Die Oma fleht: „Bitte, hör’ auf damit“

Vanessa Wagner steht gerne auf der Showbühne – und lässt doch am liebsten beim Crossfit die Sau raus: Besessen davon, tagtäglich die eigenen Grenzen auszuloten. prima! Redakteur Eric Sebach hat die Extremsportlerin getroffen.
Eric Sebach
Foto: Birgit Chytracek

Vor drei Jahren hat Vanessa Wagner mit Crossfit begonnen. Seither trainiert sie drei Stunden täglich.

 

Viele kennen sie als hübsche Sängerin in Mamas Band „Anita & Friends“, in der sie auch ihr Können am Keyboard beweist. Die musikalische Karriere ist bei Vanessa Maria Wagner, Tochter von Song Contest-Teilnehmerin Anita Wagner, aber längst in den Hintergrund getreten. Denn die 27-jährige Oberwarterin hat sich nach erfolgreichem Studium der Sportwissenschaften ganz einer Plagerei namens „Crossfit“ verschrieben. Nie gehört? Ok. Allein beim Googeln kapiert man jedenfalls gleich, dass das nichts für zarte Mädchen ist, sondern eher für Männer. Und Power-Ladies.

Sportlich war sie ja schon immer. Surfen, Snowboarden, Rock‘-n-Roll-Akrobatik, Mountainbiken und Motocrossfahren – „ich hab‘ die Action gesucht“, lächelt sie. Als sie vor gut drei Jahren mit Crossfit zum ersten Mal in Berührung kam, war das offenbar Bestimmung. Unter Crossfit versteht man „Grenzen des Körpers ausloten“, wie es Vanessa Wagner treffend beschreibt. Laufen, Rudern und Sprungschnur sind lediglich eine Basis. So richtig die Sau rauslassen darf man dann beim Olympischen Gewichtheben, mit einer 16 Kilo schweren Kugelhantel, an den Ringen oder am Reck. 40 Klimmzüge am Stück, das ist für Vanessa, die für internationale Wettkämpfe täglich drei Stunden schuftet und ihr Geld als Teilhaberin eines Crossfit-Studios in Wien verdient, natürlich kein großer Auftrag mehr.
65 Kilo Gewicht sind bei ihr auf 1,70 Meter ideal verteilt. „Mittlerweile kenn‘ ich jeden meiner Muskel“, lacht sie, „denn es gibt Tage, an denen du wegen des harten Trainings nicht einmal die Schulter heben kannst.“

Sie will zur Europameisterschaft
Kein Wunder, dass die Oma schon seit Jahren fleht „Bitte, Vanessa, hör‘ auf damit!“ Dafür hat die ambitionierte Enkelin aber nicht wirklich ein Ohr. Im Gegenteil: Um bei den „Crossfit Regionals“ im Sommer 2018, der inoffiziellen Europameisterschaft, dabei zu sein, rackert Vanessa wie verrückt. Bis Ende März kann man sich in fünf beinharten Workouts qualifizieren, da lässt sich Vanessa auch von Rückenschmerzen oder einem beleidigten Handgelenk nicht aus der Spur bringen. Motto: „Schauen, wie weit man seinen Körper treiben kann.“ Sixpack, Muskelmasse seien nur eine nette Begleiterscheinung. Das Wichtigste ist für Vanessa ausgeglichen stark zu sein. Keine einzige Schwäche zu zeigen und sagen zu können „Ich bin noch besser und stärker als im letzten Monat“
Der Lohn? Ein Staatsmeistertitel, internationale Podestplätze, ein paar Euro Preisgeld? „Naja“, überlegt Vanessa nicht lange, „eher mein ständiger Drang nach Grenzerfahrung.“ Wenn sie wieder einmal vor Erschöpfung am Boden liegt, kaum noch Luft bekommt.

Vom T-Shirt ins Cocktailkleid
Dass Vanessa auf Schokolade, Fast Food und sonstige Essens-Sünden achten muss, liegt auf der Hand. Lächeln muss sie über die Aussage manches weiblichen Trainingsgastes im Studio in Wien. „Sag, Vanessa, ich würde ja gerne bei euch trainieren. Aber so ausschauen wie du, will ich nicht …“
„Keine Sorge“, sagt sie dann, „da müsstest du drei Stunden pro Tag trainieren und soviel Zeit hast du für Crossfit gar nicht.“ Mehr als ein Achselzucken hat sie auch für die gerade zu Ende gegangene PULS 4-Staffel der „Ninja Warriors“ nicht übrig. „Ich war eingeladen, konnte aber wegen einer kleinen Verletzung nicht antreten. Im Nachhinein muss ich sagen: macht nichts, denn es war eher TV-Show als Wettkampf, sportlich also nicht ernstzunehmen.“
Da tauscht Vanessa lieber ein- bis zweimal im Monat das verschwitzte T-Shirt mit einem Cocktailkleid, schlüpft in die High-Heels und steht mit Mama Anita auf der Showbühne. Bei Hochzeiten, Firmenpartys oder in Hotels. „Das ist das andere Extrem, macht aber auch viel Spaß.“

Portrait aus Ausgabe 01/2018


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