Die Kunst, nicht zu frieren

Georg Lindenbauer ist schwer zu fassen. Zum einen, weil er ständig auf Achse ist. Zwischen verschiedenen Wohnsitzen, Baustellen und seinem Atelier im Südburgenland, dessen genaue Adresse nur wenigen bekannt ist. Zum anderen in dem, was er macht. „Heizplastiken“ nennt er seine kunstvollen Ofengebilde selbst und definiert sich nicht als Gewerbebetrieb, sondern als „angewandter Künstler“.
Olga SEUS / 28. Oktober 2021
Foto: Lexi

An seinen Öfen macht Lindenbauer alles selbst.

 

„Alle Öfen, die ich mache, sind Unikate“, erzählt Georg Lindenbauer und führt weiter aus, dass er alles, was dazu benötigt wird, selbst macht. Sogar das Glas für Sichtfenster. Aber auch die Keramik, das Brennen, sogar die Brennöfen sind eigenproduziert. Überhaupt ist Lindenbauer jemand, der nicht einfach einen „Job“ hat, er lebt, was er macht. Führt Vorgespräche, sieht sich Häuser und künftige Ofenbesitzer an und entscheidet sich auch manches Mal dagegen, einen Auftrag anzunehmen. „Entweder, weil ich für die betreffende Person keinen Ofen bauen möchte oder weil die Architektur des Hauses mich nicht interessiert.“ Lindenbauer kann sich das leisten. Er, dessen Kundenkreis sich aus „ganz normalen Personen“ wie dem Rentner, der jahrelang Monat für Monat gespart hat, um sich eine echten Lindenbauer-Ofen leisten zu können, aber genauso aus zahlreichen Prominenten wie Oscar- und Nobelpreisträgern zusammensetzt, dazu kommen etliche Politiker, Botschaften und Konsulate, höhere Wirtschaftstreibende und so mancher Künstlerbekannter.

Jeder Ofen ein speziell angefertigtes Kunstwerk

Diesen Ruf hat er nicht umsonst: Seit 35 Jahren ist er selbstständig, hat unzählige Öfen gemacht. Passt nach wie vor jeden einzeln an. „Im Erstgespräch erfrage ich, ob es ein repräsentativer oder ein nicht repräsentativer Ofen sein soll, welche Materialien dem Kunden vorschweben, bei Beton ob es glatt oder strukturell sein soll, doch das letztendliche Modell ist mein Design, meine Entscheidung, die ich nach dem Charakter des Besitzers und der Architektur treffe.“ Dabei fließen durchaus auch praktische Faktoren mit hinein. Physik und Strömungslehre sind wichtige Punkte, die entscheiden, an welchem Platz ein Ofen gesetzt wird und ob er z.B. rund sein soll, was für eine bessere Wärmeverteilung bei weiten Räumen mit großen Fensterfronten wichtig ist. Eine besondere Spezialität von Lindenbauer sind schwebende Öfen, die entweder aus der Wand zu entspringen oder aber auf einem kleinen Sockel zu ruhen scheinen. Dahinter steckt einiges an Berechnung und einiges an Arbeit, denn natürlich müssen solche Kunstwerke unsichtbar unter dem Boden oder in die Wand eingelassen abgestützt und mit Gegengewichten versehen sein.

Vom glücklichen Zufall zum Ofenbauer

Begonnen hat er freilich mit den vor 35 Jahren modernen Kachelöfen. „Angefangen habe ich als Unternehmer ohne Businessplan, aber mit großer Zuversicht, Freude, Mut und Glück und noch einmal Glück“, so Lindenbauer über seine Anfänge. Dass er Keramiker werden wollte, wusste er seit seinem sechsten Lebensjahr. Aber dass er schließlich Ofenbauer wurde, verdankte er auch einem glücklichen Zufall. Zwischen seiner 1. und 2. Meisterklasse an der Grazer Kunstuni fuhr er per Autostopp. Am Ende der Fahrt hatte er seinen ersten Ofenbauauftrag. Dem bald etliche folgten. „Und nach einem Winter kamen die Ersten begeistert zu mir und erzählten, dass meine Öfen nicht nur ein wunderschönes Design hatten, sondern auch noch super heizten“, schmunzelt Lindenbauer über die Kriterien, die seine ersten Kunden anlegten. Doch lange schwelgt der Arbeitsmensch nicht in der Vergangenheit. „Ich lebe lieber im Jetzt und im Morgen.“

Neue Ausrichtung:
Bildende Kunst

So hat er sich vor zwei Jahren einem weiteren Schaffensfeld zugewandt: Von der angewandten zur bildenden Kunst. Natürlich bleibt Lindenbauer hier seinem hauptsächlichen Element, der Keramik treu, wobei er freimütig zugibt: „Ton ist eine Katastrophe.“ Was jeder Hobbykünstler auch schon beobachten konnte, macht vor dem großen Meister nicht Halt: Ton verändert sich beim Trocknen, Glasuren können mit ganz leicht unterschiedlicher Temperatur im Heizofen nach dem Brand in der Farbgebung mehr oder weniger deutlich abweichen und im Kleinen wie bei den großen Öfen gilt: „Auch mir gelingt nicht alles. Dann muss man es wiederholen.“ Der Kunde sieht freilich nur das Endergebnis, das sich absolut sehen lassen kann. Neben seinen riesigen Öfen gibt es neuerdings unter anderem Wandreliefe und kunstvoll verschlungene Knoten zu kaufen, die einerseits eindeutig aus schwerfälligem Ton sind, andererseits so leicht und schwebend daherkommen, als hätte jemand Seidentücher umeinander geschlungen.

In Zukunft will Lindenbauer zwar nicht zur Ruhe kommen, aber etwas ruhiger werden. Sein riesiges Atelier will er um einen Ofen-Ausstellungsraum und eine Galerie erweitern. In der Galerie soll Kunst von bekannten österreichischen Keramikkünstlern zu erwerben sein, darunter auch Lindenbauers eigene Kreationen.


Lindenbauer in seinem Atelier. Geheizt wird natürlich im eigenen Keramikofen.

Das Anheizen bei den fertigen Exemplaren auch.

Schwebende Öfen sind Lindenbauers Spezialität. Dieses multifunktionale Exemplar hat er für sein Atelier entworfen.

Lindenbauers bildende Kunst: Knoten und Wandreliefe.

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