Da war dann noch…

... ein pensionierter Busfahrer, der von seinen Abenteuern erzählt. Von atemberaubenden Landschaften, fremden Kulturen und Menschen aller Art. Der Oststeirer Gerhart Gschiel verbindet in seinem Buch seine persönlichen Erfahrungen mit historischen Ereignissen auf unserem Kontinent. Er hat Geschichte hautnah erlebt und nimmt uns mit auf eine Zeitreise durch „sein“ Europa.
Nora SCHLEICH / 29. Jänner 2019
Foto: Nora Schleich

Gerhart Gschiel aus Eichberg hat als Busfahrer unglaubliche Geschichten erlebt und diese in seinem Buch „Action Abenteuer Autobus. Meine Zeitreise“ verarbeitet.

 

Radio Burgenland läuft in seiner Küche. Freudig und aufgeregt sprudeln sie aus ihm heraus, die vielen Geschichten, die er schon oft erzählt hat, in einer Art der Begeisterung, die das Radio unweigerlich in den Hintergrund treten lassen. Es ist leichter, damit zu beginnen, was Gerhart Gschiel aus Eichberg noch nicht gesehen hat: das Nordkap. Was er erlebt hat: gute und schlechte – aber immer schlecht bezahlte – Reiseleiter, hektische Italiener und irrsinnig liebe Thai, die immer nur shoppen wollten. „Maria Theresia interessiert die nicht! Aber „The Sound of Music“ hätte ich denen drei Mal am Tag vorspielen können.“ Um diese Stereotypen kommt er mit seiner langjährigen Erfahrung als Fahrer eines Reisebusses nicht herum. „Wir Österreicher sind zum Beispiel den Franzosen lieber als die Deutschen“, erzählt er trocken. Und hier steigen wir ein in die Geschichte Europas.

Als sich der Osten öffnete

In Riga war er vor Ort, als kurz nach dem Fall des Eisernen Vorhangs hunderte alkoholisierte Menschen in einer Wiese gelegen sind. „Was ich da gedacht habe? Was denkt man da? Ich hatte Angst“, gesteht der heute 67-Jährige. In Russland, wo ein kleines Mädchen zu den Bussen kam, um zu betteln und Gerhart Gschiel später beobachtet hat, wie das arme Kind alles wieder an seine Brüder abgeben musste, hatte er Mitleid. In Prag, 14 Tage nach der Wende, als tausende Studenten am Wenzelsplatz die Freiheit gefeiert haben und er mit einer Gruppe aus Graz dabei war, ließ er sich mitreißen. Und da war dann noch eine Reise nach Russland, die gespickt war mit „teuflischen Situationen“, wie er es nennt. „Soldaten mit Kalaschnikows haben uns aufgehalten. Wir wussten nicht, ob wir entführt würden, wir kannten ja die Uniformen nicht. Wir mussten sie dann im Bus mitnehmen.“

Der Osten ist Ende der 80er Jahre in Mode gekommen und vor allem die Grenzen hatten es in sich. Einmal wurde ihm dort eine ganze Kiste voller Kalaschnikows angeboten, für nur 2.000 Schilling. Angenommen hat er dieses äußerst günstige Angebot freilich nicht, aber er gibt zu: „Die Zeiten waren damals anders“. Und ganz ehrlich, der eine oder andere kleine Bestechungsversuch und das eine oder andere „Gschichtl“ an der Grenze im Osten ist ihm schon eingefallen, um schnell und sicher passieren zu dürfen.

„Jedes Wort ist von mir“

Gerhart Gschiel hat seinen Beruf mit Leidenschaft ausgeübt. „Der eigene Musikgeschmack zum Beispiel war egal, ich habe auf die Stimmung geachtet. Mit HTL-Schülern habe ich viel Ambros gehört. Wenn ich aus Rotterdam hinausgefahren bin, habe ich das Lied „Tulpen von Amsterdam“ eingelegt und auf der Champs-Élysées habe ich freilich auch keinen steirischen Walzer gespielt“. Siebzehn Tage war er meist am Stück unterwegs, ist nach Hause gekommen, reinigte mit seiner Frau den Bus und hat am nächsten Tag die nächste Reise angetreten. Oft hat die Familie gelitten. „Bei Firmung und Erstkommunion zum Beispiel war ich nicht dabei. Da war Hauptreisezeit.“

Belohnt wurde er mit Freudentränen seiner Fahrgäste, als er ihnen die blühenden Tulpenfelder in Holland gezeigt hat oder als er in der Schweiz eine fünfzehn Meter lange Mineralienkluft mit vielen, bunten Bergkristallen und Diamanten erleben durfte. „Ich bin zu früh geboren, sonst hätte ich von all dem tausende Fotos.“ Gerhart Gschiel hat aber seine Erinnerungen niedergeschrieben und ein Buch veröffentlicht. Nach seiner Pensionierung vor acht Jahren hat er übrigens selbst nur eine einzige Busreise als Passagier unternommen – nach Portugal, dort war er nämlich niemals als Chauffeur.


„Da war dann noch“ –

so beginnt jede einzelne Kurzgeschichte im Kapitel 47 im neuen Buch des Steirers.

Hier ein Auszug:

Da war dann noch: Das Ehepaar, das mit mir in die Toskana fuhr. Sie eine massige, geschätzte 150 Kilo schwere Frau, er ein leichtgewichtiger, schmächtiger Mann. Ein Doppelsitz hätte nicht gereicht, um beiden ein komfortables Sitzen zu ermöglichen. Niemals hätte er neben seiner Frau genügend Platz gefunden. Zur Erleichterung für den Reiseleiter und mich, war gleich in der Nebenreihe ein Platz frei. Plötzlich musste die arme Frau zur Bustoilette. Durch diese enge Tür zwängte sich die Frau gerade noch mit aller Macht. Ein Herauskommen war aber ohne Hilfe, ganz und gar unmöglich. Ich war gezwungen anzuhalten und die verflixte Tür zu demontieren. Gemeinsam zogen, zerrten und schoben wir die Bedauernswerte wieder in die Freiheit. Auf dieser Fahrt hatte diese Dame absolut keine Lust mehr, das gewisse Örtchen aufzusuchen.

Titel: „Action Abenteuer Autobus. Meine Zeitreise“
Autor: Gerhart Gschiel
Verlag: myMorawa


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