Eine starke Frau

Dies sollte eine Geschichte werden, die Mut macht. Die davon erzählt, dass es sich lohnt, weiterzumachen. Nicht den Kopf hängen zu lassen, egal was kommt. Letztendlich ist es vor allem eines: Die Geschichte einer starken Frau und die Geschichte einer wahrhaft großen Liebe, die hält, was man sich bei der Hochzeit verspricht: In guten wie in schlechten Zeiten zueinander zu halten und füreinander da zu sein.
Olga SEUS / 4. Juli 2019
Foto: Olga Seus

Wenn Elfriede Bruchmann in ihr Handbike steigt, sitzt jeder Handgriff. Hilfe hat sie da schon lange nicht mehr nötig.

 

 

Es gibt diese Momente im Leben, kleine scheinbar unbedeutende Momente, die alles verändern können. Eine kleine Unachtsamkeit, wie sie jedem jeden Tag passieren kann. So wie der Fehltritt, den Elfriede Bruchmann aus Pöllau im April 2005 bei Reparaturarbeiten im heimischen Heuboden machte. Eigentlich kannte sie den Boden, und doch stolperte sie und fiel rücklings durch die Futterluke, drei Meter tief und stürzte auf Beton. Bei vollem Bewusstsein merkte sie, dass sie ihre Beine nicht spürte. Mit Verdacht auf Wirbelverletzung wurde sie mit dem Hubschrauber nach Graz geflogen, OP, schließlich Tiefschlaf. Beim Erwachen sagte ihr der Chirurg ins Gesicht, dass sie eine komplette Querschnittslähmung habe und nie wieder gehen könnte. Die anfängliche Hoffnung war, im Halbschlaf geträumt zu haben, das allmähliche Aufwachen ließ die Aussage zur schlimmen Wahrheit werden.

Die erste Zeit nach dem Unfall – Akzeptanz des Geschehenen und ein neuer Alltag

„Es dauerte ein gutes Jahr, bis ich es wirklich akzeptieren konnte.“ Zwei Dinge halfen ihr dabei: der sechs-monatige Aufenthalt in der Rehaklinik Tobelbad. Dort lernte sie, ihren Alltag zu gestalten: Aufsitzen, anziehen, Toilettengang mittels Katheter, Autofahren mit Spezialumbauten und verschiedene Behindertensportarten wurden vermittelt. Viele Kräftigungsübungen für die Armmuskulatur, psychologische Betreuung. Das zweite, was Elfriede Bruchmann stützte, war die Liebe ihres Mannes. Dieser nahm bereits während ihres Klinikaufenthaltes Umbauarbeiten am Haus vor, zusammen mit seiner Elfriede erfolgte dann im Jahr darauf der restliche behindertengerechte Umbau von Küche und Bad. „Mir war es von Anfang an wichtig, schnell wieder selbstständig zu werden.“

Elfriede heute – 14 Jahre nach dem Unfall

Sie sieht einen ganz gerade an. Aufrecht sitzt sie in ihrem Rollstuhl. Wenn man sie nun, 14 Jahre nach ihrem Unfall trifft, gewöhnt man sich rasch das übliche Klischee ab, dass man einem behinderten Menschen helfen will. So selbstverständlich und schnell kommt sie in ihrer Welt zurecht, dass man eher schauen muss, nicht im Wege zu stehen oder gar überrollt zu werden. Jeder Handgriff sitzt. Das Geschehene hinterfragen? Keine Spur mehr. Wo vor dem Unfall die Melkkammer für die Milchkühe war, ist die Garage für das Handbike. Etwa ab Weihnachten wird indoor trainiert, im Sommer ist sie drei bis vier Mal die Woche im bergigen Pöllauer Umland unterwegs. Um die drei Stunden, bis zu 40 km, je nachdem, wie viele Höhenmeter sie fährt. Alles nur über die Kraft ihrer starken Arme. „Man muss doch schauen, dass man was macht“, so Elfriede fröhlich. Jetzt, mit 59 Jahren hat sie sich einen kleinen Hilfsmotor geleistet, denn die eine Schulter zeigt altersbedingte Abnutzungserscheinungen.

Ein Bekenntnis zur Liebe

Nach dem Unfall stellte ihr Mann von Milchkühen auf Mast um, schließlich 2011 auf Futtermittelherstellung, Obst und Schnapsbrennen. Ob es irgendwelche Streitigkeiten gab wegen des Unfalls? Keine Spur! „Mein Mann stand immer hinter mir. Und das ist auch enorm wichtig. Dass das Umfeld passt und einen unterstützt. Bei mir war es eben der Franz und auch eine meiner Schwestern, mit der ich immer alles bereden kann und überhaupt meine Verwandten und Freunde, die zu mir gestanden und mich unterstützt haben.“

Ob es nun etwas gibt, das Elfriede nicht kann? „Ich habe bis heute noch nie allein getankt“, gibt sie zu. Das darf der nette Tankwart in Pöllau machen, der sie schon kennt oder eben ihr Mann Franz. Manchmal bedeutet Liebe einfach, dass man dem anderen das Auto betankt.

 

Info

In Hartberg gibt es für Menschen mit Behinderung den Verein BSG Hartberg- Behindertenselbsthilfegruppe. Ziel dieses Vereins ist es, eine Anlaufstelle für Menschen mit Behinderung zu sein, auf deren Frage und Wünsche einzugehen, aber auch konkret deren Situation zu verbessern und optimale Rahmenbedingungen zu schaffen, um auch behinderten Menschen „die größtmögliche Selbstständigkeit und Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu ermöglichen“. Dabei stehen u.a. auch gemeinsame Ausflüge und Wanderungen in gemischten Gruppen behindert wie nicht-behinderte Menschen, oder der alljährliche Motorradausflug (Motorradfahrer nehmen Rollstuhlfahrer als Sozius mit und machen eine Ausfahrt), gemeinsame Handbikeurlaube, aber auch Aufklärungsbesuche in Schulen auf dem Programm.

Informationen zum BSG Hartberg gibt es hier bzw. unter der Postadresse:
BSG Hartberg, Sparkassenplatz 4, 8230 Hartberg,
Tel: 03332-65405,
Mail: info@bsgh.at

 


Den Wind um die Nase und unabhängig im eigenen Bike fühlt sich Elfriede Bruchmann am wohlsten.

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Dem Schicksal die Stirn bieten…

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