Das Recht auf Chaos

Für die Rubrik Planen-Bauen-Wohnen dürfen wir Persönlichkeiten aus der Region in ihrem intimsten Umfeld besuchen. Oftmals unterstreicht das Zuhause die Persönlichkeit der Bewohner, manchmal überrascht uns diese private Einsicht. In jedem Fall dürfen wir über das Mobiliar, die Gemäuer und die Gedanken, die sich die Besitzer darüber machen, diese besonderen Menschen besser kennenlernen. Diesmal gewährten uns Peter Wagner und Eveline Rabold einen Einblick von ihrem familiären Leben abseits des Litzelsdorfer Zentrums. Das Haus erzählt die Geschichte zweier unterschiedlicher Charaktere, die sich auf etwa 360 Quadratmetern eine interne, örtliche Trennung geschaffen haben und sich dennoch immer wieder ohne Kompromisse in der Mitte wiederfinden.
Nora SCHLEICH / 30. September 2019
Foto: zVg

 

Peter Wagner hat in seinem Refugium, dem alten Trakt des Hauses, „ein Recht auf Chaos“, wie er es nennt. Eveline Rabold hingegen braucht im gemeinsamen Zentrum des Domizils Ordnung, um entspannen zu können. Dennoch, sie ticken so ähnlich, dass weder die Planung noch der Umbau des alten Gebäudes zu Diskussionen geführt hat. „Diese Phase war sehr energetisch und befruchtend. Und es hat ordentlich gestaubt“, schwelgt die Unternehmerin in Erinnerungen und lächelt. Peter Wagner steht immer wieder unruhig auf zieht sich in sein Büro zurück, denn auch momentan durchlebt er wieder eine extrem energetische Phase. „Seit 1. Feber arbeite ich durch“, erklärt der Autor und Regisseur freundlich und verschwindet nach hinten, um an seinem neuesten Projekt weiterzuarbeiten.

Mit zwei funktionierenden Büros auf unterschiedlichen Etagen und in entgegengesetzten Trakten gelegen bietet das Haus reichlich Platz für die künstlerischen Bedürfnisse der beiden. „In unseren Arbeitsbereichen brauchen wir eine Art von Chaos – ich weniger, Peter etwas mehr. Aber im gemeinsamen Wohnbereich ist mein Wunsch nach Ordnung und optischer Ruhe groß“, sagt Eveline Rabold. Rückzugsort ist nun ein Haus mit einem Interieur, das durch ausgewogene Proportionen besticht und dadurch besondere Ruhe und Ausgeglichenheit fühlen lässt.

„Wir sind Gewohnheitstiere“

Das alte Gebäude mit dem Zubau ist perfekt auf die Bedürfnisse des Paares zugeschnitten. „Wir haben uns mit der Planung Zeit gelassen und vor allem selbst geplant. So konnten wir alles auf unsere Gewohnheiten genau abstimmen,“ erklärt Eveline Rabold. „Wenn ich etwas plane, plane ich die Möbel gleich dazu. Daher fehlt auch keine Steckdose.“ Sie hat nach ästhetischen Lösungen gesucht und mit viel Geschick und Gespür für Proportionen den Wohnraum so eingerichtet, dass jedes Detail seinen Platz hat. Sorgfältig hängt jedes Bild an einem wohlbedachten Ort. „Fotografien umhängen oder gar ein Gemälde hinzufügen, fällt mir echt schwer, weil jegliche Optik im Wohnbereich so gewissenhaft überlegt ist“, lacht sie.

Eveline Rabold weiß, was sie will. Beim Einrichten geht sie couragiert vor, wie sie es beruflich auch gewohnt ist. „Ich mag kein Blau, keine Vorhänge, und Details am Fensterbrett sind nie mittig angeordnet“, sagt die Grafikdesignerin, deren Agentur mittlerweile vielfach ausgezeichnet wurde.
Mit einer „Das macht man nicht“-Mentalität kann sie nicht umgehen. „Es geht nicht darum, speziell zu sein, aber meine Vorstellung von Ästhetik muss sich durchziehen.“

Veränderung braucht sie dabei gar nicht. Umweltverträglichkeit hingegen war bereits vor fünfzehn Jahren Thema. Daher sind Materialien wie Holz, Stein und Ziegel die dominierenden Werkstoffe im Haus. Glas garantiert eine gewisse Offenheit und sorgt für genügend Licht in jedem der Räume.

