Ein wenig über Gott, viel über die Welt ..

Von Krautfleckerl, dem „Rund-um-Dienst“ und einem Jubiläum – was Pfarrer Dietmar Stipsits den Menschen sagen möchte. Und warum der Beruf des Priesters nicht unbedingt ein Traumjob ist.
Eric Sebach
Foto: zVg

Dietmar Stipsits ist ein Pfarrer der „neuen“, weltoffeneren Generation.

 

Bad Tatzmannsdorf, Kirchenstraße 15. Ein prima!-Besuch bei Pfarrer Dietmar Dominik Stipsits. „Grüß Gott! Bitte kommen‘s weiter“, öffnet der 46-jährige Seelsorger freundlich seine Wohnungstür. Übrigens, mit dem Schauspieler und Kabarettisten Thomas Stipsits ist der gebürtige Stegersbacher nicht verwandt. Aber auch er scheint einer zu sein, der auf die Leut‘ zugeht. Das kann man bereits nach wenigen Augenblicken erkennen – und an dieser Einschätzung ändert sich im Laufe des Gesprächs „über Gott und die Welt“ wenig. Weil wir es uns gerade am Esstisch gemütlich machen – eine Köchin gibt es in dieser klassischen Junggesellen-Wohnung offensichtlich nicht. „Stimmt“, lächelt der gertenschlanke Herr Pfarrer. „Manchmal nehme ich gerne Einladungen an, hie und da geh‘ ich ins Restaurant und zwei, drei Mal in der Woche koch‘ ich selber.“ Da steht dann von Krautfleckerl über Gemüseaufläufe bis zu Henderl oder Schnitzel alles Mögliche am Tisch. Wie das schmeckt? „Naja, ob ich mich trauen würde, etwas einer breiten Öffentlichkeit zu kredenzen, weiß ich nicht“, grinst Dietmar Stipsits. „Für meinen Geschmack passt es jedenfalls.“ Und das klingt auch recht überzeugend.
Wir reden über Gott, viel mehr aber über die Welt. Schön, dass der promovierte Theologe, der heuer im Juni sein 20-jähriges Priesterjubiläum feiert, mit kritischen Fragen kein Problem zu haben scheint. Im Gegenteil. Obwohl sich Dietmar Stipsits in seinen drei Pfarrgemeinden (Bad Tatzmannsdorf, Mariasdorf, Bernstein) und den insgesamt 16 (!) Filialgemeinden über leere Gotteshäuser nicht beklagen muss – auch er schlägt den einen oder anderen kritischen Ton an. „Ich erkenne bei vielen eine Art Verdrossenheit, beinahe eine Lebensangst. Menschen fragen sich offenbar immer öfter, wie es mit der Politik, dem eigenen Standard oder generell der Welt weitergehen wird. Und was einem dabei Gott und die Kirche bringen!?“

Neue Herausforderungen – neue Wege
Offenbar, so Stipsits, fällt es immer schwerer, diese „frohmachende, lebensbejahende Botschaft“ weiterzugeben. „Dieses ‚von oben herab‘-Predigen, wie es in den 60er- oder 70er-Jahren noch bestens funktioniert hat, kommt heutzutage nicht mehr an“, betont dieser Pfarrer, der einer durchaus neuen, modernen Generation anzugehören scheint. „Die Frage ist komplex: Was haben wir den Menschen zu sagen? Wie vermitteln wir es ihnen? Und wie viel Bereitschaft gibt es, diese Botschaft überhaupt anzunehmen? In einem Alltag, der von Jahr zu Jahr stressiger wird, schon aufgrund des steigenden Leistungsdrucks im Berufsleben kaum noch Zeit für den einzelnen lässt, wird etwa der Besuch des Gottesdienstes immer weniger wichtig.“
OK. Nicht böse sein, Herr Pfarrer, aber warum sollte ich denn am Sonntagvormittag zu Ihnen in die Kirche kommen?
„Eine gute Frage!“, nickt Stipsits. „Man erfährt bei uns Gemeinschaft und schöpft Kraft beim Anhören von Gottes Wort.“

Viel hängt laut Stipsits aber auch davon ab, wie ein Priester den Gottesdienst gestaltet. „Mein Ziel ist es, Worte aus der Bibel so weiterzutragen, dass die Menschen auch in der heutigen Zeit etwas damit anfangen können. Nehmen wir das Beispiel von Geschiedenen, die oftmals zu neuen Partnern und Beziehungen finden. Da bin ich klar dafür, die Bibel wirklich wörtlich zu nehmen: Dort heißt es nämlich ‚Was Gott verbunden hat, soll der Mensch nicht trennen‘. Es heißt ‚soll‘ und nicht ‚darf‘, wie es in der Weltkirche geregelt zu sein scheint.“ Die Kirche, so Stipsits, habe die Aufgabe „keinen Menschen fallen zu lassen!“ Also im Falle einer neuen Beziehung „die Tür zu öffnen und auf Wunsch Mann und Frau eine Segnung zuteil werden zu lassen.“ Klingt sehr vernünftig.

Das Priesteramt, ein Traumjob? „Jein“, antwortet Dietmar Stipsits etwas vorsichtig. „Was die schöne Aufgabe als Seelsorger betrifft, auf alle Fälle. Aber wenn man sich die viele Bürokratie anschaut, das Alleine-Leben, die wenige Zeit für einen selber, darf man das Ganze hinterfragen. Muss man sogar! Pfarrer zu sein ist ein Rund-um-Dienst, sieben Tage die Woche.
Und keiner weiß, wie weit sich der Seelsorgeraum, also das Aufgabengebiet, in den nächsten Jahren noch vergrößert.“

Portrait aus Ausgabe 04/2017


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