„Mein Schicksal hat mich verändert“

Auf dem Posten in Hartberg kennt man die Polizistin als hilfsbereit und lebensfroh. Freundlich, humorvoll und „wie ein richtiger Kieberer“, so würden sie Freunde beschreiben. Männer finden sie oft zu stark und zu selbstbewusst, sagt die Single-Frau. Nach einem Schicksalsschlag blieb ihr nichts anderes übrig, als nach dem Motto zu leben: „Aufgeben oder alles geben“. prima! erzählt die Geschichte, wie Elisabeth Schützenhofer aus Grafenschachen ihr eigenes Schicksal zum Anlass genommen hat, um Obdachlosen zu helfen.
Nora SCHLEICH / 29. November 2018
Foto: Nora Schleich

Regelmäßig bringt Polizistin Elisabeth Schützenhofer aus Grafenschachen Sachspenden in die Gruft nach Wien.

 

Über vier Monate lang hat Elisabeth Schützenhofer ihren kranken Vater gepflegt. 2012 ist er verstorben. 2013 dann ein Hochwasser, das auch ihr Haus traf. Der Schock und die Trauer saßen tief. „Irgendwann meinten Freunde und Verwandte, ich müsste abschließen. Also dachte ich, ich nehme das Gewand meines Vaters, mache einen großen Haufen und zünde es an, um einen Schlussstrich zu ziehen,“ sagt sie mit etwas zittriger Stimme.

Aber es kam anders. Beim Aussortieren kam ihr die Idee, die Kleidung zu spenden. Nur einige wenige Erinnerungsstücke hat sie aufgehoben. Den Rest hat Elisabeth in ihr Auto gepackt. „Einfach so, ohne anzurufen bin ich losgefahren, hab die Gruft ins Navi eingegeben und bin in einer Fußgängerzone in Wien gelandet.“ Ein Obdachloser ist auf sie zugekommen und hat gefragt, ob er helfen könne. Gemeinsam haben sie die Sachen in die Gruft gebracht.

„Links und rechts an einem langen Gang entlang in Richtung Kleiderkammer sind Obdachlose gestanden und am Boden gesessen. Wie es bei uns so ist, wenn man einen geschlossenen Raum betritt, hab‘ ich jeden gegrüßt“. Das war der Moment, der sie noch einmal verändert hat, denn der Respekt, den sie den Obdachlosen entgegengebracht hat, der kam zurück. „Dieses ‚Griaß eich‘ hat die Menschen dort wahnsinnig bewegt. Ich glaube einfach, weil ich sie beachtet habe. Die Reaktion der Obdachlosen war beeindruckend und emotional“, sagt sie. Also ist sie wiedergekommen, Monate später, wieder mit einem Auto voller Güter.

Dieser persönliche Kontakt mit Bedürftigen hat sie nicht losgelassen. „Redet man mit den Leuten, merkt man erst wie schnell, tief und unvorhergesehen der Fall in die Obdachlosigkeit sein kann. Keine Arbeit – keine Wohnung, keine Wohnung – keine Arbeit.“ Darum sammelt sie nun privat Spenden, ruft über Facebook auf, ihr Kleidung, Wintersachen, Decken, Hygieneartikel oder auch Hundefutter vor die Türe zu stellen. Sobald das Auto wieder voll ist, geht die Reise erneut los. „Und alle, die jemals mitgefahren sind, waren so beeindruckt, dass sie wieder mitfahren wollen. Sogar Lea, meine 13-jährige Nichte. Ich weiß nicht, ob ich nur Glück hatte, aber noch nie habe ich dort jemanden als aufdringlich empfunden. Im Gegenteil. Alle sind dankbar und freundlich. “ Wie man in den Wald hineinruft….


Die Gruft
www.gruft.at

Direkt unter der Mariahilfer Kirche befindet sich die Gruft. Wie der Name schon sagt, handelt es sich dabei um einen Platz, der ursprünglich nicht für die Lebenden gedacht war.
Doch das hat sich geändert: Seit Advent 1986 ist die Gruft ein Ort, an dem reges Leben herrscht. Sie ist zu einem Zufluchtsort geworden - für Menschen, die auf der Straße stehen, für viele zum einzigen Fixpunkt in ihrem Leben. Durch einen Zubau gibt es seit 2013 auch das lange herbeigesehnte Tageslicht. Bei Tag ist die Gruft in den ehemaligen Pfarrgarten der Mariahilfer Kirche übersiedelt, geschlafen wird immer noch in den Räumlichkeiten unter der Kirche.

Das multiprofessionelle Team der Gruft - bestehend aus SozialarbeiterInnen, BetreuerInnen, PsychiaterInnen, PsychotherapeutInnen und Zivildienstleistenden - bietet mit Unterstützung freiwilliger MitarbeiterInnen aktive Hilfe mit dem Ziel, obdachlose Menschen wieder in die Gesellschaft zu integrieren. Was mit Schmalzbroten und Tee begann, ist heute Wiens wohl bekannteste Obdachloseneinrichtung.

Seit dem Advent 1986 ist die Gruft in den Räumen unterhalb der Mariahilferkirche ein Zufluchtsort für obdachlose Menschen. Die Initiative kam damals vom Pfarrer der Kirche, Pater Albert Gabriel, der mit SchülerInnen des Amerling-Gymnasiums ein Wärmestube einrichtete. Zu Beginn hatte die Gruft zwei Stunden täglich geöffnet. Bald wurden die Öffnungszeiten von 10 bis 16 Uhr ausgedehnt.

Zur Verpflegung kamen weitere Angebote wie Kleiderausgabe, Duschmöglichkeit und Beratung. Weil die Gruft um 16 Uhr geschlossen wurde, stellte sich die Frage, wo sich wohnungslose Frauen und Männer in der Nacht aufhalten. Anfangs waren MitarbeiterInnen in ihrer Freizeit auf der Straße unterwegs, um mit Obdachlosen in Kontakt zu kommen.

24 Stunden täglich

Seit Oktober 1994 ist die Gruft dank der Unterstützung von SpenderInnen und der Stadt Wien rund um die Uhr geöffnet, zusätzlich werden dreimal pro Woche Obdachlose im Rahmen von Nachtstreetworker in Parks, WC-Anlagen etc aufgesucht und betreut.

Im Juli 1996 übernahm die Caritas der Erzdiözese Wien die Trägerschaft der Einrichtung. Ausgehend von den Bedürfnissen der Obdachlosen ist die "Gruft" das geworden, was es heute ist: Eine Betreuungseinrichtung für obdachlose Frauen und Männer, die von den Grundbedürfnissen bis hin zur Beratung ein breites Spektrum an Hilfestellungen abdeckt.


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