„Es ist ein Haus, in dem man nie einsam ist.“

Seit 1989 sammelt Peter Wagner jede Ausgabe der Tageszeitung „Der Standard“. „Nach dem Fall der Berliner Mauer habe ich mir gedacht, dass ich diesen Zerfall dokumentieren muss. Die Todeswand ist eine Chronik der Verletzungen der Menschheit“, so Peter Wagner über diese Installation in einem seiner Gästezimmer. Zwei Gästezimmer zu haben war dem Paar wichtig, denn der Austausch mit vielen Besuchern ist für den Künstler und die Grafikdesignerin essenziell. „Darum haben wir einen großen Esstisch und noch viele weitere am Dachboden. Sogar unsere Hochzeit haben wir im Haus gefeiert und dabei 90 Personen bewirtet.“

Kommunikatives Zentrum ist dabei immer das Esszimmer, an das die offene Küche mit einer Kücheninsel aus Stein, einem Tischler-Einzelstück, anschließt.

Die Einzelstücke und die Kunst, die das Inventar umspielen, geben dem Haus das gewisse Etwas. Das Besondere an diesem Haus aber erklärt Eveline Rabold: „Auch wenn mal keine Gäste hier sind, ist es niemals leer.“ Peter Wagner hat seine Karriere als Autor von Erzählungen begonnen. Auch das Haus, in dem er mit Eveline Rabold wohnt, erzählt eine mittlerweile fünfzehnjährige Geschichte. Eine Geschichte von großen Festen und stillen Momenten zu zweit, sehr strukturiert und geplant mit einem gewissen Recht auf vorhersehbares Chaos.

 

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Eveline Rabold und Peter Wagner
Eveline Rabold ist Grafikdesignerin, Sängerin, Künstlerin und betreibt in Oberwart eine Werbeagentur. Peter Wagner ist Autor und Regisseur. In Litzelsdorf haben die beiden vor fünfzehn Jahren ihr Zuhause gefunden. Peter Wagner wird als Rebell der burgenländischen Kunst- und Kulturszene betrachtet. Geprägt vom heterogenen Sprach-und Religionsmix seiner frühesten Umgebung erhob er philosophisch und politisch oft seine Stimme.

Die Optik des ursprünglichen Hauses sollte erhalten bleiben. Daher wurde am Zubau auch
ein Giebeldach geplant und somit der Stil des alten Stadels zitiert. Der Neubau wurde etwas
aus dem Winkel erbaut, um mehr Licht in den Wohnraum zu bringen.

Eine Zisterne oder auch Solarpaneele wurden bereits vor 15 Jahren verbaut, um im Sinne der Umwelt zu bauen. Die Sauna sorgt mit ihrer Glasfront auch im Winter für angenehme Temperaturen.

Der Stiegenaufgang befindet sich hinter Glas und sorgt für lichtdurchflutete Offenheit.

Ein simpler Schafzaun als Geländer und praktisches Detail im Erdgeschoß runden den zeitlosen Stil ab. Im Wohnbereich gibt‘s einen Mix an verschiedenen Möbelstilen und natürlich ausgewählte Kunst an den Wänden.

Der Esstisch bildet auch bei Festen immer das Zentrum. Unterschiedliche Stühle, einige davon aus dem Wiener Café eines Freundes, ergeben eine angenehme Spannung im Raum.

In der offenen Küche mit einem Küchenblock aus Stein wird viel und gern gekocht. Vor allem werden Gemüse und Früchte aus dem eigenen Garten mit Leidenschaft eingekocht.

Weil oft nur schlechte Nachrichten gute Nachrichten sind, nennt Peter Wagner diese Sammlung „Todeswand“.

Eveline Rabold

Geboren 1974 in Graz, aufgewachsen in Güssing, lebt Eveline Rabold seit 15 Jahren mit ihrem Mann, dem Literaten Peter Wagner, in Litzelsdorf.

Kreativität und Kunst ist das Leitmotiv im Leben von Eveline Rabold. Bereits sehr früh wusste sie, dass ihre Berufung im Grafikdesign liegt. Sie absolvierte die Abteilung Grafik-Design an der Ortweinschule Graz (Abschlussjahrgang 1994) und führt unter dem Namen RABOLD UND CO. heute eine der erfolgreichsten Agenturen des Burgenlandes (11 Adebar-Auszeichnungen im Vorjahr).

