Die Frau am Bau

Tamara Ploy ist fürs „Grobe“ zuständig. Stahlbetondecken, statische Berechnungen und Betonrüttler sind ihr tägliches Brot. Sie ist technische Zeichnerin. Untypisch weiblich? Nicht wirklich, denn die starren Grenzen der stereotypen Geschlechterrollen werden langsam aber sicher aufgebrochen. Die Rauchwarterin macht ihre Arbeit ausgezeichnet und bringt mit ihrer weiblichen Seite viele Vorteile in ihr berufliches Umfeld. Zwischen Büroarbeit und Baustellen hat sie ihren Platz gefunden und reflektiert so den Wandel in der Gesellschaft: Frauen bleiben Frauen, aber sie können in so manch angestammter Männerdomäne ihren Mann stehen, ungeachtet ihres Geschlechts.
Nora SCHLEICH / 1. März 2019
Foto: Lexi

 Ing. Tamara Ploy mit Günther Schoditsch (Bauleiter der Firma Adelmann) bei der Bewehrungsabnahme der Decke über dem Erdgeschoß beim Um- und Zubau des ehemaligen Gasthaus Rose in Rechnitz (OSG-Baustelle)

 

„Frauen müssen mehr leisten, um in einer Männerwelt gesehen zu werden“, sagt Tamara Ploy aus Rauchwart. Immer noch passiert es ihr mit neuen Kunden, dass sie für die Sekretärin gehalten wird. Automatisch, nur weil sie kein Mann ist. Die technische Zeichnerin sagt dann: „Nein, die Baustelle betreue ich,“ und untermauert ihre fachliche Kompetenz mit einem sportlichen Überangebot an Skizzen, Berechnungen und Vorschlägen. So setzt sie sich durch und überzeugt. Die Spielregeln in ihrem Job sind klar: das Gegenüber einschätzen, sich beweisen und Vertrauen gewinnen. Die Strategien zum Erfolg sind aber situationsabhängig, und durch ihre emphatische Art ist Tamara meist erfolgreich. „Einfach nur aufzutreten wie männliche Kollegen, das reicht nicht aus,“ bestätigt sie und fügt lächelnd hinzu: „Auch weiblicher Charme hilft natürlich.“

Eine Gender-Frage sei die Berufswahl nicht, ist sich die Rauchwarterin sicher. Eher gehe es um Interessen und Begabungen, und das sei eine Sache des Typs. Tamara selbst ist nicht das typische Mädchen. „Ich bin eher burschikos. Auf mich ist der Beruf wie zugeschnitten,“ sagt sie über sich selbst. Schon in ihrer Hauptschulzeit war das Stricken im Handarbeitsunterricht purer Stress. „1996 habe ich mit der HTL in der Abteilung Bautechnik begonnen – die beste Entscheidung meines Lebens!“ Damals waren Frauen in Männerberufen noch eine Seltenheit. „Von etwa 40 Schülern in meiner Klasse waren nur sieben Mädchen“, erinnert sie sich. Heute sind in der Bauabteilung der HTL Pinkafeld etwa 25 Prozent weiblich, das Interesse ist zunehmend. „Vielleicht auch, weil mit Ulrike Hartler, der Abteilungsvorständin, ein weibliches Vorbild gefunden wurde“, erklärt Wilfried Lercher, Direktor der HTL Pinkafeld. Auch mit Initiativen wie dem „Girls‘ Day“ soll Mädchen ein technischer Beruf schmackhaft gemacht werden.

„Ein Generationenwechsel ist vollzogen – die Männerwelt hat viel gelernt“

Die Gesellschaft ist offener geworden. An den Anblick von Frauen auf Baustellen haben sich die meisten gewöhnt. „Vor 15 Jahren war noch alles sehr festgefahren. Als Frau wurde ich in meiner Anfangszeit am Bau angestarrt und gemustert. Heute sieht man viel mehr Frauen, sei es als Architektinnen, bei Ausschreibungen, in der Ausführung und sogar auf den Baustellen. Es gibt nun auch Mädels, die eine Maurerlehre machen. Vor zehn Jahren war das undenkbar,“ beschreibt Tamara Ploy einen Trend, den sie unterstützt. Sie würde Mädchen zu einer Karriere in ihrer Branche raten, aber nur mit den richtigen Voraussetzungen. Selbstbewusstsein und Durchsetzungsvermögen seien genauso wichtig, wie ein rationaler und pragmatischer Denkansatz. Dafür locke ein breit gefächerter und abwechslungsreicher Alltag, sagt sie begeistert. Auch der Schmäh läuft auf der männlich dominierten Baustelle nicht anders als unter Frauen, versichert die 36-Jährige.

