„Ich weiß nicht, wo die Kraft herkam“

Ihr Aussehen ist bemerkenswert, ihre Offenheit bewundernswert. Nicht jeder würde so ehrlich über die Höhen und Tiefen eines sehr ungewöhnlichen Lebens erzählen. Sie hat viel erlebt: die Schrecken des Krieges, die Bombardierung Dresdens, die Entstehung der DDR und später ein nicht immer einfaches Leben an der Seite eines begnadeten Dirigenten. Es ist umso verwunderlicher, dass sie gerade jetzt die schwierigste Zeit ihres Lebens durchzumachen scheint. Sie lesen das Portrait einer Frau, die den Mut hatte, ungewöhnliche Wege zu gehen.
Nora SCHLEICH / 1. Oktober 2018
Foto: Nora Schleich

Ursula Albrecht – Abitur war ihr in der DDR der 50er Jahre verwehrt, als Fotomodell durfte sie aber arbeiten. Heute lebt die 1937 Geborene in St. Martin im Südburgenland.

 

Ihre Schritte sind klein und langsam. Ohne sich viel umzublicken, geht sie voraus – ihre Frisur perfekt, ihr Äußeres gepflegt und ihre Garderobe farblich abgestimmt.

Kaum am Esstisch in ihrem Haus in St. Martin angelangt, beginnt sie über ihr bewegtes Leben zu sprechen.
Ursula Albrecht wurde 1937 in Dresden in eine Künstlerfamilie hineingeboren. Ihr Vater war Maler, ihr Onkel der Opernsänger Paul Schöffler. Die Ideologie der Eltern war allerdings in der DDR nicht gerne gesehen. Auch sie selbst eckte an. „Ich habe Fragen gestellt und Fragen darf man in totalitären Regimen nicht stellen.“ Also entschließt sie sich mit 18 Jahren zu fliehen. Ihre Flucht führt sie zu ihrem Onkel Paul, der zu der Zeit in der Hofburg in Wien wohnt. So zieht sie in die Räume Maria Theresias.

Vorerst arbeitet sie in einem Heim für schwererziehbare Kinder, später als Kindermädchen für einen amerikanischen Botschaftsrat. Erst dann entschließt sie sich, an der Akademie für Angewandte Kunst Kostümbildnerin zu lernen. Ihr Onkel hat sie dabei nicht unterstützt. „Frauen würden nur verdorben am Theater, hat er gesagt, aber am Ende war er stolz, als ich zuerst in Salzburg engagiert wurde und dann am Burgtheater war.“

Stolz kann die Frau, die jahrzehntelang zwischen Berlin, Wien, Hamburg und St. Martin gependelt ist, auf ihr künstlerisches Talent sein. In einigen Galerien, wie der Galerie Prisma in Wien, hat sie ihre Aquarelle erfolgreich ausgestellt. Mit Mitte siebzig übrigens hat sie über die Leopold-Stiftung bei einer Ausschreibung für Aquarellmalerei ihre Werke eingereicht und wurde unter 1.500 Teilnehmern prompt ausgewählt. „Meisterin von morgen“ war der Titel der Ausschreibung. Nun malt sie nicht mehr. „Ich habe alles gemalt, was ich ausdrücken wollte“, sagt sie bestimmt.

„Die schlimmste Zeit ist jetzt, wo ich alleine bin“

2014 verstarb Ursulas Ehemann, Gerd Albrecht und ihr Blick verrät, wie sehr sie ihn vermisst. „Wir waren ein gutes Team. Er wollte siebzehn Töchter, aber zwei wundervolle Mädchen waren genug“, erzählt sie lächelnd. Leicht war es mit ihrem Mann nämlich nicht. Oft habe er sie betrogen. Die Scheidung aber wollte er nie. „Wir haben uns trotz allem geliebt und verstanden. Ich habe mich selbst dafür entschieden, ihn zu akzeptieren, wie er war. Ich war niemals Opfer.“ Als er gestorben ist, war sie wieder bei ihm und hat an seinem Bett gewacht.

Sie sei immer offen gewesen, immer ehrlich. Darum auch dieses Geständnis: „Ich war durchwegs stark – bin über den Dingen gestanden. Ich hatte nie wahre Tiefs und wenn, dann hab ich sie selbst gemeistert. Momentan lässt die Kraft aber nach. Ich bin deprimiert. Viele Leute haben Depressionen und reden nicht darüber.“ Ursula Albrecht bricht dieses Tabu. Sie sieht blendend aus, geschminkt und gepflegt. Es ist daher schwer zu glauben, dass diese starke Frau mit Depressionen zu kämpfen hat. Selbstreflektiert und offen sagt die 81-Jährige: „Ich verweigere momentan die mir verschriebenen Antidepressiva. Ich bin aber offen für alternative, pflanzliche Substanzen. Und es ist wichtig, im Dialog mit sich selbst zu stehen.“

So weiß sie auch, was ihr gut tut. Die im Sternzeichen Jungfrau geborene Wahl-Burgenländerin braucht Ordnung in ihrem Leben, um glücklich zu sein und genießt das Schöne in den Dingen. Sie schätzt den Garten, das stilvolle Anwesen in St.Martin, das sie übrigens ihre Heimat nennt oder auch frische Blumen am Tisch. „Ich brauche auch Menschen um mich, aber nicht so viele. Zwei bis drei Freunde, die ich verstehe und die mich verstehen. Das reicht.“ Außerdem hat sie ihre Töchter, eine in Wien, eine in Berlin.

„Ich erinnere mich gerne“

Heute engagiert sich Ursula Albrecht unter anderem mit Workshops an Schulen. Thema: die DDR – historische Ereignisse verknüpft mit persönlichen Erfahrungen. „Dresden hat sich verändert. Allgemein ist ein Rechtsruck zu spüren – auch bei uns. Ich sage den Schülern immer, sie sollen sich an vielen verschiedenen Medien orientieren, sich breitflächig informieren und sich dann aus allem eine eigene Meinung bilden. Die kann man auch mal korrigieren. Aufgeschlossen und offen sein, das ist wichtig!“

„Für die Zukunft wünsche ich mir, dass es mir psychisch wieder besser geht. Körperlich geht es mir ja blendend.“

Über die Frage, ob sie rückblickend etwas anders machen würde, denkt sie kurz nach. „Nein!“, sagt sie. Ursula Albrecht ist immer ihrem Intellekt und ihrem Herzen gleichermaßen gefolgt und hat mutige Entscheidungen getroffen. Vielleicht ist das ja jenes Elixier, welches sie so attraktiv macht, jung gehalten hat und ihr auch die Kraft verleihen wird, ihr gegenwärtiges „Tief“ zu überwinden. Auch wenn die Schritte dahin klein und langsam sind.


Die DDR

Die Deutsche Demokratische Republik (DDR) war ein Staat in Mitteleuropa, der von 1949 bis 1990 existierte. Aus der Teilung Deutschlands nach 1945 entstanden, war die DDR bis zur friedlichen Revolution im Herbst 1989 eine kommunistische bzw. realsozialistische Diktatur unter Führung der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED), die sich zum Marxismus-Leninismus bekannte. Die Republik verstand sich als „sozialistischer Staat der Arbeiter und Bauern“ und deutscher Friedensstaat, der die Wurzeln für Krieg und Faschismus beseitigt habe. Antifaschismus wurde zu einer Staatsdoktrin der DDR. Hervorgegangen aus der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ), die mit der Aufteilung des besiegten Deutschland entstanden war, blieben die DDR und ihre Staatsführung, wie die anderen realsozialistischen Ostblockländer, während der vier Jahrzehnte ihres Bestehens weitgehend von der Sowjetunion abhängig.

Die herrschenden politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse stießen teils auf Ablehnung, doch nur selten auf aktiven Widerstand in der Bevölkerung. Unverkennbar war dieser aber in der Frühphase beim Volksaufstand des 17. Juni 1953, der von sowjetischen Truppen niedergeschlagen wurde. Deutliche Ablehnung signalisierte auch die den Staat in seiner Existenz bedrohende Abwanderungsbewegung, die durch den Bau der Berliner Mauer 1961 drastisch eingedämmt wurde. Das Ministerium für Staatssicherheit (kurz MfS oder umgangssprachlich „Stasi“) wurde ausgebaut zu einem die ganze Gesellschaft durchdringenden Organ der Überwachung und gezielten Zersetzung oppositioneller Aktivitäten und Gruppierungen. Das staatliche Erziehungs- und Bildungswesen war vom Kindergarten bis zur Universität auf die „Erziehung zur sozialistischen Persönlichkeit“ gemäß der Ideologie des Marxismus-Leninismus ausgerichtet. Dem SED-Führungsanspruch waren Blockparteien und Massenorganisationen in der DDR unterworfen, nicht nur bei den über eine Einheitsliste abgehaltenen Volkskammerwahlen, sondern auch durch ein ausgedehntes Kontrollsystem bei der Besetzung von Leitungspositionen aller Art im Rahmen der Kaderpolitik.

Das undemokratische politische System und wirtschaftliche Schwächen führten zu einer zunehmenden Demoralisierung der Bevölkerung, besonders seit der ersten Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (1973). Mit dieser Konferenz wurden Anträge auf Ausreise möglich, gegen welche der Staat trotz vielfältiger Schikanen im weiteren Verlauf nicht ankam. In der Endphase intensivierte die Weigerung Erich Honeckers, den von Michail Gorbatschow in der Sowjetunion angestoßenen Reformprozess auch in der DDR wirksam werden zu lassen, sowohl das Ausreisebedürfnis als auch die Protestbereitschaft. Auch innerhalb der Machtstrukturen der DDR schwand der Rückhalt für das System, die 1989 offen ausbrechenden friedlichen Proteste vieler Bürger wurden nicht mehr niedergeschlagen. Diese Proteste und eine Ausreisewelle über Ungarn und die Tschechoslowakei waren wesentliche Bestandteile der Wende und friedlichen Revolution in der DDR, die im unerwarteten Fall der Mauer am 9. November 1989 gipfelte und letztendlich dem Ende der DDR und der deutschen Wiedervereinigung den Weg bereitete.
(Quelle: Wikipedia)

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