„Fußball ist viel mehr als nur ein Sport“

Seine erste Ehe ist dem Beruf zum Opfer gefallen, für die Familie hatte er immer zu wenig Zeit. Dennoch würde Hans Huber sein Leben noch einmal genau so führen, denn „es war mein Leben“, sagt er überzeugt. In diesem außergewöhnlichen Dasein hat er viel bewegt. Schirennen hat er kommentiert, ebenso wie Olympische Spiele, die Tour de France hat er ein Jahrzehnt lang begleitet und aus dem Fußball ist seine Stimme nicht wegzudenken. In Erinnerung ist vor allem das Spiel Österreich gegen Israel geblieben, bei dem Hans Huber im Jahr 2001 mit Orangen und Steinen beworfen worden ist. Seine Einleitung zum WM-Qualifikationsmatch gegen Schweden im Jahr 1997, bei dem ihm die Rückkoppelung des Lautsprechers im Ohr zu schaffen gemacht hat, ist ebenfalls legendär. „Ich weiß, dieser Kommentar über ‚die Schweeeeeden‘, der wird mir bleiben!“, lacht er und imitiert die Intonation von damals. Im Gespräch mit prima! lässt er uns an diesen und vielen weiteren Erfahrungen teilhaben.
Nora SCHLEICH / 27. August 2020 / Podcast am Seitenende
Foto: Nora Schleich

Hans Huber ist mittlerweile im „Unruhestand“. Immer noch schreibt er Artikel für Sportzeitungen und gibt Medienschulungen.

 

Wenn er zu sprechen beginnt, verrät seine Stimme sofort seine Identität. Er hat die Sportberichterstattung geprägt, hat ihr seinen Stempel aufgezwungen. Sein Steckenpferd ist der Fußball. „Der Kommentator ist die Hilfe für den Zuschauer. Warum läuft das Spiel wie es läuft? Warum kommt er über rechts? Warum machen sie das Mittelfeld dicht? Fußball ist nur interessant, wenn man das versteht,“ erklärt Huber mit Begeisterung. Kaum jemand versteht so viel von der sportlichen Landschaft in Österreich wie er.

Hans Huber war beim Kurier, bei der APA, schrieb für die Presse, aber seine Karriere ist unmittelbar mit dem ORF verbunden. „Dabei habe ich diese Zusammenarbeit in den Sechzigern schon als beendet gesehen. Damals gab es noch Fernschreiber, Schreibmaschinen und Durchschlagpapier. Der ORF hat die Sendungen ihn den Sechzigern noch in Baracken in Schönbrunn produziert, der Küniglberg kam erst viel später. Meine erste Aufgabe war es, eine Sportmeldung zu verfassen und zur ZIB zu bringen. Gesagt getan, nur habe ich die linke Baracke mit der rechten verwechselt und stand plötzlich mitten in einem Fernsehspiel. Eine Stimme aus einem Lautsprecher sagte dann: ‚Kann dem Narren jemand sagen, wo die ZIB ist!‘“ Ende gut, alles gut – Huber blieb nicht nur beim ORF, sondern hat seinen Weg als Reporter, Kommentator und Moderator gemacht, bis er schließlich zum ORF-Sportchef aufstieg.

„Es war eine Pionierzeit“

„Wir sind gefahren wie die Formel 1 Piloten – teilweise über gesperrte Autobahnen – um die Filmrollen (bis 1980 wurde noch auf Film produziert) auf den Küniglberg zu bringen. Der Zuseher hat das Spiel frühestens am Abend des nächsten Tages im Fernsehen gesehen. Wir haben Pionierarbeit geleistet, in vielen Dingen“, resümiert Huber. Heute prägt daher eine Vielzahl von Anekdoten seine Erinnerungen und der Vergleich zwischen damals und heute bleibt nicht aus. Wie selbstverständlich durfte Hans Huber früher nach einem Match in die Kabine, Interviews mit nackten Spielern unter der Dusche waren keine Seltenheit. Bei der WM 1978 in Cordoba konnte er Ernst Happel, damals Trainer der Holländer, ein Interview abringen. „Er ist am Weg zur Pressekonferenz bei mir stehen geblieben und hat zu seinen Begleitern gesagt: ‚Wartet kurz, das ist mein Freund‘. Fast acht Minuten haben wir im Interview über Österreich und die WM philosophiert. Die Pressekonferenz hat er dann übrigens nicht mehr gegeben. Er ist direkt an die Bar gegangen.“ Somit hatte Huber neben dem holländischen Fernsehen das einzige Interview vom Trainer der damaligen Vize-Weltmeister. „Es war eben eine persönliche Sache. Ich habe Ernst Happel oft im Ausland besucht. Ich habe ihm dann immer Liptauer und Veltliner mitgebracht“, so ein Nebensatz.

„Ich habe die Distanz immer gewahrt, wollte bleiben und niemanden schützen müssen“

Früher war vieles anders. Private Eskapaden der Spieler waren nicht gleich über soziale Medien im Umlauf. „Es gab natürlich Spione, die in einschlägigen Lokalen nachgesehen haben, welcher Spieler wie agiert. Profis gab es in dem Sinn damals keine. Die meisten hatten einen Beruf, den sie halbtags ausübten. Herbert Prohaska zum Beispiel hat vormittags in einer Austria-nahen Autowerkstatt als Mechaniker gearbeitet. Nachmittags wurde er für das Training freigestellt. Seine Eltern hätten nichts anderes zugelassen“, erklärt Huber, der mit Prohaska eine lange Freundschaft pflegt. „Mit ihm war die Sympathie von Anfang an da. Auch wenn ich kritisch kommentiert habe, haben wir am Ende immer wieder zusammengefunden“, so Huber. Überhaupt wären die Spieler früher viel näher am Publikum gewesen, führt er weiter aus.

„Heute sind die Vereine Wirtschaftsunternehmen“

„In den Sechzigern hat die Austria gegen Dynamo Moskau gespielt, 80.000 Zuschauer waren da. Ein Sekretär und eine Sekretärin haben an einem Tisch, vor dem tausende Fans angestanden sind, die Karten verkauft. Das war ganz normal, niemand hat sich beschwert. Heute wäre der online-Ticket-Verkauf nicht wegzudenken.“ Auch die Spieler müssen heute professioneller agieren. Sie müssen mehr, intensiver und wissenschaftlicher trainieren. Hans Huber schwenkt plötzlich ab in die fußballerische Vergangenheit unserer Nation. „Ich denke an das Wunderteam der frühen dreißiger Jahre. Wir waren zwei Jahre lang quasi ungeschlagen. Auch in der Nachkriegszeit haben wir international überzeugt, waren Dritter bei der WM 1954.“ Dass Österreich heute mit der absoluten Weltspitze nicht mehr mithalten kann, liegt für ihn auf der Hand. „Ein Topspieler bekommt mehr als ein Verein bei uns Jahresbudget hat. Das geht sich nicht aus.“ Dem Status des Fußballs in Österreich tut das keinen Abbruch. Und auch Hans Huber sieht sich in seiner Pension mit Begeisterung alle Spiele an. Im Gegensatz zu früher, wo er unparteiisch bleiben musste, kann er sich heute als „Austrianer“ deklarieren und mitfiebern – teils in Wien, teils in Grafenschachen, dem Heimatort seiner Frau. „Es gibt einfach keine Übertragung, die ich mir nicht kritisch und analytisch anschaue, aber immer mit Herz.“ Alles andere ist primär, würde Hans Krankl wohl dazu sagen.



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