„Für Gefühlsausbrüche bleibt in der Männerwelt wenig Platz“

Ganz gleich ticken die Geschlechter freilich nicht. Wenn Tamara aus ihrer Erfahrung eine klischeehafte Aussage treffen müsste, würde sie sagen: „Männer sind geradliniger. Private Gespräche gehen nicht so in die Tiefe, wenn sie überhaupt stattfinden. Außerdem geben Frauen Fehler eher zu“, beschreibt sie ihre Beobachtungen mit einem Augenzwinkern. Ihr weiblicher Input hat ohne Zweifel Auswirkungen auf ihre Baustellen. Tamara nimmt sich Zeit, fragt gerne nach und beschert mit ihrem Einfühlungsvermögen „ihren“ Arbeitern dadurch ein sozialeres und facettenreicheres Umfeld.

Umgekehrt hat auch die Baubranche Tamara verändert. Sie ist nun selbstsicherer und kritikfähiger als früher. Dass sie manchmal mehr leisten muss als ein Mann mit demselben Können, das nimmt sie hin. Tamara Ploy hat ihren Traumberuf im klassisch männlich dominierten Baugeschäft gefunden und ist langsam an einem Punkt angekommen, an dem sie nicht mehr um Anerkennung und Respekt kämpfen muss.


Ing. Tamara Ploy
ist technische Zeichnerin im Bereich Statik bei der Firma Höhenberger Engineering in Oberwart.

Girls' Day 2019
BURGENLAND: Was ist der Girls’ Day?

Der Girls’ Day ist ein internationaler Aktionstag, der jedes Jahr am vierten Donnerstag im April stattfindet. An diesem Tag können Mädchen in handwerkliche, technische oder naturwissenschaftliche Betriebe schnuppern und dabei Neues ausprobieren, ihre Fähigkeiten erforschen, Berufe kennen lernen und wichtige Kontakte knüpfen. Eine Teilnahme am Girls’ Day ist im Burgenland mittels Anmeldung über die Schule zwischen dem 25. April und dem 19. Juni 2019 möglich.

Zur Vorbereitung für Mädchen:
• Deine Schule/Lehrerin meldet dich zum Girls' Day an!
• Kläre im Vorfeld mit deinen Eltern ob du teilnehmen kannst!
• Nimm mit deinem Girls’ Day Betrieb vorher Kontakt auf!
• Erkundige dich, wer deine Ansprechperson ist und frage sie nach Uhrzeit und Treffpunkt am Girls’ Day.
• Informiere dich, was du mitbringen sollst und ob besondere Kleidung notwendig ist!
• Tipp: Bereite dir eine Liste mit Fragen vor, die du am Girls’ Day stellen willst!
• Organisiere mit deinen Eltern gemeinsam die Fahrt zu deinem Girls’ Day Betrieb
Gib die von einem Elternteil unterschriebene Einverständniserklärung bei deiner Lehrerin ab!

Infos an die Eltern:
Sie sind bei der Berufswahl Ihrer Tochter besonders wichtig. Denn wenn es um die eigene Berufswahl geht, verlassen sich die meisten Jugendlichen auf das Urteil Ihrer Eltern.
Ihre Tochter ist zwischen 13 und 16 Jahren alt? Und Sie würden sie gerne bei ihrer Suche nach einem für sie geeigneten Beruf unterstützen, sie auf eine breite Palette an beruflichen Möglichkeiten aufmerksam machen und Ihre eigenen Berufserfahrungen mit einbringen?

Der Girls’ Day bietet für Ihre Tochter eine besondere Gelegenheit, Einblick in für sie noch fremde Berufswelten bzw. in untypische Frauenberufe zu erhalten. Sie kann in ungewöhnliche und zukunftsorientierte Berufsfelder hineinschnuppern und damit ihren Horizont an Berufswahlmöglichkeiten erweitern. Am Girls’Day erhält sie einen praktischen Einblick in Handwerk, Technik, Naturwissenschaften oder Informationstechnologie.

Nähere Infos: www.girlsday-burgenland.at
STEIERMARK: Aktion zum girls’ day 2019


Girls' Day 2019
Am Donnerstag, 25. April 2019
Ein Aktionstag für steirische Schülerinnen der 7. und 8 Schulstufe aller Schularten!
Die telefonische Anmeldung für Mädchen ist an zwei Tagen im März 2019 möglich:
Donnerstag, 28. März 2019 in der Zeit von 14:00 – 18:00
Freitag, 29. März 2019 in der Zeit von 14:00 – 18:00

Du besuchst die 3. oder 4. Klasse an einer steirischen Schule?
Dann nutz die Chance und nimm teil am Girls' Day 2019.
Das ist heuer der Donnerstag, 25. April 2019.
An diesem Tag kannst du ausprobieren ob ein handwerklich-technischer Beruf dein Interesse weckt.
Du kannst im Rahmen der Schule einige Stunden in einem der teilnehmenden Unternehmen verbringen und schauen, ob einer der Berufe zu dir passt.
Das Unternehmen darfst du dir selbst aussuchen.

Nähere Infos zur Anmeldung und bei welchen Betrieben du reinschnuppern kannst findest du unter: www.girlsday.berufsorientierung.at

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