Mindestens ebenso groß wie ihr grafisches Talent ist ihre Begabung als Künstlerin und Musikerin. Eveline Rabold ist ausgebildete Sängerin in den Fächern Jazz und Klassik.

Ihre Werke als bildende Künstlerin liegen im Bereich der künstlerischen Grafik und der Fotografie.

www.rabold.at / www.evelinerabold.at


Peter Wagner

– ein fordernder Denker und Chronist des sich neu formierenden pannonischen Raumes – lebt und arbeitet im Südburgenland.

Seine Arbeiten oszillieren zwischen unterschiedlichen Genres: Folgerichtig kann man ihn als Autor, Regisseur, Darsteller, Video- oder Konzeptkünstler betrachten. Peter Wagner ist ein Meister der strukturierten Komposition unterschiedlicher Bühnengenres, meist integriert er in seine ausgefeilt beleuchteten Inszenierungen audiovisuelle, voraufgezeichnete Ebenen, die mit dem Live-Bühnengeschehen interagieren.

Peter Wagner ist Autor zahlreicher Theaterstücke und Hörspiele, die in Österreich, Deutschland, Ungarn, Slowenien und Italien aufgeführt wurden. Übersetzungen ins Italienische, Spanische, Rumänische, Kroatische, Französische, Ungarische, Georgische und Slowenische.

Er inszeniert prinzipiell nur Uraufführungen und wurde mehrmals ausgezeichnet. Er lehnt aber auch Würdigungen ab, wenn sie seiner politischen Haltung und Überzeugung widersprechen, wie zuletzt 2015, aus Protest gegen die Regierungsbeteiligung der FPÖ im Burgenland.

Peter Wagner reüssierte 2017 mit seinen Arbeiten unter anderem beim Musikforum Viktring und dem Europäischen Forum Alpbach; für das klagenfurter ensemble inszenierte Peter Wagner zuletzt aus von Alois Hotschnig, Nebochantnezar oder die Magie des Presslufthammers und die Kriegsoper Rattensturm, zu der er auch das Libretto lieferte mit Musik vom amerikanischen Komponisten Erling Wold.

www.peterwagner.at


Autor und Regisseur Peter Wagner inszeniert ab 3. Oktober sein Doppelstück „Der 13. Gesang der Hölle“ im Rahmen der Waldinstallation FOR FOREST im Wörtherseestadion Klagenfurt und alternierend im klagenfurter ensemble. An zwei Orten werden also zwei Stücke zu einem Thema – als Paraphrase auf Dante Alighieri – gezeigt.

Im 13. Canto des Inferno, einem Teil Dantes Göttlicher Komödie, sind nicht nur die Seelen der Selbstmörder in Bäumen eingesperrt, sondern auch jene der Verschwender. „Selbstmord in Zusammenhang mit unserer globalen Verschwendungssucht erschien mir selbstredend wie eine Metapher auf die gefährlichen und gefährdenden Energien unserer Zeit“, sagt Peter Wagner.

Ursprünglich wollte er das Stück in Littmanns Wald mit Schauspielern inszenieren und dann mit mehreren Kameras in den Zuschauerbereich im Stadion übertragen. Daraus wurde aus sicherheits- und bewässerungstechnischen Gründen nichts. Also entwarf Wagner erstens ein Stück für den Außenbereich des Waldes, also das ihn umgebende Stadion, den sogenannten „Außengesang“, den er nun als „Sound-Oper“ mit optischen Assists anlegt. Zweitens verfasste er einen Theatertext, den „Innengesang“, den er mit Schauspielern im Theater erarbeitet, und zwar auf einer Bühne, die das Innere eines abstrakt stilisierten Waldes darstellt. „Dort verhandeln die Selbstmörder, gefangen in einem Ort ohne konkrete Identität, einen Aspekt der derzeitigen Conditio Humana: Verlorenheit in der Sehnsucht nach Lebensinhalt, Sehnsucht nach Verlorenheit und Selbstaufgabe, Hybris und Angst in den vielen Schattierungen unserer Gegenwart“, erklärt Wagner.

Detailliertere Informationen sowie Vorstellungstermine finden Sie auf www.klagenfurterensemble sowie auf www.peterwagner.at.


Kommentare

Die prima! Homestory

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