Versiegeln wir unsere Zukunft?

Was haben Überschwemmungen mit Kreisverkehren und Fachmarktzentren zu tun? Und warum haben wir gerade im Burgenland so einen großen Hunger auf Bauland? Eine Analyse über Ursachen und Auswirkungen der zunehmenden Bodenversiegelung.
Christian KEGLOVITS / 29. Oktober 2020 / Podcast am Seitenende
Foto: zvg

Wofür wir nicht alles Flächen brauchen: Für das Wohnen, für den Verkehr, für den Handel, für Betriebe, für die Landwirtschaft und natürlich soll da bitte auch noch was übrig bleiben für die Naherholung und für die lieben Tiere. Laut Statistik des Umweltbundesamtes wurden im Jahr 2019 allein im Burgenland insgesamt täglich 1,4 Hektar (das entspricht zwei Fußballfeldern) Wiesen und Äcker für Straßen, Siedlungen, Fachmarktzentren und Industrieflächen verbaut. Auf die Einwohnerzahl gerechnet weist das Burgenland den höchsten Flächenverbrauch unter allen Bundesländern auf.

Der Donut-Effekt

Warum ist das überhaupt ein Problem? „Der Bedarf an Flächen für Wohnen und für Verkehr steigt und steigt, aber das Land vermehrt sich nicht“, so der Eisenstädter Dr. Klaus Jürgen Bauer, Architekt und Universitätsdozent an der TU Wien und er erklärt, warum gerade wir am Land mit diesem Problem zu kämpfen haben: „Das Burgenland, aber auch die Oststeiermark besteht hauptsächlich aus bäuerlich geprägten Dörfern. In der Ortsmitte dominieren leerstehende Bauernhöfe, Gasthäuser und Geschäfte, am Ortsrand hingegen wird expandiert. Das nennt man dann Donut-Effekt. Wandert ein Geschäft an den Ortsrand, bedeutet das für die Menschen, ich brauch das Auto. Das wiederum bedeutet, man braucht neue Straßen, dazu Parkplätze, usw. Straßen und Parkplätze sind asphaltiert. Und das ist unsere Bodenversiegelung – wir selber mit unserer Lebensweise sind die Verursacher der Bodenversiegelung.“

Bürgermeister machtlos

So kommt es, dass wir von einem Ort zum anderen fahren und immer die gleiche Situation vorfinden: Kreisverkehre, Supermärkte und Parkplätze. Was man immer öfter erlebt: 500 Meter neben dem bestehenden Supermarkt wird ein neuer, größerer Supermarkt auf der grünen Wiese errichtet, oft mit der Begründung, dass eine Erweiterung am bestehenden Standort zu umständlich wäre. Wie ist das möglich? „Man macht es den Handelskonzernen ganz einfach möglich“, so Klaus Jürgen Bauer, „da sie sonst mit dem Abwandern in den Nachbarort drohen.“ Die Bürgermeister werden zwischen den Interessenlagen zerquetscht. Wenn ein Investor Druck ausübt und sich auf Landesebene einen Verbündeten holt, dann ist die Zange geschlossen. Dazu gesellt sich oft parteipolitisches Hickhack in der eigenen Gemeinde.

Mehr Problembewusstsein notwendig

Die Auswirkungen dieses extensiven Flächenverbrauches sind massiv und vielfältig: „Gerade an den Ortsrändern, wo wir früher Gemüse angebaut haben, zerstören wir nachhaltig fruchtbare Böden. Wir vergeuden Ressourcen und hinterlassen unseren Kindern Gebäude, die man aufgrund der Bauweise nicht mehr reparieren kann. Wir haben plötzlich Vermurungen und Überschwemmungen, wo es sie vorher nie gab und die Insekten werden weniger, weil wir viel zu viele Straßenlaternen aufstellen“, so Klaus Jürgen Bauer, der von der Politik mehr Problembewusstsein einfordert: „Die Entscheidungsträger müssen verstehen, dass ihre Entscheidungen für lange Zeit gelten und Auswirkungen haben.“

Richtige Schritte

So plädiert Bauer dafür, dass wir die Gebäudebestände, die wir haben, ertüchtigen und auf heutiges Niveau bringen. „Wir dürfen nix mehr abreissen. Es muss in unserer Gesellschaft so sein, dass der Neubau die Ausnahme bleibt!“ In diesem Zusammenhang verweist Klaus Jürgen Bauer auf ein positives Beispiel der OSG, die in Bruckneudorf gerade einen alten Siloturm in ein modernes Hochhaus zum Wohnen umwandelt. Wie kontroversiell die Diskussion über das Thema Grund und Boden geführt wird, zeigt der jüngste Novellierungsvorschlag der Landesregierung zum burgenländischen Raumordnungsgesetz. Damit soll Bauland für die ortsansässige Bevölkerung erschwinglich bleiben und der Bodenspekulation Einhalt geboten werden. „Man wird sehen, ob die gewünschten Effekte eintreten“, so Bauer.

Grundsätzlich blickt er aber optimistisch in die Zukunft: „Ich hab jetzt viel mit jungen Menschen zu tun, die auf ein Auto verzichten und die sich bewusst für die Renovierung eines alten Bauernhofes entscheiden.“ Zudem hat uns die Corona-Krise gezeigt, in welch hohem Ausmaß wir von Lieferketten aus dem Ausland abhängig sind. Da ist man dann plötzlich wieder froh, wenn sich „in der Mitte des Donuts“ ein Greißler oder ein bäuerlicher Direktvermarkter befindet.

Tipp: In unserem Podcast mit Dr. Klaus Jürgen Bauer beleuchten wir noch mehr Details zur komplexen Thematik der Bodenversiegelung.

.


Wo Wirtschaft floriert, wo Arbeitsplätze entstehen, wird immer auch Boden
verbaut. Es ist ein zweischneidiges Schwert.

Aus Sicht des Umweltschutzes unverständlich: Wenige Meter neben einem bestehenden Lebensmittelgeschäft werden oft neue, größere desselben Konzerns errichtet. So wie hier in Großpetersdorf.

Kommentare

Versiegeln wir unsere Zukunft?

Einen Kommentar hinterlassen: