Das Märchen von Mailand

An der altehrwürdigen Scala erfüllte sich für Opernsängerin Theresa Zisser ein Traum nach dem anderen. Für prima! blickt die junge Oberwarterin zurück: auf Idol Diana Damrau, den Domplatz und Mailands Gemächlichkeit.
Eric Sebach
Foto: Ph. Marco Brescia & Rudy Amisano

Theresa Zisser (re) an der Mailänder Scala mit Krassimira Stojanowa.

 

„Träume nicht dein Leben, lebe deinen Traum“, heißt es so schön. Und diesem Motto folgt Theresa Zisser mit Beharrlichkeit. Unglaublich, wie schnell die junge Opernsängerin – geboren in Oberwart, aufgewachsen in Vorau – die Karriereleiter in den letzten eineinhalb Jahren erklommen hat.
Alexander Pereira höchstpersönlich, der Direktor der Mailänder Scala, hatte die Gesangsstudentin bei einem Vorsingen in Mailand „verpflichtet“ und was in den vergangenen 18 Monaten passierte, liest sich wie aus dem Bilderbuch. Engagement an der Akademie der Scala, die Rolle der „Papagena“ in der Kinder-Zauberflöte und im September des Vorjahres stand Theresa dann abermals als „Papagena“ im Original der Zauberflöte auf der Bühne. Die beiden letzten Gastspiele – als „Barbarina“ in „Le nozze di Figaro“ mit Dirigent Franz Welser-Möst sowie als „Tebaldo“ in Giuseppe Verdis „Don Carlo“ beschreibt das großartige Talent schlicht als „phantastisch“. Oder „wie im Traum“.
Jeder Schritt auf die riesige, legendäre Scala-Bühne sei „ein Schritt in die wunderbare Welt der Oper gewesen“, bringt es Theresa Zisser beim Interview in einem Wiener Kaffeehaus auf den Punkt. „Allein, wie in ‚Figaros Hochzeit‘, mit meinem Idol Diana Damrau gemeinsam singen zu dürfen, hat sich toll angefühlt“, schwärmt der 26-jährige Sopran in den höchsten Tönen. „Es war auch schön, von einigen großen Sängerinnen und Sängern Tipps zu bekommen, einfach an der Hand genommen zu werden. Unbezahlbar!“
Neben den Auftritten mit Diana Damrau hatte Theresa unter anderen in „Don Carlo“ die Ehre mit Krassimira Stoyanowa, Francesco Meli oder Ferruccio Furlanetto zu singen. „Ferruccio etwa erzählte mir bei der Kostümprobe, dass er für diese Rolle seit 1986 dieselbe Perücke trägt. Damals hatte er unter dem Dirigenten Herbert von Karajan sein Debüt gegeben.“

Wie stolz Theresas Eltern Hilde und Ferdinand sein dürfen, liegt auf der Hand. Wenngleich Papa Zisser, ein erfahrener Pädagoge, in weiser Manier die Bäume nicht im Himmel sehen will. „Wir freuen uns sehr mit unserer Tochter, aber schauen wir doch jetzt, wie weit sie es in diesem schwierigen Genre bringen kann.“

Ein weiser Ansatz, denn die „Don Carlo“-Produktion ist nach acht Vorstellungen mittlerweile abgeschlossen. Mit dem Kofferpacken in Milano beginnt für Theresa Zisser auch das Überlegen, wie es nach Abschluss des Master-Studiums im Sommer dieses Jahres in Wien weitergehen soll. Dass sie sich jetzt einmal auf die Rückkehr nach Österreich und viel gemeinsame Zeit mit ihrem Freund Michael – er studiert Trompete – freut, ist klar. „Aber gleichzeitig schau ich mir Angebote für die Zukunft an.“ Überlegungen, Engagements in Wien oder Graz anzunehmen, gehören genauso dazu wie ein neuerlicher Abstecher ins Ausland. „Wenn man als Sängerin Karriere machen möchte, sollte man nicht zu oft ‚Nein‘ sagen“, betont Theresa. „Andererseits habe ich auch die Worte großer Kollegen im Ohr, die mir geraten haben, die Balance zwischen Berufs- und Privatleben zu wahren. Schauen wir einmal, was in den nächsten Wochen passiert, ich mach mir da nicht zu viel Druck.“
Der Druck der „Branche“ ist so oder so immer und überall. Operngesang hätte viel mit Spitzensport zu tun, meint Theresa. „Man muss sich jeden Abend aufs Neue beweisen und steht unter enorm hohem Bewertungsdruck. Klar, die Scala hat große Reputation – da ist es unerheblich, wie gut es einem persönlich geht oder ob gerade ein naher Verwandter gestorben ist.“ Umso schöner ist es natürlich, wenn einem die große Anna Netrebko nach einer Vorstellung gratulieren kommt. „Das war im Rahmen eines Akademie-Konzertes an der Scala“, lächelt Theresa. „Gratuliere, hat mir gut gefallen“, ließ sich Grande Anna damals gar zu ein paar Worten Deutsch hinreißen.

Das imposante Mailand hat Theresa aber nicht nur wegen der großartigen Zeit an der Scala in bester Erinnerung – „allein der Espresso macchiato im Brera-Viertel oder der malerische Domplatz sind immer eine Reise wert. Die Gegend um den Dom bei Tag und Nacht und jedem Wetter zu erleben – einfach herrlich“, ist Theresa ganz schnell wieder in Superlativen unterwegs.

Dafür hat sie auch gerne den typisch „Italian way of life“ in Kauf genommen. „Etwa an der Supermarkt-Kassa, wenn eine Dame ein paar Minuten länger zum Einpacken braucht und sich niemand aufregt. Oder wenn die Rolltreppe bei der U-Bahn-Station laut Plakat in zwei Wochen repariert sein sollte – das Ding aber erst nach zwei Monaten wieder läuft.“ Vieles, so Theresa, ist eben ein wenig gemächlicher als in Österreich – und dennoch sehr gemütlich.

Portrait aus Ausgabe 03/2017


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