Von Minderheiten zu Weltbürgern

Das Zweisprachige Bundesgymnasium in Oberwart musste sich gegen viele Skeptiker durchsetzen. Heute, 25 Jahre später, ist die Schule über sich hinausgewachsen und gilt als einzigartig.
Ing. Wilhelm Hodits
Foto: Ing. Willi Hodits

Das Zweisprachige Gymnasium in Oberwart feiert heuer sein 25-jähriges Bestehen.

 

Die zweite Hälfte des vorigen Jahrhunderts brachte einiges an Um- und Aufbruch mit sich. Wir leben heute in einem vereinten Europa. Ungarisch und Kroatisch sind nicht mehr die Sprachen der Minderheiten, wie sie lange im Burgenland gesehen wurden. Die Fähigkeit, sich in vielen Sprachen verständigen zu können, öffnet im europäischen Wirtschaftsraum ungeahnte Möglichkeiten. Es ist einigen Persönlichkeiten zu verdanken, dass die Zeichen der Zeit rechtzeitig erkannt wurden und das Zweisprachige Gymnasium in Oberwart zustande kam.

Zur Geschichte
Als das Burgenland 1921 zu Österreich kam, war es für die Ungarn nahezu unmöglich eine höhere Bildung in ihrer eigenen Sprache zu absolvieren. In den späten 1960-er Jahren war in der ungarischen und kroatischen Volksschule ein massiver Rückgang der Schüleranzahl bemerkbar. Die Eltern schickten ihre Kinder lieber in die deutschsprachige Volksschule, damit sie dort „ordentlich“ Deutsch lernen und auch eine weiterführende Schule besuchen konnten.

Engagierte Lehrer und Vertreter beider Volksgruppen – der heutige Direktor Martin Zsivkovits war einer von ihnen – hatten deshalb bereits Ende der 70-er Jahre die Idee eines Zweisprachigen Gymnasiums und brachten diesen Vorschlag auch beim Ministerium vor.
Jedoch mit wenig Erfolg. Die Politik und die Schulbehörde zweifelten daran, dass eine solche Schule lebensfähig sei. Im Jahr 1990 wurde Rudolf Scholten Unterrichtsminister. Für das Zweisprachige Gymnasium war dies ein Segen, denn am 25. Oktober 1991 entschied er über die Errichtung eines ungarisch-, kroatischsprachigen Gymnasiums in Oberwart. Er begründete dies mit den Worten: „Mir ist bewusst, wenn eine Minderheit keinen Zugang zu höherer Bildung hat, ist sie zum Sterben verurteilt. Dafür will ich nicht verantwortlich sein.“ In Hinblick auf die Entstehung eines vereinten Europas hat diese Entscheidung von damals heute eine außerordentliche Tragweite.

Das Zweisprachige Gymnasium
Im Schuljahr 1992/93 stellte die Stadtgemeinde Oberwart dem Zweisprachigen Gymnasium Räume und Inventar in der Hauptschule und in der Berufsschule zur Verfügung. Als Direktor wurde Martin Zsivkovits eingesetzt, dessen Büro anfangs im Rathaus angesiedelt war. Doch es war klar, dass diese höhere Bildungsanstalt ein eigenes Gebäude brauchte. Als Standort wurde die Badgasse (Ecke Schulgasse) ausgewählt – unmittelbar an das Gebäude der HBLA angrenzend. Man munkelte, dass dies ein Kompromissvorschlag war, da es einige Zweifler gab, die dem Zweisprachigen Gymnasium eine Überlebenszeit von maximal drei bis fünf Jahren gaben. Hätte die Schule aufgrund mangelnder Schülerzahl schließen müssen, hätten die Klassen von der immer größer werdenden HBLA übernommen werden können.
Doch es kam anders.

Am 2. Dezember 1994 startete der Bau des neuen Gebäudes nach den Plänen des Architekten Heinrich Gimbel. Am 23. November 1996 wurde das Zweisprachige Gymnasium eröffnet. In den Anfängen der Schule gab es zwei Abteilungen: Eine deutsch-ungarische und deutsch-kroatische mit insgesamt zwei Klassen und 38 Schülern. Heute, 25 Jahre später, besuchen 260 junge Menschen in 16 Klassen die Bildungseinrichtung und werden von 41 Lehrern unterrichtet. Fast alle Gegenstände werden in Deutsch-Ungarisch oder Deutsch-Kroatisch abgehalten. In der Unterstufe wird sogar noch das traditionelle Burgenland-Kroatisch gelehrt, was unter anderem auch die Identität der Schüler stärkt.
Insgesamt müssen die Schüler aus sieben Fremdsprachen mindestens vier auswählen, in denen sie bis zur Matura unterrichtet werden.

Als die Schule 1992 mit den ersten Klassen startete, wurde von Direktor Martin Zsivkovits die Hoffnung ausgesprochen, dass es sie auch noch in 30 Jahren geben möge. Dieser Wunsch ist über sich hinausgewachsen. Heute wird die Existenz des Zweisprachigen Gymnasiums als Bereicherung angesehen und eine bauliche Erweiterung ist angedacht.

Beitrag aus Ausgabe 09/2017


Ing. Wilhelm Hodits
Wilhelm Hodits begibt sich für prima! zu bedeutenden und besonderen Plätzen in Oberwart und erzählt Geschichten, die keiner kennt.
Willi Hodits war Leiter der Tiefbauabteilung und des Bauhofes der Gemeinde Oberwart und kennt die Bezirkshauptstadt wie seine Westentasche. Als gewerblicher Reiseleiter macht er heute auch Stadtführungen durch Oberwart - zu Fuß, mit dem Fahrrad oder als Rundfahrt mit dem Bus.
Nähere Informationen: Ing. Wilhelm Hodits, Telefonnummer: 0664/50 44 554

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