Mutig seiner Zeit voraus

Die Moderne hat uns eingeholt, in unserer Reihe „Planen-Bauen-Wohnen“. Wobei dieses Haus technisch gesehen nicht so modern ist, wie man glauben möchte. „Modern“ ist eben Definitionssache, sieht man sich so manch ein Juwel aus den „goldenen Zwanzigern“ an, an denen sich dieses Haus mitunter orientiert. Viele Inputs und ein Händchen für Design machen das Haus in Großpetersdorf zu einem zeitlosen Schmuckstück – cool und dennoch gemütlich.
Nora SCHLEICH / 02. Jänner 2019
Foto: Lexi

Martina Fank ist Übersetzerin. Ronald Kantauer war lange als Baumeister tätig, ist Techniker und hat sich vor Kurzem selbständig gemacht. Der gemeinsame Sohn Alexander studiert in Wien. Das Haus in Großpetersdorf bewohnt das Paar mit einem Hund und sechs Katzen.

 

Vor 14 Jahren haben Martina Fank und Ronald Kantauer ein Haus gesucht. Eigentlich ein altes Bauernhaus, vorzugsweisen einen Arkadenhof in Oberwart. Die absolute Kehrtwende trat ein, als nichts den Vorstellungen der beiden entsprach. „Entweder war die Substanz nicht in Ordnung oder es war uns zu teuer!“, sagen sie heute. Also haben sie am Grundstück von Martinas Eltern neu gebaut und wurden so zum Vorreiter für viele Häuselbauer in der Region.

„Damals dachten alle, wir bauen eine neue Halle für meinen Vater. Der ist Bauer und für die Leute war in diesem Stil nur ein neuer Stadel naheliegend“, erinnert sich Martina. Holz, Glas und Beton – offene Bauweise, hohe Räume mit einer Höhe von 2,60 Metern. „Da waren wir vor 14 Jahren unserer Zeit voraus. Vieles, was heute selbstverständlich ist, war damals ein Versuch.“ Der immer noch zeitlose, weil sehr geradlinig konzipierte Kachelofen zum Beispiel. „Damals wollten wir ein Sichtfenster um die Ecke. Heute kein Problem, damals nicht machbar.“ (Foto 1)
Ronald Kantauer ergänzt: „Auch die riesigen Fenster waren zur damaligen Zeit schwer zu bekommen. Aber es war die Mühe wert. Es ist wie ein Leben im Freien. Wir bekommen Regen, Schnee und Sonne hautnah mit.“ „Die Glaswand ist keine Trennwand, sondern eine Verbindung“, fügt Martina hinzu.

Heute würden sie die riesige Glasfront in Richtung Norden anstatt Süden anbringen, aufgrund der Hitzeentwicklung. „Man muss zwei Mal bauen, sagt man, und das stimmt.“ Ronald und Martina würden heute außerdem manches noch ein bisschen „straighter“ machen. Mehr Epoxidharz, mehr Stahlbeton – vielleicht die Decke auf Sicht. Grundsätzlich wirkt der lichtdurchflutete, offene Lebensraum aber absolut modern. „Die Bulthaup-Küche sowie auch die italienischen Möbel haben sich als zeitlos erwiesen“, so das Paar. (Foto 2)

„Das Interesse für Architektur kam erst, als wir bauten“

Ronald Kantauer hatte vor der Schaffung seines Eigenheims beruflich immer mit Zweckbauten zu tun, also war ein Umdenken für ihn notwendig. Mit seiner Partnerin ergänzt er sich mittlerweile perfekt: fürs Interieur fühlt sich Martina verantwortlich, Ronald sagt dann, ob ihr Wunsch realisierbar ist. „Früher hat er immer gesagt ‚geht nicht‘, mittlerweile ist bereits vieles möglich“, lächelt Martina Fank.

Geplant hat den für damalige Zeiten ungewöhnlichen Entwurf Thomas Wagner, Architekt aus Oberwart. „Wir wollten eine Mischung aus seinem Stil und unseren Vorstellungen.“ So besticht das Haus durch eine Architektur, die heute moderner nicht sein könnte, angelehnt an Bauhausklassiker der 1920er Jahre. Die verwendeten Materialen sind gut überlegt: Parkett und Schiefer wurden für den Boden verwendet, im Bad Sandstein verlegt. (Foto 3)

Inspiriert wurde das Paar aber auch durch seine Reisen, vor allem nach Kapstadt. Dort haben sie vor zwei Jahren eine Wohnung in einem aufstrebenden Stadtteil gekauft, welcher sich allmählich zu einem hippen Künstler- und Szeneviertel entwickelt. Der mittelfristige Plan: vier Monate im Jahr in Kapstadt leben und von dort aus arbeiten.

Weinlofts

Ideen und Inspirationen aus Südafrika finden sich auch in den drei Weinlofts des Paares wieder – innen und außen.

Die Lächenholzfassade des Weinlofts II sowie Epoxidharzböden, wie sie in Kapstadt absolut üblich sind, runden die liebevolle Detailarbeit in den Lofts ab. Die Kellerstöckel am Eisenberg und eines am Radlingberg (bei Edlitz) haben die beiden vor zwei Jahren begonnen zu renovieren. Die traditionellen Kellerstöckel sind nun – trotz strenger Richtlinien – neu interpretiert. Hohe Räume und viel Ausblick zeichnen alle drei aus. Das Design spricht für sich, denn „so manch ein Gast kommt auch der Architektur wegen“, sagen die beiden stolz und fügen an: „Vor allem Ruhesuchende und Kreative genießen den sanften Tourismus bei uns.“

Mit den Weinlofts haben Martina und Ronald den Nerv vieler Ästheten und Individualisten genau getroffen. Ihr Eigenheim, die Auswanderung und die Weinlofts: Innovation und Mut zeichnen die Projekte aus. Das Paar ist seiner Zeit eben immer einen Schritt voraus. (Foto 4)



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