„Die Vernunft schalte ich aus“

Österreich queren, in 30 Tagen und zwei Etappen. Dieses Projekt hat Gudrun Krautsack heuer abgeschlossen.
Die „irrsinnige Geherin“, wie sie sich selbst bezeichnet, ist von ihrer Heimatgemeinde Kemeten aus Richtung Norden gestartet, dann in den Nordalpinen Weg 01 eingestiegen und am Ende im Bregenzerwald in Vorarlberg angekommen.
Nora SCHLEICH / 28. August 2018
Foto: Nora Schleich


Für ihre Tour durch Österreich hat Gudrun Krautsack aus Kemeten täglich 40 Kilomter zurückgelegt. Ihr nächstes Ziel ist der Jakobsweg

 

Die Fakten sind beinahe nicht fassbar:
1.000.700 Schritte ist sie gegangen, 1.200 Kilometer hat sie zurückgelegt. Aber wenn sie erzählt, wird das Ausmaß dieser Geschichte klar.

2017 hat das Projekt „Österreich queren“ für Gudrun Krautsack begonnen. Damals ist die Kemeterin bis Werfen gegangen, hat sieben Kilogramm Körpergewicht in 14 Tagen abgenommen und am letzten Tag ist ihr auch noch das Geld ausgegangen.

2018 hat sie jeden Tag zwei Liter Milch getrunken um ihr Gewicht halbwegs zu halten und sie hat auch mehr Geld mitgenommen.

Diesmal hat sich die Mutter von fünf erwachsenen Söhnen aber sehr bewusst von ihrer Familie verabschiedet, denn die Berge sind gefährlich, vor allem wenn man sie alleine quert. „Es war mir klar, dass so manch einer nicht zurückgekehrt ist. Und ich bin alles andere als eine Berghex! Ich bin ein Landei, das ohne Navi über die Berge wollte!“ Den Weg zeigten ihr Karten, Tafeln, Wegzeichen und nette Bergleute. 40 Kilometer ist sie täglich gelaufen und 2.000 Höhenmeter hat sie dabei jeden Tag überwunden. Das alles mit über zehn Kilogramm Ballast am Rücken und bei jedem Wetter. Sieben Kilometer pro Stunde ist dabei ihre durchschnittliche Geschwindigkeit, auch bei zwölf Stunden Marsch am Tag. Da blieben Blasen und geschwollene Knie nicht aus.

„Ich würde das niemandem zumuten“

Viele haben gefragt, ob denn nie der Moment gekommen sei, in dem sie gezweifelt hat. „Nein“, sagt sie. „Ich schalte die Vernunft aus, wenn ich gehe. Anders geht es nicht. Die Gewitter am Berg sind gefährlich, es ist kalt und Essen bekommt man auch nicht regelmäßig.“ Manchmal war sie so nass, dass sie gelaufen ist, um trocken zu werden. Nur etwa alle fünf Stunden kommt eine Berghütte und nicht alle haben geöffnet. „Und auch verirrt habe ich mich. Dann drehst du um und suchst den Weg.“

Geschlafen hat sie nicht immer in Lagern. In den restlichen Nächten dienten Kuhställe, Marterl, Futterkrippen oder auch eine Liftstation als Nachtlager. Warum also tut man das? „Weil das Glück durch den Erfolg größer ist als die Belastung“, so der Sportjunkie.

„Ich bin ein Glückskind“

Nicht jeder darf das erleben, was sie erlebt hat. „Den Klettersteigen entlang, im Schneegebiet über der Baumgrenze ist die Natur anders“, bestätigt die zierliche und äußerst sehnige Frau. An Wasserfällen vorbei sind ihr besonders Pflanzen und Schmetterlinge aufgefallen. Aber auch Steinböcke, Murmeltiere, Kühe und Pferde haben ihren Weg gekreuzt. Getrunken hat sie Gebirgswasser aus Quellen. Und bei jedem Kreuz und Marterl ist sie stehengeblieben und hat zu ihren Schutzengeln gebetet. „Ich gebe mein Bestes, aber ein bisschen müsst ihr mich begleiten“, hat sie dann gesagt.

Gudruns eigentliches Ziel ist der Jakobsweg. Davor wollte sie aber die österreichischen Berge überwinden. Das hat sie nun geschafft und ihre Erkenntnis am Ende ist: „Österreich ist traumhaft.“ Die Frau ist mutig, aber auch ein bisschen verrückt.


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