Hier sind alle Menschen gleich

Fast ein wenig märchenhaft liegt er da - der Gemeindefriedhof in Oberwart, der auch als Spitals- oder Armenfriedhof bekannt ist. Jetzt im Herbst, wo Allerheiligen nicht mehr weit ist, hat dieser Ort eine besondere Atmosphäre.
Ing. Wilhelm HODITS / 01. Oktober 2018

Der Gemeindefriedhof in Oberwart ist auch „Armenfriedhof,“ muslimische Ruhestätte, Friedhof der Konfessionslosen, der Anonymen und der Totgeburten

 

Pompöse Grabsteine wird man hier nicht finden. Es sind einfache Gräber, oftmals nur mit einem Holzkreuz verziert. Manche sind mit kleinen Figuren geschmückt – ein Zeichen, dass es wohl den einen oder anderen Menschen auf Erden gibt, der diesen Verstorbenen nachtrauert. Aber viele Gräber sind verlassen. Und das ist das Typische an dieser Ruhestätte – dass hier Tote ruhen, die auf Erden niemanden hinterlassen haben.

Ein Friedhof ohne Konfessionsvorgabe

Im Jahr 1917 wurde dieser Friedhof auf Betreiben des damaligen katholischen Pfarrers Karl Michl errichtet. Patienten, die im Spital verstorben waren und keine Angehörigen hatten oder die sich die Kosten eines Grabes in einem konfessionellen Friedhof nicht leisten konnten, sollten hier begraben werden.
Von daher kommt auch der Name „Armenfriedhof“.

Auch Opfer des Zweiten Weltkrieges und der NS-Herrschaft sowie französische Kriegsgefangene und ukrainische Zwangsarbeiterinnen haben hier ihre Ruhestätte gefunden. Das Glaubensbekenntnis ist an diesem Ort nicht wichtig. Verstorbene ohne Konfession wurden schon von Beginn an hier begraben. Es ist egal, wer du bist, woher du kommst, was du hast oder wer du warst – dieser Satz könnte am Eingang zum Gemeindefriedhof Oberwart stehen und hätte seine Berechtigung. Seit 1993 werden hier auch Verstorbene des islamischen Glaubens begraben.

Was an diesem Ort aber besonders auffällt, sind die vielen kleinen Grabstätten. Sie geben Zeugnis darüber ab, dass hier seit Bestehen des Friedhofes Totgeburten und unmittelbar nach der Geburt verstorbene Säuglinge beigesetzt werden. In aller Stille passiere dies meist, weiß der Totengräber zu erzählen. Die Eltern seien oft nicht in der Lage, am Begräbnis teilzunehmen – so groß sei die psychische Belastung für sie. Oft kämen sie dann erst ein paar Tage später zu ihm, damit er ihnen das Grab zeige. Meist ein schlichtes Holzkreuz mit dem Vornamen. Wie sehr wünscht man sich dann, dass dieser Ort doch etwas gepflegter gestaltet wäre.

Lebensgeschichten

Wer sich in diesem Friedhof die Zeit nimmt und die Grabstätten genauer betrachtet, erahnt die eine oder andere bewegte Lebensgeschichte, die einst dahinter steckte. Da ist etwa das Grab des Zirkusdirektors Konrad Kunz, der in Calafat in Rumänien geboren wurde und 1959 im Spital in Oberwart gestorben ist. Auf dem schmiedeeisernen Kreuz ist er mit seinem Pferd zu sehen. Wer dieses Grab heute noch pflegt, kann auch der Totengräber Alexander Krautsock nicht beantworten.

Einer, der ebenfalls im Spital verstarb und hier seine letzte Ruhestätte fand, war ein gewisser Heinrich Müller. Seine Lebensgeschichte wurde durch den Zweiten Weltkrieg geprägt. Vor Kriegsbeginn wanderte seine Mutter mit ihm nach Polen aus. Er soll ein Schulfreund des späteren Papst Johannes Paul II. gewesen sein und hat in Polen als Lehrer gearbeitet, bis er zur Waffen-SS rekrutiert wurde. Seine Einheit soll unzählige Verbrechen an der Zivilbevölkerung begangen haben. Es wird erzählt, dass er dabei ein Trauma erlitten habe, von dem er sich nie erholen sollte. Nach Ende des Krieges landete er in einem Straflager in Sibirien, von dem ihm 1948 die Flucht gelang. Auf einem Gutshof in Siegendorf lernte er eine Romni aus Oberwart kennen und gründete mit ihr eine Familie. Im Alkohol versuchte er die Erlebnisse des Krieges zu ertränken – woran auch seine Beziehung scheiterte. Es wird überliefert, dass er ein sehr gebildeter Mann gewesen sei, doch letztlich war er als „Taglöhner“ bei einer Familie tätig, um sich sein täglich Brot zu verdienen. Er starb 1984 im Krankenhaus Oberwart. Sein Grab wird von seinem Enkelsohn gepflegt.

Wer sich auf diesen Friedhof einlässt, der taucht ein in eine andere Welt. Aber neben den vielen Lebensgeschichten, die dieser Ort zu erzählen weiß, ist er Symbol für die Vielfalt der Stadt Oberwart. Und als solchen Symbolgut sollte er auch gepflegt und erhalten werden.

Führungen zu den Friedhöfen von Oberwart rund um Allerheiligen unter 0664/50 44 554


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