Oberwart und seine Synagoge

Es gab eine Zeit in Oberwart, in der der Rabbi und der evangelische Pfarrer regelmäßig ihr Stammlokal in der Stadt besuchten. Die Juden waren Teil der Oberwarter Bevölkerung - anerkannt und wertgeschätzt. Die einstige Synagoge kann man zurecht als Sinnbild der Harmonie zwischen den Religionen bezeichnen. Heute erinnert nur wenig an das jüdische Gotteshaus.
Ing. Wilhelm Hodits

Ansichtskarte von Oberwart aus dem Jahr 1932. Die Anordnung ist symbolträchtig. Links im Bild die Katholische Kirche, dann die Reformierte Kirche, in der Mitte die Synagoge und rechts die Evangelische Kirche.

 

Felix Blau und Paul Geistlinger waren regelmäßig im Cafe Köhler (vis à vis der Raika) in Oberwart anzutreffen. Immer tranken sie ihren Kaffee am Fensterplatz und grüßten dabei die vorbeigehenden Oberwarter mit einem Kopfnicken. Das Besondere bei diesem Treffen – es veranschaulichte das friedliche Zusammenleben der verschiedenen Religionen in Oberwart. Der eine war Rabbi, beim anderen handelte es sich um den Evangelischen Pfarrer in der Gemeinde. Kaum zu glauben, dass ein paar Jahre später mit dem nationalsozialistischen Gedankengut ein anderes Bild das Zusammenleben der Religionen in Oberwart prägen sollte. Ein Zeitzeuge berichtete von zwei jüdischen Ärzten und einem Rechtsanwalt, die unter der Aufsicht eines jungen SS-Soldaten die Straßen reinigen mussten. Einer der Ärzte hatte Jahre zuvor den Vater des jungen SS-Wachesoldaten gerettet.

Die Geschichte der Juden in Oberwart
Es ist vor allem auf die wirtschaftlichen Möglichkeiten zurückzuführen, dass sich immer mehr Juden aus Stadtschlaining in Oberwart niederließen und ihre Geschäfte eröffneten. Zudem fanden sie hier ein liberales religiöses Umfeld vor und waren in das Gesellschafts- und Vereinsleben Oberwarts völlig integriert. Sie trugen keine jüdische Tracht, lebten mitten in der Stadt und auch sprachlich grenzten sie sich nicht aus, sondern unterhielten sich in deutsch und ungarisch.
Um das Jahr 1900 lebten etwa 113 Juden in Oberwart. Ihre Gottesdienste hielten sie im sogenannten Maisl‘schen Haus ab. Wo dieses stand, ist bis heute nicht belegt. Aufgrund der wachsenden Zahl der Juden in Oberwart keimten im Jahr 1902 die ersten Überlegungen für eine Synagoge auf, die sogar vom Adelsgeschlecht Erdödy unterstützt wurden. Bereits zwei Jahre später sollten die Pläne dafür verwirklicht werden. Nach einer Bauzeit von nur wenigen Monaten wurde die Synagoge am 6. November 1904 schließlich feierlich eröffnet. Die rasche Fertigstellung war nur deshalb möglich, weil die Oberwarter, egal welcher Glaubensgemeinschaft sie angehörten, mithalfen und ihren jüdischen Freunden unter die Arme griffen.
Bei der Einweihung waren laut Berichten alle Konfessionen Oberwarts vertreten. Es wird überliefert, dass ein Teilnehmer dieses Ereignis mit folgenden Worten beschrieb: „Am Ende der Feier nahm jeder das Bewusstsein mit, dass an diesem Ort ein ungetrübtes, friedliches Einvernehmen unter der Bevölkerung und auch unter den Konfessionen herrscht.“
1930 wurden die jüdische Glaubensgemeinschaft in Oberwart als Kultusgemeinde anerkannt. Zehn Jahre später war sie zu Ende. Das nationalistische Gedankengut griff auch in Oberwart um sich.

Das Ende
Nach dem Anschluss Österreichs an Deutschland im März 1938 musste die jüdische Bevölkerung aus der Stadt flüchten. Ihr Besitz wurde arisiert. Von der einstigen Offenheit der Einwohner war nichts geblieben. Die Synagoge wurde geräumt und die 14 Torarollen der jüdischen Kultusgemeinde Wien übergeben. Wo sie heute sind, ist unbekannt. Von den 141 Juden, die vor 1938 in Oberwart lebten, kehrten nach Kriegsende nur wenige nach Oberwart zurück.

Die Synagoge wurde 1938/39 zum Feuerwehrhaus umgebaut. Nach dem Krieg kaufte die Gemeinde Oberwart die Synagoge und das Rabbinatshaus von der jüdischen Kultusgemeinde Graz. Seit 1997 befindet sich die Musikschule auch in den Mauern der ehemaligen Synagoge. Im Juni 2012 verkaufte die Gemeinde Oberwart das Rabbinatshaus an eine ortsansässige Baufirma, die auf diesem Areal ein Bürogebäude errichtete.
Damit sind wichtige Zeichen der jüdischen Gemeinschaft in Oberwart endgültig Geschichte geworden. Das gewaltsame Ende des jüdischen Lebens durch die Nazis zeigt die Gefahr populistischer Strömungen auf, die sich niemals wiederholen dürfen. Die Entstehung der Synagoge ist jedoch ein Beispiel für Toleranz und dem friedlichen Zusammenwirken der verschiedenen Religionen. Ein Beispiel, das die Nachwelt gerade heute dringend braucht.

Beitrag aus Ausgabe 03/2017


Ing. Wilhelm Hodits
Wilhelm Hodits begibt sich für prima! zu bedeutenden und besonderen Plätzen in Oberwart und erzählt Geschichten, die keiner kennt.
Willi Hodits war Leiter der Tiefbauabteilung und des Bauhofes der Gemeinde Oberwart und kennt die Bezirkshauptstadt wie seine Westentasche. Als gewerblicher Reiseleiter macht er heute auch Stadtführungen durch Oberwart - zu Fuß, mit dem Fahrrad oder als Rundfahrt mit dem Bus.
Nähere Informationen: Ing. Wilhelm Hodits, Telefonnummer: 0664/50 44 554

Einen Kommentar hinterlassen: