwart kursierten. Seit zwei Jahren arbeitet die kleine Runde daran und wird ihre Ergebnisse hoffentlich demnächst in Buchform veröffentlichen.

Die Geschichte
1882 musste das Haus mit der damaligen Nummer 380 nach einem fürchterlichen Brand wiederhergestellt werden. Als sogenannter „Zwerchhof“ wurde es ausgebaut und die dafür typische U-Form mit dem Arkadengang ist eine Einzigartigkeit in Oberwart.
Bis zum Jahr 1978 wurde das Haus von Jenö Posch – der hier auch geboren wurde – und seiner Großmutter Sophie Osvald bewohnt und bewirtschaftet. In den 1980-er Jahren wurde es generalsaniert und 1997 unter Denkmalschutz gestellt.
Noch heute befinden sich an den Wänden Sensen, Kummets (Pferdegeschirr) und Ochsenjoche, wie sie zur Zeit unserer Vorfahren verwendet wurden.
Über den Arkadendurchgang kommt man durch eine zweiflügelige Eingangstür mit einer Oberlichte in die Küche. Anno dazumal war hier der Mittelpunkt des Familienlebens.
Ein Küchenherd mit blauen Kacheln, der im Original-Zustand erhalten ist, dominiert den Raum. Mit seinen drei Feuerstellen ist er heute noch im Einsatz und Helga Posch schwört darauf, dass das Brot, das sie hier aus dem Ofen holt, unvergleichlich schmeckt. Übrigens, so erzählt der Hausherr mit einem verschmitzten Lächeln, wurde die dritte Feuerstelle, die für das Wäscheauskochen vorgesehen war, gerne auch zum Schnapsbrennen zweckentfremdet.

Direkt von der Küche kommt man in die „schöne Stube“, die früher nur zu besonderen Anlässen benützt wurde und auch der Aufbahrungsraum für verstorbene Familienmitglieder war. Eine weitere Tür führt in den Schlafraum mit dem original Holzfußboden. Ein Schafpelz-Mantel aus dem Jahr 1902 mit einer Handstickerei hängt an einer Kastentür. So, als würde er täglich getragen werden. Das Haus in der Mühlgasse ist ein bewohntes Heimatmuseum, das mit viel Leidenschaft und Fingerspitzengefühl von den Eigentümern Helga und Jenö Posch gepflegt wird. Die Einblicke, die es in den Alltag unserer Vorfahren gewährt, werden hoffentlich auch von den nächsten Generationen ebenso geschätzt und vielleicht – das wäre zu wünschen – wird es eines Tages auch der Bevölkerung zugänglich gemacht.

Beitrag aus Ausgabe 06/2017


Ing. Wilhelm Hodits
Wilhelm Hodits begibt sich für prima! zu bedeutenden und besonderen Plätzen in Oberwart und erzählt Geschichten, die keiner kennt.
Willi Hodits war Leiter der Tiefbauabteilung und des Bauhofes der Gemeinde Oberwart und kennt die Bezirkshauptstadt wie seine Westentasche. Als gewerblicher Reiseleiter macht er heute auch Stadtführungen durch Oberwart - zu Fuß, mit dem Fahrrad oder als Rundfahrt mit dem Bus.
Nähere Informationen: Ing. Wilhelm Hodits, Telefonnummer: 0664/50 44 554

Einen Kommentar hinterlassen: