Manchmal ist sie mit einem Zeh im Himmel

Raphaela Krojer ist Leiterin der Seelsorge im LKH Oberwart. Ihr Herz hängt besonders an der Onkologie- und Palliativstation. Wenn sie ein Krankenzimmer betritt, sind es nicht nur ihre orangen Haare, die ein Strahlen in den Raum bringen. prima! über eine Berufene, über den Umgang mit Schwerkranken, über Glücksmomente und - den Augenblick des Sterbens.
Nicole MÜHL / 26. Oktober 2016
Foto: prima!

„Wenn ich hier deine Hand loslasse, hat der liebe Gott drüben seine schon nach dir ausgestreckt“. Raphaela Krojer hat diesen Satz schon oft in ein Ohr geflüstert. Im Moment des Sterbens. Wenn das Loslassen noch zaghaft ist – dann hilft der Glaube. Eine von unzähligen Erfahrungen der Seelsorgerin.

Die intensivste Begegnung, die sie je hatte, war die Sterbebegleitung einer jungen, schwerkranken Frau. Wochenlang ist sie jeden Tag zu ihr ins Zimmer gegangen. Um die Angst vor dem Sterben ein wenig kleiner zu machen – oder um einfach nur gemeinsam zu schweigen. Für Raphaela sei es die härteste, schwerste, aber auch schönste Begleitung gewesen. Und wieder habe sie dabei das Gefühl gehabt, das sie bei solch intensiven Begegnungen immer habe: „Da ist eine besondere Art von Frieden spürbar. Es ist so, als ob ich meinen großen Zeh in den Himmel halten darf. Bei dieser Frau hatte ich das Gefühl, dass ich sogar mit einem Fuß dort war.“

Raphaela Krojer ist die Leiterin der Seelsorge im Krankenhaus Oberwart. Man könnte auch sagen, die personifizierte Kummernummer. Ihr zweites Zuhause ist die Onkologie- und Palliativstation. Die betreut sie seit 13 Jahren, also von der ersten Stunde weg. „Und die geb‘ ich auch nicht her“, sagt sie energisch. Dafür sei sie viel zu sehr mit ihr verbunden. Am Anfang habe sie daran gezweifelt, ob sie die Seelsorge auf dieser Station schaffen würde. „Ich habe zu Gott gesagt, dass es keine gute Idee ist, wenn er gerade mich hierherschickt. Weil ich mein Herz so sehr reinhänge und die Begleitung hier oft eine enorm intensive ist“, sagt sie und reibt sich mit ihrer zierlichen Hand den Kopf. Heute weiß sie, dass der Plan ein guter war. Auch das Loslassen habe sie gelernt. Die Liebe zu den Menschen sei unverändert.

Der Begriff Pastoralassistentin klingt bei ihr nicht nach Beten – zumindest nicht nur – sondern hat etwas Greifbares. Manchmal sei nicht einmal ein Gespräch gefragt. Manchmal brauche es ganz Simples, um ein wenig Glück in ein Krankenzimmer zu bringen. „Bei einer Frau war es kürzlich ein Fencheltee, weil sie den am Abend daheim immer so gern getrunken hat“, sagt sie. Also ist Raphaela mit einer Kanne angerückt.

46 ist die Seelsorgerin, aber man würde ihr auch weniger Jahre abkaufen. „Das liegt daran, weil es mich erfüllt, Menschen in ihren schwersten Stunden zu begleiten“, sagt sie, während ihr Lächeln breiter wird. Das liege an den Glücksmomenten, die sie mit den Patienten erlebe. Jeden Tag mindestens einen, meint sie. Manchmal sei sie so erfüllt, dass sie das Gefühl habe, über dem Boden zu schweben. Traurigkeit oder Spuren der Hoffnungslosigkeit, die ihr täglich begegnen, sind in ihrem Gesicht nicht zu finden. Elfenhaft wirkt sie mit der hellen Haut, mit den wachen blau-grauen Augen, den orangen Haaren. Und ja, sie ist ganz und gar stimmig, diese Erscheinung.

Auch nach 13 Jahren ist es für Raphaela jeden Tag etwas Besonderes, ein Patientenzimmer zu betreten, die Tür zu öffnen, nicht zu wissen, was kommt. „Aber ich erwarte nichts und vielleicht ist gerade deshalb alles möglich“, sagt sie und wieder ist da dieses Lächeln. Sie wisse nicht, welchen Menschen sie dort begegne und welches Werkzeug sie brauche. „Aber ich lasse mir meine Werkzeugkiste jeden Morgen vom lieben Gott packen“, fügt sie leise hinzu. Und wenn sie erst einmal im Zimmer stehe, dann lässt sie die Dinge einfach passieren. Und da ist viel drin. Die gemeinsame Freude mit einem Patienten, wenn es ihm besser geht. Aber auch die Verzweiflung dort, wo keine Heilung mehr möglich ist. „Ja, auch das gehört dazu. Für uns alle ist es wohl die größte Herausforderung, die eigene Endlichkeit zu akzeptieren“, weiß sie.

Angehörigen fällt das oft schwerer. Da hört sie dann Sätze wie „Das wird schon wieder“, oder „Du musst stark sein“. Raphaela weiß aber, wie wichtig es für Schwerkranke ist, ernst genommen zu werden. „Wie soll man einen Sterbenden begleiten, wenn man sich und ihm etwas vorspielt? Was hilft, ist echt zu bleiben. Und manchmal ist es auch wichtig und gut, wenn man gemeinsam weinen kann“, sagt sie, während ihre Hand nach dem Kreuzanhänger, den sie um ihren Hals trägt, tastet.

Gelernt habe sie das von ihrem Großvater, der ihr ein wertvoller Lebensberater war und den sie, wie sie sagt, bis zur Grenze begleiten durfte. „Er und ich wussten, dass er stirbt und ich habe ihm nie gesagt, dass er kämpfen soll. Wir haben über alles geredet, was da mit ihm passiert. Wir haben gemeinsam geweint und wir haben auch am Sterbebett miteinander gelacht. Da war alles möglich und erlaubt“, erinnert sich Raphaela, während sie lächelt und ihren Anhänger fest umklammert. Und manchmal, meint sie, tut es eben so weh, dass man einfach keine Worte findet. Aber auch das darf sein.

Wie sie den Moment des Sterbens miterlebt? Auf diese Frage folgt ein leichtes Lächeln, während sie die Augen schließt. „Ich sehe den Menschen in diesem Moment als vollkommen. Ja, für mich ist er in diesem Moment eine Perfektion. Jeder.“

Portrait aus Ausgabe 10/2016


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